Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Die wenigsten Menschen gehen in die Wildnis, weil sie die Wildnis erleben wollen.“
+
„Die wenigsten Menschen gehen in die Wildnis, weil sie die Wildnis erleben wollen.“

Kanada

Emily St. John Mandel: „Das Glashotel“ – Die Gegenleben

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

Emily St. John Mandels kühner wie eleganter Roman „Das Glashotel“ über Finanzbetrug, entwurzelte Menschen – und Geister.

Emily St. John Mandel wuchs auf Denman Island, British Columbia, auf: 51 Quadratkilometer, knapp 1200 Menschen, Wasser und Wald, eine Fähre verbindet die Insel mit Vancouver Island. Fünf Jahre lang, im Alter von 10 bis 15, wurde sie Zuhause unterrichtet, begann in dieser Zeit, Tagebuch zu schreiben.

Sie war 30, als ihr erster Roman erschien, „Last Night in Montreal“, die Geschichte einer jungen Frau, die ein Geheimnis hat. Einen Privatdetektiv gibt es auch. Sie schrieb danach über Menschen, die spurlos verschwinden. Über Menschen, die das Richtige tun wollen – aber na ja, wie es so ist mit den Vorsätzen. Schrieb auch über eine Welt, nachdem sie ein Virus verheert hat („Station Eleven“, 2014). Und zuletzt über das meiste davon in einem Roman, dessen Sprünge (vor und zurück zwischen 1994 und 2029) und Fülle schwindlig machen könnten – dessen Autorin trotzdem immer genau zu wissen scheint, wo sie hin möchte und sich mit Leichtigkeit und Eleganz dorthin bewegt.

Es gibt drei Teile, 16 Kapitel. Es gibt Klammern, Parallelen und Kreise, Perspektivwechsel. Figuren kehren als Geister zurück, als sei es das selbstverständlichste von der Welt.

Eine Klammer ist Vincent („Vincent im Ozean“ ist das erste und letzte Kapitel überschrieben), eine junge Frau, die ähnlich abgeschieden aufwächst wie Mandel selbst es tat. Die früh ihre Mutter verliert, als diese nicht von einem Ausflug mit dem Kanu zurückkehrt. Die als Barfrau jobbt in einem nur mit dem Boot zu erreichenden Sternehotel, mit einer Lobby, „so einsehbar wie ein Aquarium“. Luxus und Natur, das scheint sich blendend zu verkaufen: „Die wenigsten Menschen gehen in die Wildnis, weil sie die Wildnis erleben wollen“, sagt Geschäftsführer Raphael.

Das Buch

Emily St. John Mandel: Das Glashotel. Roman. A. d. Engl. von Bernhard Robben. Ullstein. 400 S., 23 Euro.

Besitzer des Hotels aus Glas ist Jonathan Alkaitis, der „im Finanzsektor“ arbeitet und dessen Frau an Krebs gestorben ist. Vincent kommt mit ihm ins Gespräch, man versteht sich gut, Alkaitis hätte gern eine schöne junge Frau an seiner Seite. Warum also nicht ins „Königreich des Geldes“ wechseln? Sie hat ihn gern, und beim Rest fällt es ihr leicht zu lügen. „Man kann in jeder beliebigen Geschichte so viel auslassen.“ Vincent macht sich nichts vor, sie weiß, dass sie eine Art Vertrag hat mit Jonathan. Emily Mandel erhebt sich nicht über die zwei, die freundlich zueinander sind und sich ihr Leben angenehm machen.

Überhaupt sorgt die Autorin dafür, dass einem die Figuren mit ihren Nöten, ihrem Schmerz und ihrer Trauer nicht allzu nahe rücken – es würde auch hier das Bild des Glases passen, das Mandels unaufgeregte, klare Sprache davor legt. Durchschnittliche Nöte, aber auch eher ungewöhnliche, die Auswirkung sind von Schurkerei und Betrügerei. Denn das ist es, was Jonathan Alkaitis eigentlich ist, ein Betrüger, der ein Schneeballsystem betreibt, der das Geld, das ihm anvertraut wird, gar nicht investiert. Für viele der Betrogenen bedeutet es ein Alter in Armut, sie können froh sein, wenn die Schwester ein Zimmer für sie hat oder ein Wohnmobil im Hof des schicken Hauses steht, das sie sich nun nicht mehr leisten können.

Für einige von Alkaitis’ Angestellten bedeutet es sogar Gefängnis. Einer flieht rechtzeitig nach Mexiko. Einer ist fast erleichtert, als er verhaftet wird. Eine fragt sich, woran Alkaitis erkannt hat, dass sie mitmachen würde. Sie reden sich ein, dass man unehrlich und ehrlich zugleich sein kann, „dass man wusste, man war kein guter Mensch, sich aber dennoch bemühte, in den Randzonen des Schlechten ein guter Mensch zu sein“.

Emily Mandel dehnt die Zeit und rafft die Zeit. Lässt aus. Kommt unerwartet zurück auf Ereignisse und Personen. Auf Vincents Eltern. Auf ihren Halbbruder Paul, der mal besser, mal schlechter mit seiner Drogensucht zurande kommt, als Komponist aber nicht ohne Erfolg ist. Auf eine junge, dann alte und mittellose Malerin, die doch dachte, Jonathan sei ein Freund. Auf Leon, der am Abend, als Vincent mit Jonathan plaudert, zufällig als Gast im Hotel ist: „Er hatte Alkaitis in einer Hotelbar kennengelernt, Alkaitis hatte ihm seine Investmentstrategie erklärt, aber Leon hatte sie nicht verstanden, trotzdem hatte er Alkaitis seine Ersparnisse anvertraut“. Er weint über seine Dummheit. Man trifft Leon und seine Frau wieder, die sich nach dem Zusammenbruch mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, die nun zur „Bürgerschaft des Schattenlandes“ gehören.

Trotzdem ist das nicht in erster Linie ein Roman über das zerbrechliche Finanzsystem oder die Gier des Menschen. Drei Kapitel heißen „Das Gegenleben“: Figuren stellen sich vor, wo sie sich hätten anders entscheiden, wo sie hätten anders abbiegen können. Und Alkaitis vor allem, aber nicht nur er, sieht Geister: Sie kümmern sich nicht um ihn, aber er wird sie, wie sie da im Gefängnishof stehen, nicht los.

So handelt Emily St. John Mandels Roman letztlich vom Schreiben, von seinen unendlichen Möglichkeiten. Nicht nur sie, auch wir können uns jederzeit entscheiden, unsere Geschichte anders zu erzählen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare