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Emma Braslvsky.

Zukunftsroman

Emma Braslavsky: Die zehn Gebote gelten nicht mehr

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Und der Mensch wird zum Auslaufmodell. Emma Braslavsky schaut mit ihrem Roman in die Zukunft und sieht kluge Roboter.

Dieser Roman wagt etwas. Emma Braslavsky blickt in „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ nur ein paar Jahre nach vorn, da kann Berlin noch fast so aussehen wie heute. Die Straßenzüge in Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Wedding sind noch gut zu erkennen. Die Bewohner aber haben sich verändert. Wer genau hinschaut, kann bei einem zufälligen Spaziergang „4921 lebendige Menschen und 5833 künstliche“ zählen. Außerdem gibt es jede Menge Krähen, weshalb die Frage aufkommt, warum nicht die statt eines Bären im Wappen stehen.

Humanoide Roboter haben hier längst lästige Arbeiten übernommen, sind inzwischen auch dafür zuständig, die Sehnsucht zu stillen. Niemand muss mehr einsam sein. Damit ist die Autorin dicht an der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, denn tatsächlich werden heute schon Roboter in der Industrie eingesetzt, in der Pflege und auch für Liebesdienstleistungen erprobt.

KI und AI als Kürzel für künstliche (artificial) Intelligenz haben aus der Geheimsprache der Wissenschaft in die gesellschaftlichen Debatten gefunden. Sophie Wennerscheid erörtert in ihrem Buch „Sex machina“ (Februar 2019), was es für die Liebe bedeuten kann, wenn der Mensch sein Begehren auf eine Software richtet, Isa Willinger zeigt in ihrem Dokumentarfilm „Hi, Ai“ (März 2019) Roboter als hilfreiche Gesellen in kommunikativen Berufen, Ian McEwan lässt in seinem Roman „Maschinen wie ich“ (April 2019) eine Puppe mit künstlicher Intelligenz zum Familienmitglied werden. Und derzeit, berichtete im August die Wochenzeitung „Die Zeit“, wird in Labors an vielen Orten der Welt daran gearbeitet, Robotersystemen so etwas wie eine emotionale Intelligenz beizubringen, damit diese auch Gefahren abschätzen können.

Emma Braslavsky, 1971 in Erfurt geboren, in Berlin lebend, wagt mit „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ etwas, weil sie die Wesen mit der künstlichen Intelligenz nicht weiter nur wie Beiwerk auftauchen, sondern vorangehen lässt. Schon allein deshalb sei ihr Roman hier sehr zum Lesen empfohlen. Was ihre Figuren tun, ist zwar programmiert, weil deren Datensatz ihre Handlungsmöglichkeiten bereithält. Doch auf der (noch futuristischen) Höhe ihres Entwicklungsstands erscheinen Bewegungen, Aussagen, Entscheidungen quasimenschlich.

Beata zum Beispiel ist als Partnerin gemacht, kann wunderbar kochen und weiß, dass eine Suppe mehr wärmt als gute Worte. Ihr Sensorium ist darauf ausgerichtet, einen Menschen glücklich zu machen. Roberta dagegen, Hauptfigur des Romans, kommt als KI-Kriminalbeamtin in ein Sonderdezernat, um dort effektiver zu arbeiten als die Kollegen aus Fleisch und Blut. Sie ist ständig online und muss dafür weder Laptop noch Smartphone anwerfen. Die sichtbaren Technik-Attribute dieser künstlichen Frauen sind nur noch die Ladekissen, auf denen sie gelegentlich ausruhen müssen.

Weil der Mensch offenbar nicht für die schöne neue Welt geschaffen ist, grassiert in Berlin ein Selbstmordfieber. Immerhin ist das noch eine Entscheidung seines freien Willens. Zunehmend muss die Stadt für die Begräbniskosten aufkommen, weil die scheidenden Menschen Spuren verwischen, damit keine Verwandten zahlen müssen. Die Ermittlerin Roberta soll Hinterbliebene finden. Gelingt das Experiment, wird die Polizei mehr Kollegen ihrer Art einsetzen; dann würden sich die Anschaffungskosten amortisieren. Der Tote des ersten Auftrags von Roberta kommt dem Leser schnell aus der Vorhandlung bekannt vor. Leider verzettelt sich die Autorin mit dieser Aufgabe. Sie baut den Fall eines gescheiterten Sohns aus prominenter Familie zu kleinteilig aus und verliert dabei die Fragestellung von Robertas Einsatz aus den Augen.

Auch was die neuen Lebensbedingungen für die Menschen bedeuten, scheint Emma Braslavsky bald weniger wichtig als die Veränderung der humanoiden Roboter unter Live-Bedingungen. Dies jedoch liest sich sehr reizvoll. Eigentlich würde deshalb McEwans Titel „Maschinen wie ich“ auch gut zu ihrem Buch passen. „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ steht jedoch zugleich für das Verspielte in ihrem Schreiben, wie sie es schon in ihrem mit fantastischen Elementen gespickten Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ (2016) gezeigt hat.

Die Sprache Braslavskys bewegt sich hier zuweilen im Grenzbereich zum Slang der Computernerds: „Die Nacht war mächtig, sie war die Influencerin der Gefühle, sie steuerte die Gemüter im Dunkeln, dort erfand oder zerstörte sie das Glück.“ Sie balanciert mit Wendungen aus Science Fiction, Technik und Umgangssprache, mal gekonnt witzig, mal überdreht. Etwa, wenn das Leben eines Menschen als „Partitur der Mangelerscheinungen“ erscheint und später „die Partitur des Hackbratens“ in „ein biochemisches Strukturwerk“ zerfällt. Oder wenn der Berufsverkehr sich „wie eine endlose Prozession“ durch die Straßen schiebt.

Viele Ideen Braslavskys sind einleuchtend, wenn Roberta am Menschen das richtige Verhalten lernen will. Als die Roboter-Polizistin sich bei der menschlichen Kollegin beklagt, der sie ihre Arbeitsberichte abliefern muss, „nichts ist hier logisch“, antwortet die mit trockenem Humor: „Willkommen auf der Erde.“ Und als ein Bezirksamtsmitarbeiter sie am Telefon unfreundlich abserviert, grübelt sie lange nach und glaubt dann, es sei „eine ungewöhnliche Grußformel, die sie noch nicht zuvor gehört hatte, denn er konnte nicht ernsthaft gemeint haben, sie solle ihm am Arsch lecken.“

Andere Gedanken erscheinen schnell hingeschrieben. So ist es eigentlich ein toller Moment, wie Roberta einen Pfarrer beim Lügen ertappt. „Wieso tat er das, wo er doch die zehn Gebote befolgen musste?“, fragt sie sich. „Sie konnte keinen Orgasmus bekommen, weil sie ein anderes Programm installiert bekommen hatte, das ihr die Regeln vorgab. Hatte er die zehn Gebote nicht installiert bekommen? War er ein Schwindler? Oder wurde er nicht ordnungsgemäß gewartet?“ Das Verb „bekommen“ rumpelt.

Der Robotermann bei McEwan wird seinen Menschen unpraktisch durch seine Klugheit und Unbestechlichkeit. Die Roboterfrau, „sauteurer Testlauf“ für das Innenministerium, soll als Sonderermittlerin effektiver arbeiten als ihre Kollegen. Setzt sie das ein, was ihrem Verwandten bei McEwan zum Verhängnis wird, kann sie eigentlich nur erfolgreich sein. Aber Braslavsky liefert nicht das Erwartbare. Nach 200 Seiten stellt sich ein, was die Autorin anfangs flapsig formulierte: „Der einzige Durst, den Roberta verspürte, war der nach Identität.“ Wie sie den stillt, wird jetzt nicht verraten.

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