feu_emily-carr_070820
+
Emily Carr auf einer undatierten Fotografie, aber möglicherweise mit Ginger Pop.

Kanadische Literatur

Bis sie keine Tränen mehr hatte

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Emily Carrs literarische Skizzen „Klee Wyck“ über das Leben der kanadischen First Nations.

Es ist ein großartig bewegter Wald, wie Emily Carr ihn wieder und wieder malte. Ein gewaltiger Ur-Wald, in dessen Schatten Geister und wilde Tiere wohnen. Auf manchen Gemälden der Kanadierin meint man, die hohen Bäume im Sturm brausen zu hören. Carr gehört zu den bedeutendsten Künstlern Kanadas, an der Westküste des riesigen Landes fasste sie die raue Natur in Bilder, erfasste sozusagen die Natur der Natur. Dazu an kulturellen Zeugnissen fast ausschließlich die der First Nations: Hütten, Totems mit dämonischen Augen.

Die Strapazen, die die gesundheitlich beeinträchtigte, zeitweise kirchenmaus-arme Emily Carr (1871–1945) auf sich nahm, um manchmal lang schon verlassene Dörfer der Ureinwohner aufzusuchen, waren immens. Staunend kann man davon lesen in ihrer Reportagen-Sammlung „Klee Wyck – Die, die lacht“. Die 1941 im Original erschienenen kurzen Geschichten gibt es jetzt im Verlag Das kulturelle Gedächtnis auf Deutsch, da Kanada in diesem Jahr als Gast der Frankfurter Buchmesse vorgesehen war. Alle bereits geplanten Gastländer sind zwar ein Jahr nach hinten gerückt, aber nicht wenige Bücher kanadischer Autoren erscheinen in diesen Tagen oder demnächst, da Verlagsprogramme und Übersetzungen langen Vorlauf haben.

Die 21 versammelten literarischen Skizzen sind herzzerreißend. Aber man denke nun nicht, dass Emily Carr der Leserin die Ohren volljammert: Nein, sie ist ja in einer der Sprachen der kanadischen Indigenen eben jene Klee Wyck – die, die lacht. „Sie hoben mich auf das wogende Deck“, erzählt sie zum Beispiel von einer höllischen Schifffahrt, „und ich plumpste auf die Fischluke und blieb dort ausgestreckt wie ein Seestern liegen.“ Und gleich stellen sich „Mothersills Seekrankheitspillen“ als vollkommen nutzlos heraus und „alle Schicklichkeit (ist) dahin“.

So wenig Carr in eigener Sache ein Blatt vor den Mund nimmt, so wenig sie sich scheut, sich selbst als lächerliche Figur zu zeichnen, so geradeheraus erzählt sie von dem, was sie sieht und erlebt. In der jahrzehntelang in Kanada verbreiteten „Schulausgabe“ wurden, wie die Museumskuratorin Kathryn Bridge im Vorwort erklärt, deswegen einige ihrer Texte zensiert. „Marthas Joey“ zum Beispiel, nur gut zwei nüchterne Seiten über die indigene Martha, die sich eines ausgesetzten Babys annimmt, es aufzieht, bis ihr der Junge von einem Tag auf den anderen weggenommen wird, weil er „ein Weißer“ ist. „Martha weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Dann starb sie.“

Wenn sie malte wie auch wenn sie schrieb, ging es Emily Carr stets darum, das Wesen der Dinge einzufangen, den Grund der Geschichten. „Ich wollte den Orten gerecht werden, genauso wie den Menschen“, versicherte sie. Sie tut das mit schlichter, schnörkellosser, bisweilen zart ironischer Sprache, sie tut das, indem sie den Kern dessen herausarbeitet, was sie erzählen will. Natürlich benützt sie das damals gebräuchliche „Indianer“ und auch die Übersetzung behält es bei. Aber sie ist nie herablassend, stellt sich nicht nur in „Marthas Joey“ mit tiefer Menschlichkeit auf die Seite der Ureinwohner. Lässt ihr jüngeres Selbst zum Fall Joeys sagen: „Es ist abscheulich vom Priester, dass er ihn Martha gestohlen hat.“

Emily Carr ist viel gereist, mühselig gereist, hatte Angst, zu ertrinken, Angst, von einem Fuhrwerk herab in die Schlucht zu stürzen. Manchmal tröstete sie die Gegenwart Ginger Pops, ihres kleinen Griffons. Ureinwohner waren aber allemal verlässliche Führer auch zu entlegenen Siedlungen mit ausgebleichten Häusern, wo Carr besonders großartige Totems vermutete, die sie dann wie besessen zeichnete.

D’Sonoqua zum Beispiel, die „wilde Frau der Wälder“, die Kinder stiehlt und deren Blicke mächtiger sind als alles. „Sie wirkte weder hölzern noch starr, sondern wie ein singender Geist, jung und frisch, der durch den Dschungel wandert.“ Vielleicht mussten die First Nations eine wilde mythische Frau erfinden, die Kinder stiehlt, weil so viele ihrer Babys starben. Geschichte um Geschichte berichtet – manchmal nur am Rand, es war wohl einfach so normal – in „Klee Wyck“ vom schnellen Erlöschen der Kleinen. Von Drillingen etwa, die eine solche Sensation waren, dass man ein Bild haben wollte: „Eines ist gestorben, die anderen beiden haben nie gelebt. Wir haben die Toten behalten, bis der Lebendige starb, dann haben wir sie zusammen malen lassen.“

Es ist nicht verwunderlich, dass Emily Carr auch von Abwanderung berichten kann, von Dörfern, die verfallen, Ureinwohnern, die es in die Städte zieht oder neue, modernere Dörfer. Zu groß sind das Elend und die Plackerei, mit Fischerei und Walfang vor allem, und in der feuchten Kälte gedeiht die Schwindsucht. „Totempfähle nahmen sie nicht mit, damit sie sie nicht in ihrem fortschrittlichen neuen Leben behinderten.“

Die literarischen Skizzen von „Klee Wyck“ legen Zeugnis ab über Not, allgegenwärtigen Tod, eine vergangene Lebensweise. Man ist versucht zu sagen: glücklicherweise vergangen. Obwohl Emily Carr auch von unglaublicher Zähigkeit erzählt, vom Sich-Aufrappeln, vom Lachen und der Freude – und sei es an einem Pfeifchen Tabak. Stoisch sind die Menschen, bereits die Kinder, stoisch ist auch Carr.

Für „Klee Wyck“ wird sie von der zeitgenössischen Kritik gelobt, kann aber 1941 zur Verleihung des Governor General’s Award nicht reisen. Zu schlecht ist ihre Gesundheit, zu sehr hat sie die Abenteurerin strapaziert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare