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Emine Sevgi Özdamar: Ihr Bruder Georg Büchner

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Von: Judith von Sternburg

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Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis im Staatstheater Darmstadt.
Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis im Staatstheater Darmstadt. © dpa

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ehrt in Darmstadt Emine Sevgi Özdamar, Iris Därmann und Niklas Maak.

Emine Sevgi Özdamar, 1946 in Malatya geboren, erzählte ihre Dankrede zum Georg-Büchner-Preis so, dass sie nach kürzester Zeit einen solchen Satz hinschreiben konnte: „Ich legte das Taschentuch mit den Tränen meiner Mutter in meinen Schulatlas, genau zwischen die Seiten, wo Europa abgebildet war.“ Geweint wurden die Tränen in einem Kino namens Flugzeugkino, in dem französische und italienische Filme zu sehen sind, der Besitzer verteilt Taschentücher mit guten Gründen, zu Hause raucht der Vater ein paar Wochen wie Jean Gabin, dann wie Rossano Brazzi, die Mutter bringt „in ihrem Gesicht und mit ihrem Körper“ Silvana Mangano und Anna Magnani mit nach Hause. Das Kind Emine bringt die merkwürdigen Namen mit ähnlich klingenden türkischen Wörtern zusammen, so kommt es zu „Seele Gabin“ und „Brazzi Ein bisschen besser“ und zu einer allmählichen Annäherung, denn: „Ich wuchs in Istanbul, ohne von Georg Büchner zu wissen, auf“, lautet gleich der erste Satz und wartet vermutlich nicht zufällig mit einer grammatikalischen Spezialität des Deutschen auf, während Deutschland noch in weiter Ferne liegt.

Präsent sind in der Familie stattdessen die Toten, auch der ältere Bruder des Kindes. Es weiß noch nicht, „dass Georg Büchner mir einmal dieser Bruder, nach dem ich große Sehnsucht hatte, sein würde“. Vorläufig liest es der Großmutter und ihren Freundinnen Romane vor und die Frauen, die nicht lesen können, weinen zusammen um Emma Bovary. Auch sorgt sich die Großmutter um die Familie von Robinson Crusoe, das Kind liest „ihr als Antwort Lügen vor, was seine Kinder aßen, Reis mit Lamm und Mais und Kastanien“. Und während alles immer klarer auf Georg Büchner zusteuert, während das, was Emine Sevgi Özdamar schreibt, die ganze Zeit über im Büchnerschen Geiste geschrieben ist – das Kind kennt ihn noch nicht, die Büchnerpreisträgerin aber natürlich längst –, hört die junge Frau den Namen zum ersten Mal in Berlin, 1966. Das führt noch nicht zu viel, aber wieder zu einer hinreißenden Szene. Ein Freund stellt sie seinem Großvater als „türkische Sultanin“ vor. Der Großvater nach einer Weile: „Bist du wirklich eine türkische Sultanin?“ – „Nein, nein, ich bin für Gleichheit.“

1968 an der Schauspielschule in Istanbul wird es ernst. „Wer von euch kennt Sartre? Keiner? Schämt euch! Wer von euch kennt Büchner? Keiner? Schämt euch!“ Die junge Frau schämt sich vor Büchner, der so jung und Revolutionär, Wissenschaftler und genial war „und wir in seinem Alter so viel Zeit verloren, zu wenig lasen, uns zu wenig Gedanken machten über die Welt. Ich wollte nicht mehr schlafen, weil man beim Schlafen so viel Zeit verlor“. Ihre Sehnsucht, „mein Bewusstsein zu erweitern, zu lesen, zu lernen, hatte mit Büchner zu tun. … Georg Büchner war mein Bruder, der mir auf meinem Weg leuchtete.“ Kein Zufall, erklärte Özdamar in Darmstadt, in allen großen Städten der Welt seien damals die Menschen zusammengelaufen gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassismus, für die Menschenrechte. „Büchners Auftritt war in Istanbul in dieser großen Zeit, er brauchte eine Zeitbewegung.“

Diese Rede war ihrerseits eine Dankrede an Georg Büchner, dessen Lebensspanne mehr als drei Mal in die bisherige der Preisträgerin passt, und sie war ein Stück unangestrengter Literatur. Laudatorin und Literaturkritikerin Marie Schmidt flankierte sie mit dem Staunen über Özdamars Sprache, aber was heißt hier Sprache? „Eine? Hunderte! So viele Rollen und Gestalten nimmt Sprache in ihrem Erzählen an, dass mir das eine Wort immer noch zu blass vorkommt. Man müsste die Literatursprache von Emine Sevgi Özdamar eher wie ein Lebewesen nennen, eine Wetterlage oder eine sehr schnell rechnende Maschine. Jedenfalls wie etwas, zu dem man sich sofort verhalten muss. Ich kann mir eigentlich keine schlappen, passiven Leserinnen dieser Bücher vorstellen.“ Und: „Emine Sevgi Özdamars Literatursprache kommt mir eher vor, als würde sie die Welt ein- und ausatmen“ (dies in der Steigerung des routinierten Literaturkritikbegriffs „welthaltig“). Krähen weissagen der Frau in „Ein von Schatten begrenzter Raum“ (dem großen, nach langer Unterbrechung vorgelegten Roman aus dem vergangenen Jahr, schon einer Art Opus magnum, das jetzt in der verrückten Logik des Geistesbetriebs irgendwie direkt zum Büchnerpreis führte): „Du landest in der türkischen Schublade.“ Schmidt hat dazu Özdamars Bemerkung zur Hand, sie liebe das Wort Gastarbeiter: „Ich sehe immer zwei Personen vor mir. Einer ist Gast und sitzt da, der andere arbeitet.“

Özdamars Werk, so die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die den mit 50 000 Euro dotierten Preis verleiht, verleihe der deutschen Literatur „eine neue poetische Weite“, und geistige Weite und die Weite der Großherzigkeit prägte auch ansonsten den ausführlichen Preisübergabe-Nachmittag im Staatstheater Darmstadt. Denn vorher hatte die 1963 geborene Iris Därmann, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität in Berlin, den mit 20 000 Euro dotierten Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa bekommen. Sie fesselte in ihrer hochkonzentrierten Rede mit einem wenig bekannten Bericht aus Anna Freuds Umfeld über eine kleine Gruppe von Kindern, die den Holocaust im Ghetto Theresienstadt als „unzertrennliche Gemeinschaft“ überlebt hatte. Die verblüfften Forscherinnen beobachteten bei ihnen eine „radikale Form sozialer Geschwisterlichkeit“, die Sigmund Freuds problematischen Geschwisterbeziehungen radikal widerspricht, aber offenbar eine menschliche Möglichkeit darstellt und politisch ihren Platz „im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit“ fordert.

Dazu, so Därmann, habe eine „Ethik der Gabe“ gehört; so traf es sich, dass die Ethnologin Heike Behrend (Autorin des großartigen Buches „Menschwerdung eines Affen“) ihr etwas mitgebracht hatte: die „masque passport“ eines Fliegenden Händlers aus Kamerun in Berlin, die ihm zufolge bei den riskanten Grenzübergängen auf dem Weg nach Europa schützt. Die Augen der Maske seien geschlossen, vielleicht ermögliche das „ein Sehen ohne Augen, das den Machtbereich der Schutzlosen erweitere, „ein kleiner Gott der Flucht“. Auch er gehört zu dem, was Menschen wirklich brauchen, was für ein Labsal ist eine Veranstaltung, bei der das allen Anwesenden klar sein dürfte.

Begonnen hatte der Nachmittag wie immer mit dem mit 20 000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, den Niklas Maak, Jahrgang 1972, Architekturkritiker der FAZ, erhielt. Er lobte den Essay als gefährdete Form – lange denken, lange schreiben, lange lesen –, warnte aber auch davor, das Publikum zu unterschätzen (könne es sich doch auch angesichts eines stundenlangen Podcasts und ewiger Serienstaffeln offenbar durchaus länger konzentrieren als ein Goldfisch) und sah überhaupt als Mensch mitten im Geschehen die prekäre, um nicht zu sagen finstere Situation des Feuilletons und seines Personals in der modernen Zeitungswelt recht klar.

Die Laudatio des niederländischen Architekten Rem Koolhaas hatte für alle, die ihn verstehen (nämlich mitlesen) konnten, einen unheimlich hohen Unterhaltungswert. Nicht nur weil er betonte, es gebe keine niederländische Tradition des Lobens - „wir analysieren und demolieren. Wir sind Bilderstürmer“ –, sondern auch weil er sich dann doch zu schönen Komplimenten vorarbeitete: „Für die häufig enttäuschende reale Welt hat Maak einen narrativen Kubismus erfunden als Gegenstück zur Augmented Reality im virtuellen Raum.“

Akademiepräsident Ernst Osterkamp äußerte in seiner Vorrede sein Entsetzen darüber, dass Putin auch die Hoffnung auf ein nach (mit?) Corona etwas besseres Jahr für das Akademieleben im Februar so endgültig zerstört habe. Er plädierte mit Verve für Kultur in allen Bereichen und erinnerte daran, dass man auch hingehen muss, die Säle füllen, die Bücher kaufen. Das ist nicht wenig, das ist nicht läppisch.

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