Picasso

Empörendes Altern

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Frankfurts Städel Museum zeigt Picassos meisterhafte Druckgrafik in einer wahrhaftig erlesenen Ausstellung.

Er wollte es wissen. Auch wegen der Armut. Sie war ihm nicht einerlei, im Gegenteil, sondern für ihn mindestens dreierlei. Erbarmungswürdig, bittere Erkenntnis, einsam machend. Denn sonst hätte er seine beiden Hungernden 1904 nicht so radiert, erschütternd in ihrem Elend. Aus dem „Kargen Mahl“ spricht, neben der phänomenalen Meisterschaft des 23-Jährigen, nicht nur Empathie, sondern die trostlose Erfahrung, dass Armut einsam macht. Spindeldürr fließen die Finger des Mannes an der Schulter der Ausgemergelten herab, seine andere Hand scheint am Unterarm der Frau einen Halt zu suchen. Mann und Frau, einander abgewandt.

Und ist der Abgebildete womöglich blind? Von der Angst um das Augenlicht wurde der Augenmensch Pablo Picasso auch im hohen Alter getrieben, mit über 80, worauf jetzt ebenfalls eine Ausstellung im Städel hinweist, eine Kabinettausstellung mit den Druckgrafiken des Meisters. Es sind wahrhaftig exquisite Arbeiten aus eigenen Beständen, bereichert durch einige Leihgaben, kuratiert von Theresa Nisters. Die Schau prunkt nicht, vielmehr feinsinnig zusammengestellt führen 60 Arbeiten durch sechs Jahrzehnte des künstlerischen Schaffens, präsentieren zudem ein Spektrum an Techniken und Themen.

Es sind die großen Picassomotive, die die Ausstellung vor Augen führt. Der Maler und seine Modelle, das Atelier als feste Bleibe des Eros. Der Zirkus als prekäre Heimat der Heimatlosen. Der Stierkampf als Austragungsort des Machismo. Picasso war kein zimperlicher Künstler. Im bulligen Minotaurus sah er sein Ego – unter den 23 Blättern befindet sich nicht von ungefähr die Arbeit „Der blinde Minotaurus von einem Mädchen durch die Nacht geführt“.

Wahre Picassokenner werden in der malerisch-flächigen Mezzotinto-Arbeit ebenso wie in den vibrierenden Linien, den tanzenden Strichen und nervösen Überschneidungen die Lebensumstände des Künstlers herauslesen können, seine Lebenskrisen, die Konjunkturen seiner Liebesumstände. Mittig inszeniert eine Plastik aus Städelbeständen, ein 1932 entstandener Frauenkopf mit wüst hervorquellenden Augen, einer phallischen Nase, das Haar wie Wülste – ein Porträt seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter, so heißt es. Einzelne Züge der exzeptionellen Darstellung spiegeln sich in den Abzügen aus der Serie „Suite Vollard“ an den Wänden, als Variation auf seine Studien aus dem Atelier, auf Darstellungen seiner Modelle, auf Selbstbefragungen des Künstlers, nicht selten integriert in einem mythologischen Kontext.

Picasso verließ sich auf seine Intuition und seine Kreativität. Die Ausstellung wiederum zeigt, wie sehr er sich auf beides verlassen konnte, wie zudem auf seine immensen Fertigkeiten, ob bereits 1904, in seinem Frühwerk, oder bei seinen Lithografien. Die Drucker, mit denen er zu tun hatte, als es um Abzüge mit mythologischen Gestalten und reale Lebensgefährtinnen ging, waren Meisterdrucker, die er mit ungebräuchlichen Werkzeugen, Schabern und Kratzeisen reizte. Picasso, der Provokateur, wollte weit mehr – triumphieren.

In seinen „Salomé“-Darstellungen führte er dem Betrachter selbstbewusst seine sagenhaften Möglichkeiten parodistisch vor. Gleichwohl ist es schick, an ihm herumzumäkeln. Ja, sein Ausstoß an Hingehuschtem und genialisch Hingehudeltem (vor laufender Kamera) war enorm, bedenklich, auch Bluff. Radierung, Kaltnadel, Lithografie und Linolschnitt dagegen sind aufwendige Verfahren, die, mögen die Ergebnisse noch so sehr auf den Effekt hin angelegt sein, der Reflexion bedürfen.

Sehr schön zu sehen, wie die feine Linienführung der frühen Radierungen mit den flächig gehaltenen Lithografien kontrastiert. Während der linke Seitentrakt der Lithografie gewidmet ist, sind im rechten ein halbes Dutzend Linolschnitte zusammengekommen, darunter farbintensive Beispiele dieser Kunst der Hochdrucktechnik, deren Image eher mäßig ist. Zu grob, zu steif – für den kreativen Picasso ein ungemein geschmeidiges Betätigungsfeld. Der „Minotaurus streichelt die Hand einer Schlafenden mit seiner Schnauze“. Ob menschliche Männer oder mythische Fabelwesen, Picasso zeigte sie als getriebene Wesen und Triebtäter. Die „Vergewaltigung“ ist geballte Überwältigung, die schwarzen Konturlinien der Kaltnadel heben die Untat vor einem grauen Hintergrund ab, den Täter als ein Monstrum aus schwellenden Muskeln. Erotik wird fixiert in einem harlinesk-heiklen Augenblick; Sex, so zart und schwungvoll die Konturlinien auch sehr mögen, stellt sich dar als eine verbissen-verkrampfte Anstrengung.

Politisch nutzte der Republikaner seine Prominenz zum Kampf gegen Franco. Nachdem Picasso sich zunächst geweigert hatte, sich mit einem Gemälde am spanischen Pavillon während der Pariser Weltausstellung 1937 zu beteiligen, entstand unter dem Eindruck des Luftangriffs auf die baskische Stadt Gernika durch die nationalsozialistische Legion Condor und Mussolinis Corpo Truppe Volontarie das Monumentalwerk „Guernica“. Im Städel zu sehen die dem Gemälde vorangehende Radierfolge „Traum und Lüge Francos“, zunächst gedacht als Postkartenfolge. Auf den dann zusammengehaltenen zwei mal neun Motiven entstand so etwas wie ein radierter Comic, darin einzelne Motive von der geschundenen Kreatur, die in das antifaschistische Werk monumental aufgenommen wurden. Zwei Radierplatten zählen zu den Leihgaben aus dem Museum Ludwig, wie auch zwei weitere Raritäten sowie ein Mappenwerk mit einem selbstverfassten Gedicht, das als Schenkung ins Städel kam.

Picasso ätzte mit der Nadel politisch gegen den Mord und Totschlag verbreitenden Franco. Soweit die Geschichte. Die exquisite Schau konfrontiert noch mit einem anderen Erbe. Denn das zunehmende Alter war Picasso ein besonders krasser Fall von Verarmung. Von der ganz frühen bis zur späten Druckgrafik ein nicht nachlassendes Aufbegehren, eine virile Auflehnung gegen die Vergänglichkeit.

Städel Museum, Frankfurt: bis 30. Juni. www.staedelmuseum.de

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