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Christa Wolf im Oktober 1989.

Brigitte Reimann und Christa Wolf

Am Ende immer die Katzen

Ein Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Christa Wolf, der über die eine viel mehr verrät als über die andere.

Von Christian Eger

Das Buch ist eine Neuigkeit, auch wenn es nicht in allen Teilen unbekannt ist. Aber die Zutaten sind doch so bedeutend, dass der 1993 erstveröffentlichte Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Christa Wolf nicht nur einen neuen Auftritt, sondern auch eine neue Aufmerksamkeit verdient. Denn inzwischen weiß man, dass Brigitte Reimann (1933-1973) mit ihren posthum veröffentlichten Tagebüchern „Ich bedaure nichts“ (1997) und „Alles schmeckt nach Abschied“ (1998) zwei der wichtigsten Bücher der DDR-Literatur geliefert hat. Zwei Bücher, die bleiben werden, so im besten Sinne rücksichtslos bilden sie die gesellschaftlichen und persönlichen Verhältnisse der Autorin ab, deren Name mit dem Prosawerk „Franziska Linkerhand“ verbunden bleibt.

Die 93er Buchausgabe versammelt neben 60er-Jahre-Auszügen der Reimann-Tagebücher die Schreiben, die von 1968 bis 1973 zwischen den beiden längst namhaften Schriftstellerinnen hin und her gegangen waren. 1968: Da ist Brigitte Reimann, die schon die Erzählungen „Die Frau am Pranger“ und „Die Geschwister“ veröffentlicht hatte, auf dem Sprung von Hoyerswerda nach Neubrandenburg. Christa Wolf (1929-2011) lebt – nach einem dreijährigen Aufenthalt in Halle-Ammendorf – in Kleinmachnow bei Berlin. Die um vier Jahre ältere Kollegin steht mitten in den Kämpfen um ihre Erzählung „Nachdenken über Christa T.“, die 1969 im Mitteldeutschen Verlag in Halle erscheint. 1973 endet der Briefwechsel kurz vor dem Tod der Reimann, die im Alter von nur 40 Jahren in Berlin an Krebs stirbt.

Nun liegt das von Angela Drescher herausgegebene Briefbuch in einer Neuausgabe vor, ergänzt um Tagebucheinträge von Christa Wolf. Deren Mann Gerhard Wolf liefert das Vorwort, in dem der heute 87-Jährige daran erinnert, dass er es gewesen war, der nach einem Besuch in Hoyerswerda seine Frau auf die Autorin aufmerksam gemacht hatte, von der er selbst überaus begeistert war.

Gerhard Wolf schreibt in eigener Sache, die auch die Sache seiner Frau ist, also über eine „Zeitgenossenschaft, die uns heute schon zu entschwinden droht“. Da erscheint ihm das in den Briefen übermittelte Zeitbild, „wahrhaftiger als jede wie auch immer opportune, auch manipulierte Darstellung von Geschichte und ihrer jeweiligen Deutung“. Was das „Entschwinden“ der DDR betrifft, hat Wolf sicher recht. Was das Buch hingegen leistet, ist eine andere Frage. Der Titel ist noch so seltsam wie 1993: „Sei gegrüßt und lebe“, ein Wolf-Zitat. Klingt wie „Seid bereit!“.

Die herzliche Begegnung zwischen Brigitte Reimann und der anfangs als Funktionärin im Schriftstellerverband tätigen Christa Wolf war nicht vorhersehbar. „Auf schmutzige und intrigante Art“ hätte „die Wolf“ ihr einen Literaturpreis „vermasselt“, notiert 1960 die Reimann, die Wolf als „meine beste Feindin“ bezeichnet. 1963 kommt man bei einer Moskau-Reise einander näher, findet 1968 zueinander. Die Gedanken-Literatur der Wolf ist der Reimann fremd (zu „essayistisch“, gesucht, gezwungen), ihr Naturell dem ihren entgegengesetzt: sozial und weltanschaulich geerdet, in den Urteilen fest, nie um einen Ratschlag verlegen, gern auch als Belehrung.

„Die beneidete Christa“

Aber beide Frauen sind etablierte, vielversprechende Autorinnen. Die Reimann fühlt sich vom Interesse der Kollegin geehrt („die beneidete, bewunderte Christa nimmt mich ernst“), die Wolf will wissen, was an der Jüngeren dran ist, der die klugen Männer zu Füßen liegen. Die Frauen bilden eine Fürsorge- und Widerstands-Gemeinschaft; kulturpolitisch geht es in der DDR der 60er Jahre zu wie auf hoher See. Christa Wolf fühlt sich, als habe man ihr „die Hände weggeschlagen“, Brigitte Reimann ist nach ihrem Protest gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen 1968 in Prag „ein schwarzes Schaf“, das der Freundin im Zuge der „Nachdenken über Christa T.“-Kampagne empfiehlt: „Halt Dein Herz fest; Du weißt ja, was Dich erwartet. Man hört schon allerlei von gewetzten Messern.“

Aber ein Gegensatz bleibt doch immer da. Die Affären und Alkohol ausgelieferte Reimann klagt, dass sie selbst notorisch „(aus Neigung?) in die Gesellschaft von Verrückten und Schwulen und von Barkeepern“ gelange, während sie, Christa, „in einer reineren Luft“ lebe, umgeben von „lauter klugen und anständigen Leuten“, die „andere Sorten gar nicht erst“ an sich heranlasse. Woraufhin die Wolf erwidert, dass „ein so lockeres Leben“ nicht zu ihr passe, „ich gucke bloß zu“. „Von meinen Krisen laß ich möglichst wenig nach außen, nur, wenn’s nicht mehr anders geht. Dafür schreibe ich eben.“

Aber doch wenig in diesen Briefen. Von Brigitte Reimann erfahren wir viel, von Christa Wolf deutlich weniger. In den langen Briefen wirkt manches wie Stehsatz; am Ende schreibt Wolf immer von ihren Katzen. Die Reimann attestiert sich selbst „Plapper-Briefe“. Christa Wolf hingegen wird schnell dozierend, hält sich auf Distanz. Bei allem Einsatz für die Freundin bleibt ihr Bild für den Leser vage. 1971, nach einem Besuch bei der von einer Depression heimgesuchten Reimann, notiert sie im Tagebuch: „Wie immer: das zieht mich an, ,interessiert‘ mich – aber ist das Mitgefühl? Berechtigt es mich zu Eingriffen?“

Das alles spricht keinesfalls gegen das Buch, doch gegen die ihm unterstellte zeitdiagnostische Tiefe. Der arbeitet auch die Herausgabe nur in Teilen zu. Wie viele Briefe gab es überhaupt? Wie viele blieben ungedruckt? Manchmal freut man sich über Provokationen, die dann gar keine Antwort finden. Die Entscheidung für oder gegen eine Anmerkung ist nicht immer nachvollziehbar. Interessant ist der Hinweis der Reimann, dass sie eine „Brieffreundschaft“ mit ihrem Kollegen Wolfgang Schreyer gepflegt hat. Wann wird man davon lesen?

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