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Emmanuel Carrère „Yoga“: Der Abgrund seines eigenen Ichs

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Von: Christina Lenz

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Emmanuel Carrere.
Emmanuel Carrere. © AFP

Emmanuel Carrère trifft in seinem Roman „Yoga“ auf eine zu tiefe Kluft, um gewohnt leichtfüßig darüber hinwegzuerzählen.

Wer gebannt in die Schluchten menschlicher Leidenschaften blicken wollte, war bei dem französischen Autor Emmanuel Carrère immer an der richtigen Adresse: In seinen Romanen erzählte dieser verlässlich von extremen Erfahrungen und unglaublichen Katastrophen – die Themen stets groß und gewaltig. So schilderte er die Verwüstungen eines Tsunamis, den er während eines Urlaubs zufällig miterlebte („Alles ist wahr“), oder das Leben eines pathologischen Hochstaplers, der schließlich seine ganze Familie auslöscht („Der Widersacher“).

Er erschuf Abbilder der Wirklichkeit, die mitreißen, manchmal Reportagen zum Verwechseln ähnlich und doch kühner, existenzieller, persönlicher. Er berichtete mit Lust von den düsteren Seiten des Menschseins (immer auch seines eigenen), doch er trug seine Leserinnen und Leser mit einer geschliffenen Sprache so leichtfüßig darüber hinweg, dass Abgründe nicht mehr wie Abgründe erschienen, sondern wie hochspannende, lebendige Episoden. Wer Carrère als diesen Erzähler kennt, kommt nach der Lektüre seines neuen Romans „Yoga“ um eine anfängliche Enttäuschung nicht herum.

Denn „Yoga“ hat kein großes Thema. Der Roman erzählt eher lose aus dem Leben des Autors und gleicht eher einer Sammlung von Bruchstücken. Wiedererkennbar ist allerdings sofort der autofiktionale Habitus: Mit der typischen ausgestellten Ehrlichkeit und reflektierten Eitelkeit erzählt Carrère zunächst von einem zehntägigen Yoga-Schweigeretreat in der französischen Provinz.

Ohne Handy und mit dem Vorsatz, Stoff für „ein heiteres und feinsinniges Büchlein über Yoga“ zu sammeln, genießt der Autor eine seltene positive Phase seines Lebens. Er liebäugelt gar in ausschweifenden Introspektionen mit der Vorstellung, ein weiser Mann zu werden, der geduldig „auf einen Zustand der Gelassenheit und des Staunens“ hinwirkt.

Schon hier mag man stutzig werden: Der Autor menschlicher Abgründe auf dem Weg ins Nirvana der Gleichmütigkeit? Kaum zu glauben, und tatsächlich kommt es doch recht schnell zur Carrère-typischen Katastrophe. Der Autor muss sein Schweigeseminar abbrechen, denn während er meditierte, erlebte Paris die brutalen „Charlie Hebdo“-Anschläge. Dabei stirbt ein enger Freund Carrères, Bernard Maris, für den er nun die Trauerrede halten soll.

Das Buch:

Emmanuel Carrère: Yoga. Roman. A. d. Franz. v. Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 341 Seiten, 25 Euro.

Doch wer spätestens hier den Beginn einer atemlosen Erzählung erwartet, liegt daneben. Der Autor beendet das Kapitel abrupt und erzählt plötzlich von einer großen, geheimen Liebe, die ihn unvorbereitet aus seinem bürgerlichen Leben mit Frau und Kind hinauskatapultiert.

Ein Stoff, der zwar wieder in die Katastrophe führt, doch ebenfalls nur ein Kapitel Bestand hat. Viele Themen bleiben im Roman disparat nebeneinander stehen, manchmal nur angedeutet und schemenhaft. Keine Spur von der erzählerischen Verve und Stringenz, mit der Carrères Romane sonst glänzten.

Schnell war man sich in Frankreich einig: Dieses Ungelenke liege an der Scheidung des Autors kurz vor Erscheinen des Romans. Denn seine Ex-Frau erwirkte juristisch ein striktes Verbot, über sie, ihr gemeinsames Leben oder ihre Trennung zu schreiben. Der Autor musste offenbar lange Passagen nachträglich streichen und konnte vieles nicht mehr herleiten oder ausführen. So auch nicht, wie und warum er plötzlich zwischen der Einsamkeit seiner Pariser Single-Wohnung und der Traurigkeit einer Pariser Café-Terrasse immer mehr den Boden unter den Füßen verliert und letztlich mit einer schweren Depression in einer Psychiatrie landet.

Carrère lässt uns an seiner Diagnose einer bipolaren Störung teilhaben, erzählt von wilder Verzweiflung, Todessehnsucht und Elektroschocks. Und schaut damit zum ersten Mal in einen ganz ungewohnten Abgrund: den Abgrund seines eigenes Ichs. Eine Kluft, die sich nicht mehr in eine spannende Erzählung packen lässt, die Carrère nicht mehr mit einem gewieften Schreibstil leichtfüßig überqueren kann.

So gleicht „Yoga“ – und hier wird der Titel plausibel – einem hypnotischen und verzweifelten Kreisen um das eigene Ich, auch wenn Carrère gegen Ende seines Romans doch noch etwas über die Welt erzählen will: Er leiht hier die Bühne seines Schreibens vier jungen Flüchtlingen aus Afghanistan, denen er auf einer griechischen Insel Schreibunterricht erteilt. Menschen, die unmenschliche politische Zustände zunächst in das große Lager von Moria auf Lesbos gespült haben und schließlich auf die Insel Leros. Und die von Heimatlosigkeit, Flucht, Gewalt, Ausgeliefertsein und Einsamkeit zerrüttet sind.

Aber so sehr Carrère gerne der wäre, der sich für diese Geflüchteten und durch sie für den Zustand der Welt interessiert: Dem Sog seines Selbst entkommt er auch an diesem Ort nicht. Es bleibt bis zum Schluss das eigentliche Thema.

Durch das Schüttere der lose aneinandergereihten Episoden blitzt eine berührende Wahrheit durch: Mit seinem mäandernden Schreibstil entfaltet Carrère den schmerzhaften Riss, der durch sein Ich geht. Und den weder Schreiben, noch Meditieren noch Liebe zu kitten vermögen. So spannt der Roman kein beeindruckendes Panorama mehr auf. Er gleicht vielmehr einer ungelenken, einer traurigen, ja einer hilflosen Geste. Einer Geste, die den Blick auf die nackte Existenz freigibt, die wir am Ende alle miteinander teilen. Und diesen Blick hätte eine meisterhafte Erzählung wohl eher verstellt.

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