Thriller

„No Sound“ von Emma Viskic – Nachfragen will er aber nicht

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Ein gehörloser Detektiv? Die Australierin Emma Viskic überzeugt mit dem Thriller „No Sound“.

Schon bei weiteren Caleb-Zelic-Krimis: Emma Viskic. 

Als Hörende hat die Australierin Emma Viskic ausführlich recherchiert, recherchieren müssen, ehe sie einen Roman schrieb – es war außerdem ihr Debüt –, der einen gehörlosen Privatdetektiv in den Mittelpunkt stellt. Denn dem so achtlos und selbstverständlich Hörenden fallen die Tücken eines Lebens als Gehörloser nicht auf. (Die Rezensentin war schon zu Studienzeiten mit einer Gebärdendolmetscherin befreundet und erhielt eine Ahnung davon, aber nur eine Ahnung.) Zum Beispiel ersetzen Licht- die Klangsignale wie Läuten. Der Wecker ist ein vibrierendes Kopfkissen. Und wenn jemand im Gespräch sich achtlos wegdreht, nützt dem Gehörlosen keine so große Fertigkeit im Lippenlesen mehr.

In „No Sound“ (Orig. „Resurrection Bay“, 2015) geht Caleb Zelics Ehe kaputt, weil er Fremden gegenüber nicht zugeben will, dass er gehörlos ist, weil er zu stolz ist zu sagen: Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden, würden Sie das wiederholen? Und keineswegs soll seine Frau, jetzt schon Ex-Frau, einspringen. Caleb ertaubt im Alter von fünf aufgrund einer Krankheit, hat also noch eine Erinnerung an die Lautsprache, er kann gut Lippen lesen, er kommt, verdammt nochmal, allein klar.

Emma Viskic: No Sound. Die Stille des Todes. Thriller. Aus dem Engl. von Ulrike Brauns. Piper, München 2020. 288 S., 15 Euro.

Außer, wenn er nicht klar kommt. Mit der Ex-Polizistin Frankie bildet er immerhin ein eingespieltes Ermittlungsteam, und das seit einigen Jahren. Bis sie für einen aufwendigen Fall – es geht um Einbrüche – den Polizisten Gary hinzuholen. Eigentlich sollte dieser Fall nicht gefährlich sein, aber dann wird Gary, mit dem Caleb schon im Sandkasten spielte, ermordet. Zelic versucht, der Ehefrau, nun allein mit den kleinen Kindern, so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen. Er ist kein strahlender Held, er ist auch blind für die Probleme seiner Detektei-Partnerin.

Emma Viskic lässt die Handlung in einem großen, ziemlich blutigen Showdown enden, doch hätte „No Sound“ so viel Action nicht notwendig gehabt. Denn bis zu diesem Showdown bildet die Autorin nuanciert die Mühen eines Menschen ab, der Namen falsch versteht – denn Namen sind beim Lippenlesen am schwersten, sie müssen erraten werden –, der nicht hört, ob jemand in sein Motelzimmer einbricht, in dem er haust, weil er nicht weiß, wem er noch trauen kann.

Viskic, ausgebildete Klarinettistin, hat ein feines Gespür für Dialoge, arbeitet ihre Charaktere mit Ecken und Kanten aus, gibt mit der größten Selbstverständlichkeit Caleb eine Koori-Exfrau – weiße Australier erzählen so gut wie nie von Aborigines, geschweige denn, dass sie sie zu Hauptfiguren machen. Der fabelhafte Peter Carey traute es sich erst 2017 mit „Das schnellste Rennen ihres Lebens“ zu, seinem 14. Roman.

Viskic macht Hautfarbe zu keiner Zeit plakativ zum Thema, sie forciert auch nicht die Probleme, die ihr Protagonist wegen seiner Gehörlosigkeit im Alltag hat. Sie erzählt sorg- und einfühlsam und angenehm klischeefrei.

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