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Auf der New Yorker Weltausstellung 1964 blieb diese nach damaliger Vorstellung ideale Familie in der Spur.
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Auf der New Yorker Weltausstellung 1964 blieb diese nach damaliger Vorstellung ideale Familie in der Spur.

Emma Flint

So eine tötet auch ihre Kinder

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„In der Hitze eines Sommers“, Emma Flints Roman über eine Frau, die Liebe suchte und Verachtung fand.

Schon seit ihrer Kindheit, gibt Emma Flint zu Protokoll, lese sie besonders gern Berichte über reale Verbrechen, englisch „true crime“. Sie hat zudem in London, wo sie auch lebt, die Faber Academy für kreatives Schreiben besucht. Diese Kombination müsste freilich nicht unbedingt zu einem so feinen, vielschichtigen Debütroman führen, wie es „In der Hitze eines Sommers“ ist. Im Original erschien „Little Deaths“ bereits 2017, Susanne Keller hat den Roman nun sorgfältig übersetzt.

Mit allen künstlerischen Freiheiten und viel Fingerspitzengefühl aufgegriffen hat Emma Flint hier den Fall der US-Amerikanerin Alice Crimmins. Im Juli 1965 verschwanden Missy, vier, und Eddie Jr., fünf, aus der Erdgeschoss-Wohnung in New York, in der die geschiedene Crimmins mit ihren beiden kleinen Kindern lebte. Missy wurde noch am gleichen Tag stranguliert gefunden. Eddie einige Tage später, die Todesursache war nicht mehr eindeutig feststellbar.

Die Polizei konzentrierte sich von Anfang an auf die Mutter, fand aber herzlich wenig. Drei Jahre lang wurde Alice Crimmins überwacht und belauscht, ehe es 1968 zur Festnahme, Anklage und einer ersten Totschlags-Verurteilung lediglich aufgrund von Indizien kam. Crimmins ging in Berufung, das Urteil wurde aufgehoben. 1971 wurde sie erneut verurteilt, 1973 wurde dieses Urteil aufgehoben. Noch im gleichen Jahr wurde sie wieder verurteilt. 1977 begnadigt. Schon damals dürfte klar gewesen sein, dass die Ermittlungen höchst lücken- und fehlerhaft waren; es folgten mehrere Bücher über den Fall, der vor allem eines war: Beleg für Voreingenommenheit.

Emma Flint interessierten daran denn auch die gesellschaftlichen Bedingungen Mitte der 1960er, die Prüderie, Doppelmoral, der Misogynismus, die Vorstellungen, wie eine „gute Mutter“ zu sein hat, die wiederum dazu führten, dass die berichtende Presse sowie die – damals wohl ausschließlich männlichen – Polizisten unfähig waren, Abstand zu nehmen von ihren Vorurteilen. Denn Alice Crimmins, die bei Flint Ruth Malone heißt, war in den Augen von Journalisten und Beamten „ein Flittchen“ – und darum schuldig.

Das Buch:

Emma Flint: In der Hitze eines Sommers. Roman. Aus dem Engl. von Susanne Keller. Piper Verlag, München 2020. 416 S., 16,99 Euro.

War sie nicht stets wohlfrisiert, penibel geschminkt, kam sie nicht in hohen Schuhen und kurzem Kleid daher, arbeitete als Kellnerin in einer Bar, war außerdem geschieden und pflegte diverse „Männerbekanntschaften“? „So einer“, die ihren nächtlichen Job auch noch gern zu machen scheint, die sich womöglich als Prostituierte was dazuverdient, sind Kinder doch nur lästig.

Emma Flint macht deutlich, dass Crimmins/Malone nicht auf Fairness und schon gar nicht auf Mitgefühl hoffen durfte. Sie widersteht aber der Versuchung, ihre Figuren zu überzeichnen: Weder ist einem diese junge Frau sympathisch, noch sind die Ermittler schwarz-weiße Pappfiguren. Dazu müsste diesen Männern ihrer Zeit ihre Frauenverachtung erst einmal bewusst sein.

Und auch der Reporter Pete Wonicke, der nach einigen Tagen reißerischer Berichterstattung ein schlechtes Gewissen bekommt und beschließt, Ruth Malone helfen zu wollen (ohne viel Erfolg), ist eine schillernde Figur: Er ist wie besessen von dieser attraktiven, sexy auftretenden Frau, immerzu denkt er an ihr rotgoldenes Haar, ihre Elfenbeinhaut, ihre Lippen. Er glaubt an Ruths Unschuld, seit er in ihren Augen nichts als Verwirrung und Angst gesehen zu haben meint. Er benimmt sich wie ein Stalker.

Ruth Malone ist jung und vielleicht ein wenig naiv, als sich in der US-amerikanischen Gesellschaft große tektonische Platten gegeneinander zu verschieben beginnen. Allemal werden erste Regungen einer rebellischen Generation in New York zu spüren gewesen sein. Vielleicht denkt sie deswegen, sie habe das Recht, sich von ihrem Mann zu trennen, wenn die Ehe doch nicht mehr funktioniert, das Recht, einen Beruf auszuüben, zu rauchen, trinken, flirten. Sich nach Liebe zu sehnen, die wahre Liebe zu suchen. Während sie sich gerade deswegen – so wurde es der kleinen Ruth eingebläut – keinen Pickel, keine Laufmasche, keinen Schweißtropfen, nichts weniger als Perfektion gestattet. Und nicht versteht, warum ihr das plötzlich zum Nachteil gerät. Sie soll sich doch bitte vor Gericht dezenter kleiden und schminken, flache Schuhe anziehen, rät ihr der Anwalt.

Sie tut es, aber da ist sie in der öffentlichen Wahrnehmung längst die Mutter, die keine Träne vergossen hat um ihre Kinder, die, als ihr Sohn noch vermisst wurde, ein enges schwarzes Kleid kaufen ging. In einer Modeboutique, man denke. Aber sie muss doch in Schwarz gehen, findet Ruth, auch wenn ihr Schwarz gar nicht steht und sie darum nichts Passendes im Schrank hat.

Ruth Malone ist eine Frau mit Komplexen, Schwächen, Dunkelheiten. Ja, sie hat ihre Kinder oft alleingelassen. Und ja, sie hatte Sex mit Männern, während ein Zimmer weiter die Kinder schliefen – oder mithörten. Dass sie sie auch geliebt, keineswegs schlecht versorgt hat, das können sich die ermittelnden Polizisten, das kann sich die nur mit Männern besetzte Geschworenenjury nicht vorstellen. Und Ruth Malone kann sich tragischerweise nicht vorstellen, dass es wichtig wäre, einmal nicht verführerisch zu sein.

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