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Wiglaf Droste, 1961 in Herford geboren; ist 57-jährig in Pottenstein gestorben.

Wiglaf Droste

Empfindlicher Rabauke

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Zum Tod des Brutalsatirikers, Musikers und Schriftstellers Wiglaf Droste.

Wiglaf Droste sprach erstaunlich langsam, bedächtig, als ich ihm das erste Mal gegenübersaß. Das war 2002, an einem warmen Sommertag. Ein berufliches Treffen, wir wollten eine neue Kolumne miteinander besprechen, es sollte um die Rezension von Hörspielen gehen. Ein Kollege hatte mir den Tipp gegeben, ich solle doch mal den Wiglaf fragen, das sei seine große Leidenschaft. Und tatsächlich, ich traf einen großen Schwärmer, feinsinnig, ja zärtlich, und einschüchternd kenntnisreich sprach er über diese alte, originäre Kunstform des Radios, über ihre große Zeit nach dem Kriege bis in die 60er Jahre hinein, über ihre verschiedenen Formen, die Abgrenzung zum Hörbuch und, mit leicht klagender Melancholie, dass heute immer weniger Hörspiele über die Sender gingen.

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein Glücksfall. Die Frankfurter Rundschau hatte ihren Hörspiel-Kolumnisten gefunden! Wer hätte das gedacht: Wiglaf Droste war uns bis dahin vor allem als satirischer Polemiker, als pfeilschneller und -scharfer, als robuster, im verbalen Schlagabtausch so schmerz- wie angstfreier Kommentator der Zeitläufte aufgefallen.

Allein diese Geschichte, da war er gerade Redakteur bei der taz geworden: Im März 1988 hatte er mit einigen Kolleginnen und Kollegen den Internationalen Frauentag im Lokalteil mit der Abbildung einer Banane in einer Vagina gefeiert. Die „Pornoseite“ löste den taz-Frauenstreik aus. Und so lärmig ging das weiter. Kurz darauf musste die Zeitung eine „Freiheit für Wiglaf“-Kampagne starten, um ihren Redakteur aus der Untersuchungshaft zu retten. Angeblich hatte Droste sich an der Randale zum 1. Mai in Kreuzberg beteiligt.

Wenig später stand er erneut vor Gericht. Er hatte in der taz die Bundeswehr nach dem damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner als „Wehrsportgruppe Wörner“ verhöhnt. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Verbalrabauken wegen Volksverhetzung und Beleidigung der Bundeswehr zu einer Strafe von 2700 Mark. Solche Geschichten promovierten Droste zum Heimatdichter der linken Szene. Und doch: Im Berliner Stadtteil Kreuzberg, wo er lange lebte, in diesem linken Biotop regte er sich über den hier waltenden Politirrsinn auf und sprach von „Arschgeigentum, das nichts mit Freiheit, aber viel mit Rücksichtslosigkeit zu tun hat“.

Droste hatte ein gutes Gespür für politische Irrläufer. So gehörte er zu den ersten in Deutschland, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine von allerlei gefühlsduseligen Solidaritätsadressen ge- und verdeckte Kriegsvorbereitung kritisierten – er wollte kein Pathos, sondern forderte Fakten. Damit und mit seinem unverkennbar brutalpolemischen Talent („Die Endlösung der Dudenfrage“) machte sich Droste auch als Buchautor einen Namen: In seinem mit Gerhard Henschel verfassten satirischen Krimi „Der Barbier von Bebra“ (1996) ließ er sich über die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und den Umgang mit religiösen Gefühlen aus. Darin fallen unter anderem auch Wolfgang Thierse, Rainer Eppelmann und Jürgen Fuchs einem Serienmörder zum Opfer. Selbstverständlich kam es ob dieser Respektlosigkeit zum Eklat.

Dass Droste sich ab und zu von der Punk-Rock-Band Geile Götter begleiten ließ, überraschte da kaum, dass er aber nach 2000 mit Chansons als Sänger in Erscheinung trat, schon eher: Leise konnte er eben auch. Und leidenschaftlich-zärtlich, wie die zusammen mit dem Koch Vincent Klink herausgegebene Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ beweist, eine „kulinarische Kampfschrift“ gegen die Nahrungsmittelindustrie, aber für gutes Essen.

Wiglaf Droste ist mit 57 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit am Mittwoch im oberfränkischen Pottenstein gestorben, wie die Chefredaktion der Tageszeitung „Junge Welt“ am Donnerstag mitteilte.

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