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Ilse Aichinger im Jahr 1952 bei einer Tagung der Gruppe 47 zwischen   Heinrich Böll (l.) und Günther Eich.
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Ilse Aichinger im Jahr 1952 bei einer Tagung der Gruppe 47 zwischen Heinrich Böll (l.) und Günther Eich.

Nachruf auf Ilse Aichinger

Vom Ende her und auf das Ende hin

„Ratschläge, die nicht zur Vernichtung führen“: Zum Tod der österreichischen Dichterin Ilse Aichinger.

Von Sabine Rohlf

Ilse Aichinger sagte einmal: „Schreiben kann man wie Beten eigentlich nur, anstatt sich umzubringen. Dann ist es das Leben selbst.“ Ihre eigene Geschichte zeigt am besten, wie sie das meinte. Am 1. November 1921 als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers geboren, erlebte sie die nationalsozialistische Bedrohung in Wien: Ihre Mutter verlor 1938 die Arbeit und war ihres Lebens bis Kriegsende nicht sicher, ihre Zwillingsschwester entkam mit einem Jugendtransport nach England, die Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden deportiert und ermordet.

Aichingers erster und einziger Roman „Die größere Hoffnung“ sollte zunächst nur ein Bericht über diese Jahre werden. Als das Buch abgeschlossen war, erwies es sich als hochpoetische Erkundung des Schreckens und der Wege, ihn zu überstehen. Die Medizinstudentin Aichinger war „ins Schreiben geraten“, wie sie es einmal ausdrückte. Sie hängte das Studium an den Nagel und wurde Schriftstellerin. Es war eine Notwendigkeit.

1948 erschienen, passte „Die größere Hoffnung“ schlecht in die verdrängungsfreudige Nachkriegszeit. Zuerst bemerkten den Roman Menschen wie Inge Aicher-Scholl, mit der Aichinger rund ein Jahr lang in Ulm zusammenarbeitete. Der Erfolg kam erst in den 50er-Jahren, es folgten Preise und Übersetzungen. Da war Aichinger schon zur „Gruppe 47“ gestoßen und hatte Günter Eich kennengelernt. 1953 heirateten die beiden – eine glückliche Dichterehe bis zu Eichs Tod im Jahr 1972.

Die beiden waren sich nah in ihrer tiefen Skepsis gegenüber der Welt. Aichinger versöhnte sich nie mit Gewalt und Verlust, auch nicht in der Literatur: „Schreiben ist sterben lernen“, in diesem Satz liegt die ganz Paradoxie einer Dichterin, die in ihrer Arbeit Bedrohung und Tod umkreiste, um „das Leben selbst“ zu gewinnen. Sie schrieb „vom Ende her und auf das Ende hin“ und doch haben ihre Texte hoffnungsvolle, ja magische Momente: „Der Haifisch tröstete sie, wie nur ein Haifisch trösten kann. Und er blieb neben ihnen.“ Das träumt die verlassene Ellen in „Die größere Hoffnung“.

Aichinger misstraute den Wörtern. Sie schrieb langsam und wenig: „Jeder Satz, den man schreibt, muss durch ungeheuer viele ungeschriebene Sätze gedeckt sein.“ Das Ergebnis waren – meist kurze – Texte von beeindruckender Dichte und Genauigkeit. Neben wortkargen Gedichten stehen Beschwörungen der Kindheit oder präzise komponierte Erzählungen, Dialoge und Hörspiele, die sich stets auf unterschiedlichen Ebenen bewegen. Aichinger war eine Meisterin darin, die Realität entgleiten zu lassen, in Träume, mehrdeutige Passagen, Assoziationen. Was sie schrieb, ist oft rätselhaft, paradox, aber nie vage. Wenn sich in ihrem ersten Hörspiel Frauen in Knöpfe verwandeln, ist dies keine sprachverliebte Phantasie, sondern eine bitterböse Parabel über die Gewalt der industrialisierten Welt. Es war eine Überraschung, als die hoch geehrte „Grande Dame“ der Österreichischen Literatur im Herbst 2000 begann, Kolumnen für die Tagezeitung „Standard“ zu verfassen. Die „Neue Zürcher Zeitung“ feierte dies gar als „Sensation in einer darbenden Presselandschaft“.

Diese Kolumnen einer leidenschaftlichen Kinogängerin sowie weitere Filmbesprechungen und Erinnerungstexte wurden zum 80. Geburtstag unter dem Titel „Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben“ zusammengefasst. Wer hier nach autobiographischen Bekenntnissen sucht, wird enttäuscht. Die eingängige Erzählung war nicht Aichingers Art sich zu äußern, dazu verlangte sie sich und der Sprache viel zu viel ab: „Derjenige, der schreibt, ist derjenige der Ratschläge gibt, die nicht zur Vernichtung, sondern zur Erweckung führen. Alle Mitteilungen sind heute gefährdet. Aber derjenige, der schreibt, ob beredt oder unberedt, setzt das Schweigen dagegen. Das bedeutet für mich immer wieder: Das Ergebnis des genauesten, stillsten Hinhörens, das Ergebnis des Schreibens, das Schreiben selbst.“

Mit Sätzen wie diesen erreichte sie nie das ganz breite Publikum, dafür gehören ihre Texte unbestreitbar zum Wichtigsten und Schönsten, was nach 1945 auf deutsch geschrieben wurde. Gestern ist Ilse Aichinger im Alter von 95 Jahren in Wien gestorben.

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