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Das waren noch Zeiten: Anya Schutzbach und Rainer Weiss als Verlagsgründer, 2009.

Weissbooks Verlag

Das Ende eines Traumes

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Der kleine Weissbooks Verlag in Frankfurt muss sich unter das Dach von Union in Zürich begeben.

Das ist ein Zeichen. Und zwar kein gutes. Elf Jahre, nachdem die ersten fünf Bücher erschienen, muss der Frankfurter Weissbooks Verlag seine Selbstständigkeit aufgeben. Das kleine, aber feine Unternehmen begibt sich, wie Verlegerin Anya Schutzbach es euphemistisch formuliert, „unter das Dach“ des renommierten Unionsverlages in Zürich. Praktisch bedeutet das: Am 30. Juni ist für Weissbooks in Frankfurt am Main das Ende gekommen, die Firma zieht in die schweizerische Großstadt um.

Eher en passant verrät die 55-Jährige, das ihr Haus überhaupt nur noch aus ihr und ihrem engsten Mitarbeiter besteht. Und der bleibe in Frankfurt, weil hier nun mal sein Lebensmittelpunkt sei.

Weniger kaufen und lesen

Es ist das Ende eines Traumes. Erzwungen vom rasanten Strukturwandel im Buchmarkt. Es gibt immer weniger Menschen, die Bücher kaufen und lesen. Die Zahlen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte, dienen seither zur Illustration der Veränderungen. Nur noch 44 Prozent der Menschen in Deutschland, die älter sind als zehn Jahre, kauften 2017 ein Buch. Die Zahl der verkauften Bücher sank von 398 Millionen im Jahre 2013 auf 367 Millionen im Jahre 2017.

Vor elf Jahren hatten Anya Schutzbach und Rainer Weiss einen Traum geträumt. Es war die Hoffnung, sich mit qualitätvoller Literatur dauerhaft selbstständig in einer Nische behaupten zu können. Beide Gründer kamen aus der großen Suhrkamp-Familie. Sie hatten in einer Zeit ihr Handwerk gelernt, als Verlage wie Suhrkamp noch eine ganze Kultur in Deutschland prägten und unerschütterlich schienen. Weiss war lange Programmgeschäftsführer von Suhrkamp und Insel gewesen, bevor er sich mit der Verlags-Erbin Ulla Berkéwicz überwarf. Schutzbach hatte als Marketing-Chefin der Suhrkamp-Gruppe gearbeitet.

Der Auftakt für Weissbooks war verheißungsvoll. Es gab viel Lob für das puristische, schwarz-weiße Erscheinungsbild der Bücher, entworfen vom Schweizer Designer Fritz Gottschalk. Der neue Verlag gewann den Titel „Newcomer des Jahres“ auf der Leipziger Buchmesse und den Gründerpreis der Stadt Frankfurt. Die Romane des deutsch-polnischen Schriftstellers Artur Becker heimsten viel Lob der Kritik ein – er erhielt unter anderem den Chamisso-Preis 2009. Es gab auch, in einem bescheidenen Rahmen, so etwas wie Bestseller. Etwa das autobiografische Buch „Die Zwillinge“, die Geschichte der Schwestern Gisela Getty und Jutta Winkelmann, von manchen spöttisch „Die Sirenen der 68er Generation“ getauft. Für die erste Zeit sicherte eine Mäzenin aus der Schweiz das wirtschaftliche Überleben des kleinen Verlages.

Doch dieser Schutz lief aus. Heute sagt Anya Schutzbach im Gespräch mit der FR, sie müsse „strategisch an die Zukunft denken“ und sehr genau überlegen, „was ein Verlag tun muss, um weiter solide wirtschaften zu können.“ Und deshalb entschied sie, ihr kleines Unternehmen unter das Dach des Unionsverlages zu retten. Das geschehe „nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen“.

Und dann folgt ein Satz, der lange nachwirkt. „Nur mit dem Bücherverkaufen alleine kommt man nicht mehr weiter heute.“ Womit aber sollte sich ein Buch-Verlag sonst über Wasser halten?

Was genau ihre Formulierung bedeutet, man begebe sich unter das Dach des Unionsverlages, will Schutzbach auf Nachfrage nicht erläutern. Hat sie ihre Firma verkauft? Kein Kommentar.

Weissbooks behält auch als Teil von Union ein eigenständiges Programm. Der Schweizer Verlag hat sich seit vier Jahrzehnten einen guten Ruf erworben mit Literatur aus Ländern, die abseits des europäischen und US-amerikanischen Marktes liegen – von Afghanistan bis Mexiko, von Zaire bis Ecuador.

Die beiderseitigen Profile ergänzten sich gut, sagt Schutzbach. Union mit seinem internationalen Anspruch werde erweitert durch Weissbooks, das sich auch künftig um die „deutschsprachige Gegenwartsliteratur“ kümmere.

Schutzbach tritt an der Seite des Unionsverlags-Gründers Lucien Leitess in die Geschäftsleitung des Unionsverlages und in den Verwaltungsrat des Unternehmens ein. Leitess freut sich, „mit Anya Schutzbach künftig eine leidenschaftliche Verlegerin, Branchenfrau und Programmmacherin an der Seite zu haben.“

2017 hatte sich Rainer Weiss aus dem kleinen Haus Weissbooks zurückgezogen. Der Traum von der Selbstständigkeit ist ausgeträumt. Das Frühjahrs-Programm von Weissbooks notiert vier Neuerscheinungen, ein Roman von Artur Becker ist dabei. Anya Schutzbach ist in einem kleinen Dorf mit 500 Einwohnern nahe Überlingen am Bodensee geboren. Jetzt kommt sie ihrer alten Heimat wieder näher.

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