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Der österreichische Autor Franzobel.

Franzobel

Ende einer Fahrt auf dem Narrenschiff

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Franzobel erzählt ziemlich klabautermannisch, aber mit schaurigem Kern die Geschichte vom „Floß der Medusa“.

Zweihundertundein Jahr nach dem Unglück der Fregatte Medusa kann man jetzt viele Details darüber im Roman des österreichischen Schriftstellers Franzobel nachlesen. Eine Geschichte, deren dramatischster Teil bekannt wurde, weil einer der Überlebenden einen Bericht darüber schrieb und Théodore Géricault drei Jahre später eines der berühmtesten Gemälde der westlichen Welt davon malte. „Das Floß der Medusa“ (hieß es nicht gleich, aber bald), auf dem 15 Männer überlebten von den 147 Menschen (146 Männer, 1 Frau), die wiederum von den etwa 400 Menschen an Bord hier Rettung gesucht hatten.

Man merkt also sofort, und Franzobel lässt auch sofort Klartext in der Sache reden, dass das ein Monstrum von Unglück ist. 15 von 147 auf einem Floß, das zu Beginn so schwer ist, dass die Menschen hüfthoch im Wasser stecken. Freilich läuft die Medusa erst auf Seite 255 auf die Auguin-Sandbänke vor Westafrika auf, auf Seite 326 beginnt die Ausbootung, auf Seite 367 kappen die ihrerseits überfüllten Rettungsboote die Leinen zum steuerlosen Floß. Auf Seite 469 schneiden sich Hungernde erstmals ein Stück Fleisch von einer Leiche ab. Das Unglück ist eine nervenzehrende Angelegenheit und bahnt sich geruhsam an, und obwohl außerhalb der Geschichte jedermann und innerhalb der Geschichte mancher alles schon weiß / ahnt, zeigt es sich von seiner unaufhaltsamen Seite.

„Das Floß der Medusa“ heißt auch Franzobels Roman, aufgenommen unter die letzten sechs für den Deutschen Buchpreis, der am Montag in Frankfurt vergeben wird, und dabei ein eigenwillig unausgeglichenes Buch. Schwankend könnte man es nennen, um im Bild zu bleiben.

Das Bild zeigt bei Franzobel ein vollgestopftes Narrenschiff, von dem zuweilen auch ein Narr zu berichten scheint, ein allwissender Erzähler, der seine Allwissenheit launig ausspielt und sich auf der Medusa frei bewegen kann. „Und auch wir, die wir vorerst genug gesehen haben von den dreckigen Innereien des Schiffes, dürfen gespannt sein, wie es im Achterdeck (...) zuging.“ Der Erzähler ist auf Kamerafahrt, und dass es 1816 noch keine Kamerafahrt gab, tut nichts zur Sache. Der Erzähler überspielt es nonchalant („Stellen wir uns kurz vor, wir wären eine Fliege ...) beziehungsweise macht ohnehin kein Hehl daraus, dass er selbst aus einer anderen Welt stammt.

Einer der Afrikaner an Bord hat Haut wie „Schokolade mit einem Kakaoanteil von neunundneunzig Prozent“. Die Herrn Offiziere sehen Lino Ventura und Alain Delon ähnlich, einer von ihnen verguckt sich in eine hübsche, wenn auch mit einem aparten Makel versehene Mitreisende: „Das war so, als ob Kate Winslet sich auf der Titanic nicht für Leonardo DiCaprio entschieden hätte, sondern für einen gar nicht mitspielenden Lino Ventura.“ Später kommt es zu Situationen, in denen es keinen Schutz mehr vor der Sonne gibt. „Gut, dass man damals noch nichts von Melanomen und Karzinomen wusste, von UV-Strahlung und Hautkrebs.“ Man nennt es Galgenhumor, man nennt es schelmisch und zuweilen vielleicht sogar barock. Das Läppische zeigt sich neben dem Existenziellen, und es lässt sich mit Fug und Recht sagen, dass das Leben so ist und nicht durchgängig läppisch oder existenziell. Aber man stöhnt womöglich dennoch angesichts des saloppen Tons, der sich klabautermannisch dazwischendrängt.

Denn dem Erzähler – und an dieser Stelle gewiss der Autor mit ihm – ist es um große Zusammenhänge zu tun: „Etwas ist eigenartig, die großen Katastrophen geschehen oft im Verborgenen. Wie bei den Konzentrationslagern, Völkermorden, Foltergefängnissen oder Tragödien um die Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer bekam die Öffentlichkeit auch vom Unglück der Fregatte Medusa zunächst nichts mit.“ Und später heißt es noch: „Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück. Wir können es uns also bequem machen und uns versichern, wir sind anders, bei uns kommt so was nicht vor. Doch ist das wirklich so?“ Aber wie verhält sich das zu dem nachgerade schwelgerischen Genießen, mit dem der Erzähler – offenbar von der sicheren Seite aus – all das Schlimme ausbreitet? Was Franzobel selbstverständlich nicht unterläuft und was trotzdem nicht sehr überzeugt?

Große Zusammenhänge: Im Vordergrund steht im Roman dabei – die Aufzählung von eben zeigt es – der Zivilisationsbruch, der sich aus Sicht der Zeit im Kannibalismus niederschlug. Das war der schockierendste Teil des Medusa-Unglücks, noch dazu in einer Zeit, in der es galt, sich von den „Wilden“ ohne Vertun abzugrenzen.

Dass auch Franzobel das so hervorhebt, schmälert jedoch nun die wirklich starke Seite der Geschichte. Es ist eben keineswegs erst der Zivilisationsbruch, von dem wir doch wissen, noch Schlimmeres wissen – die Aufzählung von vorhin zeigt es –, wie überhaupt offen da liegt, dass nichts Brüchigeres ist als die Zivilisation, die kaum mehr ohne Anführungsstriche genannt werden kann. Die wirklich starke Seite von „Das Floß der Medusa“ ist die totale Unfähigkeit der Führung, die zur Strandung und allem Folgenden führt. Kein Pech, kein Mangel, keine Panne, kein Wetter, allein vielfältiges menschliches Versagen in seiner entsetzlichsten Form (Inkompetenz, Eitelkeit, Dummheit, Gemeinheit). Das ist unfassbar, dramatisch alltäglich, und man schlottert noch lange vor Angst.

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