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Emilia Smechowski.

Polen

Emilia Smechowski über Polen: „Ich will nicht die Erklärbärin für Polen sein“

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Die Autorin Emilia Smechowski über Danzig und Warschau, über politische Polarisierung und über private Identitäten im Plural.

Frau Smechowski, Sie waren auf der Gedenkfeier für Pawel Adamowicz und schreiben: „Zum ersten Mal in diesem Jahr bin ich wirklich verzweifelt. Zum ersten Mal fühle ich mich als Polin, als Danzigern.“ Welche Reaktionen hat der Mord bei Ihnen ausgelöst?
Ich war das ganze Jahr über versucht, mir alles von außen wie eine Ethnologin anzuschauen. Und in dem Moment im Januar ist mir das nicht geglückt. Dieser Mord war so groß und politisch, das war keine private Tragödie. Auf dem Platz vor dem Danziger Rathaus, zwischen all diesen weinenden Menschen, habe ich diese wichtige journalistische Distanz nicht mehr gewahrt, ich wollte es auch nicht. Ich habe gemerkt, dass mich irgendwas mit dieser Menschenmasse verbindet, etwas, das in meiner Zeit in Polen gewachsen ist. Das ganze Jahr über habe ich den Riss, der durchs Land geht, eher nüchtern betrachtet, den Hass auch. Aber unter all den Trauernden hatte ich für einen Moment keine Hoffnung mehr für dieses Land – als Bürgerin, das muss man ja schon sagen, zumindest zeitweilige Bürgerin.

In Polen scheint dieser Riss noch tiefer zu sein als etwa in den USA, der Türkei oder in Deutschland.
Mit den USA und der Türkei kenne ich mich zu wenig aus. Aber verglichen mit Deutschland ist Polen eine traurige Avantgarde, das würde ich schon sagen. So wie das Land ja eine sehr positive Avantgarde war in den Achtzigern. Im Kommunismus gab es eine klare Mehrheit gegen das System, gegen die da oben, das gibt es heute nicht mehr. Es gibt keinen gemeinsamen Feind. Wenn Sie mich fragen, wer in der Opposition das Ruder rumreißen kann: Ich weiß es nicht. Die linksliberalen Kräfte tun sich regelmäßig vor Wahlen zusammen, in unterschiedlichen Koalitionen, und hinterher streiten sie weiter.

Sehen wir in Polen gerade etwas, das uns in Deutschland noch bevorsteht?
So weit ist es noch nicht, trotz des Mordes an Walter Lübcke. In Deutschland wird auf beiden Seiten noch gestritten, es gibt einen Diskurs darüber, wie man mit der AfD umgehen soll. In Polen sind solche Diskussionen vorbei, wenn es sie überhaupt je gab. Jede Seite glaubt, sie sei im Recht, jede Seite hat ihre eigenen Helden, ihre Orte und Medien. Ein Austausch findet nicht mehr statt. Das ist eine gefährliche Situation, und die Regierung befeuert das enorm. Sie will diese Spaltung.

Im Herbst finden Parlamentswahlen statt. Wagen Sie eine Prognose?
Ich wage keine, aber die Umfragen tun es: Stand heute wird die PiS haushoch wiedergewählt. Das ist ja das Problem: Je mehr die Regierung das Land umstrukturiert, beispielsweise, was die Medien angeht, desto größer wird diese Spaltung, desto weniger interessiert auch die PiS-Wähler, dass es einen Dokumentarfilm auf Youtube gab, der über sexuellen Missbrauch in der Kirche berichtet und über 22 Millionen Mal geklickt wurde – aber eben nur von der einen Seite. Das dringt dann gar nicht mehr durch zu der anderen Seite. Der öffentlich-rechtliche Auftrag, die Bevölkerung zu informieren, ist ein Witz.

Ist Präsident Jaroslaw Kaczynski bereits am Ziel?
Ich glaube nicht, dass er sich am Ziel wähnt. Die Frage ist: Wie weit kann er überhaupt gehen? Es regieren ja nicht nur die PiS und Kaczynski, es regiert auch ein Markt. Ausländische Investoren sind bislang noch nicht abgezogen, soweit ich weiß. Und die sollen ja auch bleiben– genauso wie Polen in der EU bleiben soll. Da wären also schon zwei Hebel, an denen die PiS eher vorsichtig sein wird. Beim Rest würde ich sagen, ist Spielraum. Die Medien sind noch nicht alle gleichgeschaltet, es gibt einen starken privaten Sektor. Die Museen, die Theater, die Gedenkorte – überhaupt alle Institutionen mit einem staatlichen Auftrag können weiter auf Linie gebracht werden. Als dem Solidarnosc-Zentrum in Danzig die Subventionen gestrichen wurden, hat die Bevölkerung das Geld in einer Spendenaktion aufgebracht. Aber soll sie das nun Jahr für Jahr machen? Das kann keine Dauerlösung sein. Trotzdem ist so ein Engagement wichtig, auch, damit es die Welt mitbekommt.

In Deutschland würde das ein Interesse an Polen voraussetzen. Doch das scheint nicht groß zu sein. Sie zitieren einen Bekannten, der sagt, der Westen habe Angst, nach Osten zu schauen, weil er nicht wisse, ob er da seine Vergangenheit sehe oder seine Zukunft.
Es gibt grundsätzlich keine Faszination für den Osten, glaube ich. Der Osten hat so etwas Dreckiges, Schambehaftetes – was auch immer eine Reaktion war auf die Arroganz des Westens. In den Kommentaren in Deutschland nach den polnischen Wahlen schwang immer so ein Unterton mit: Tja, ihr da drüben seid eben nicht so demokratieerfahren. Andererseits gibt es auch viele Berührungsängste, und da spielt die Vergangenheit, also auch die deutsche Scham, eine Rolle. Viele Deutsche fahren ja bewusst nach Polen, zu den Gedenkstätten und Denkmälern, den Erinnerungen an das Dritte Reich. Polen ist eben kein Spaßland wie Bella Italia. Es ist nicht sexy.

Sie sind trotzdem zurückgekehrt. Haben Sie versucht, einen Teil Ihrer verlorenen Identität wiederzufinden?
So kitschig und abgedroschen das klingen mag, ich denke schon, dass ich unbewusst irgendwie zu meinen Wurzeln zurückkehren wollte – oder zumindest herausfinden: Passiert da was mit mir? Schließt sich ein Kreis für mich? Und meiner Tochter wollte ich die Chance geben, die Sprache zu lernen. Dass ich aber ausgerechnet jetzt dort war, hatte berufliche Gründe. Es hat mich gestört, wie wenig man in Deutschland über Polen erfährt. Man liest politische Kommentare, den Blick von oben gibt es schon: Die EU soll dies und das machen, beispielsweise. Aber wie geht es den Menschen wirklich? Wie leben sie? Spüren sie, dass sich da was verändert? Ich will nicht behaupten, dass ich das jetzt bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet hätte. Aber ich sehe jetzt vieles klarer als vorher.

Warum sind Sie nach Danzig gezogen und nicht nach Warschau?
Für mich war Danzig die perfekte Stadt, weil ich mit ihr etwas verbinde. Ich liebe das Meer. Danzig hat die richtige Größe, man verliert sich nicht wie in Warschau. Ich mag Warschau nicht, ich wollte da nicht leben – genauso wie ich niemandem raten würde, nach Berlin zu gehen, um Deutschland zu verstehen. Hauptstädte sollte man in diesem Fall eigentlich immer meiden, finde ich.

Sie beschreiben Ihre Sehnsucht nach Polen als bequem. Wo beginnt da die Bequemlichkeit?
Auf eine Art ist Sehnsucht immer bequem, oder nicht? Wir beschreiben das immer so als Qual, als etwas, nach dem man sich verzehrt. Aber Sehnsucht kann auch ein Dauerzustand werden: Im Sehnen muss man nicht in Aktion treten. Dachte ich bisher an Polen, habe ich mich immer auch ein wenig gesuhlt in diesen Gedanken: Ach, da war ich immer mit meiner Oma, da sind wir am Strand spazieren gegangen. Man verkitscht die Vergangenheit ja eh schnell. Dort zu leben, hat mich auf den Boden der Realität zurückgezogen. Ich habe gemerkt: Ich fühle mich hier aber gar nicht zu Hause, es ist überhaupt nicht meins. Gleichzeitig ist da diese komische Erwartung, gleich in der ersten Woche anzukommen, heimisch zu werden. Daran bin ich total gescheitert.

Es gab gesellschaftliche Codes, die selbst für Sie schwer zu knacken waren. Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Code ist: Ohne Geschenk gehst du zu niemandem! Das ist etwas sehr Polnisches. Einmal habe ich eine alte Freundin aus meiner Kindheit getroffen, sie hat meiner Tochter, die sie vorher noch nie gesehen hatte, ein Geschenk mitgebracht und ich hatte keines für ihre. Das war mir sehr peinlich.

In meiner Familie ist es so: Soll ein Abend nicht im Streit enden, wird der Name Kaczynski gemieden. Wie haben Sie es geschafft, mit den Menschen über Politik zu sprechen?
Bei den Polen ist ganz deutlich spürbar, dass sie das Bedürfnis haben herauszufinden, auf welcher Seite der andere steht. Ich hatte das irgendwann auch. Aber da viele Polen sehr zurückhaltend sind und niemals fragen würden: Was hast du gewählt?, muss man es anders anstellen. Man lernt, Hinweise zu lesen. Wenn ein Mann lange Haare hat und einen Dutt trägt, wie ein Vater in der Kita meiner Tochter, dann ist relativ klar: Das kann kein stramm Konservativer sein. So war es in dem Fall auch. Oder wenn jemand oft über die Kirche oder einzelne Priester spricht, dann ist auch eher unwahrscheinlich, dass das ein Linksliberaler ist. Natürlich gibt es auch Linke, die in die Kirche gehen, aber bei denen ist die Kirche eher keine Autorität, die den Alltag bestimmt.

Lagen Sie auch mal daneben?
Ich lag daneben, wenn ich den Fehler gemacht habe zu denken: Na ja, mit den PiS-Wählern kann man nicht reden. Oder: Die PiS-Wähler sind ungebildet und hinterwäldlerisch. Manche waren nämlich sehr wohl offen, auch neugierig auf Deutschland – und etwas überrascht, dass eine wie ich ihnen Fragen stellt.

Was war eigentlich schlimmer: Als Deutsche nach Polen zu reisen oder als Journalistin?
Ich weiß nicht, was schlimmer war, die Kombination war jedenfalls nicht förderlich. Dass ich Journalistin bin, habe ich immer erwähnt – das ist ja auch in Deutschland nicht gerade ein Türöffner. Und das Deutsche merkt man mir an.

Warum denn?
Die Polen kennen Leute wie mich, die checken das sofort. Sie hören, dass ich Muttersprachlerin bin. Aber ich mache einfach zu viele Fehler, um so zu tun, als wäre ich immer dort gewesen.

Zwischen Flucht und Rückkehr liegen dreißig Jahre. Wann hat Ihr Interesse an Polen wieder eingesetzt?
Erst als ich erwachsen war. Und Kollegen und Kolleginnen hatte, die auch aus Polen kamen – nur hatte ich das bisher nicht wahrgenommen. Als ich in Hamburg Volontärin war, habe ich polnische Obdachlose auf der Straße gehört und mich gefragt: Warum sind hier so viele? Die habe ich dann angesprochen, mit meinem damals miserablen Polnisch. Zum ersten Mal war diese Sprache etwas Positives für mich, ein Trumpf – weil ich so an Menschen herankam, an die andere nicht herankommen.

Und sind Sie jetzt eine polnische Patriotin geworden?
Mein Freund, der Deutscher ist und gerade Polnisch lernt, behauptet das manchmal – um mich zu ärgern. Meistens, wenn ich seine Aussprache kritisiere. Also: Nein, natürlich nicht! Nationalstolz, Flaggen, all das geht mir völlig ab, mein Herz schlägt ganz ruhig und gleichmäßig bei einer Hymne, egal welcher. Ich habe eine pragmatische Beziehung zu meinen beiden Pässen, sie sind nur Türöffner. Aber je mehr man von einem Land versteht, desto größer wird die Gefahr, arrogant zu werden. Weil die anderen ja eh keine Ahnung haben. Ich will neugierig bleiben, und nicht die Erklärbärin für Polen sein. Deshalb widme ich mich jetzt auch wieder mehr anderen Themen.

Wie hat Ihre Tochter das Jahr in Polen gemeistert?
Ich habe sie wahnsinnig bewundert für ihren Mut. Vielleicht ist das aber auch einfach Kindsein: Kinder nehmen die Dinge, wie sie kommen. Ich glaube, es war ein großer Gewinn für sie. Sie spricht jetzt fließend Polnisch, und sie ist stolz darauf. Aber sie hat sich auch gefreut, wieder nach Berlin zurückzukommen.

Haben Sie Parallelen zu Ihrer Flucht als Kind gezogen?
Ich habe mich nur gefragt, ob ich den gleichen Fehler mache wie meine Eltern. Weil ich meine Tochter mehr oder weniger im gleichen Alter, in dem ich damals war, rausgerissen habe aus dem, was sie kannte und sie in ein neues Land warf, mit einer fremden Sprache und einer anderen Kultur.

Polnische Aussiedler, die in den Achtzigern nach Deutschland kamen, bezeichnen Sie als Premiumflüchtlinge, weil es ihnen leicht gemacht worden ist, sich zu integrieren. Kann man damals mit heute vergleichen?
Man kann zumindest daraus die Erkenntnis ziehen, dass, wenn die Voraussetzungen stimmen, Geflüchtete sich auch leichter integrieren. Bei den Polen hat das mit einer Art Schuldkomplex funktioniert, weil der deutsche Staat so weit in Vorleistung gegangen ist mit Arbeitslosengeld, Sprachkursen, einem Pass, der schnell ausgehändigt wurde. Integration muss von beiden Seiten kommen, diesen Satz hören wir ja oft. Es funktioniert eben nicht, wenn man eine ganze Gruppe von Zuwanderern als Gastarbeiter bezeichnet und sich dann wundert, dass manche von ihnen unter sich bleiben.

Aufgrund ihrer Biografien müssten polnische Aussiedler oder auch Russlanddeutsche eigentlich mehr Empathie empfinden für Flüchtlinge. Meine Erfahrung sagt mir: Das Gegenteil ist der Fall.
Es ist gar nicht so unverständlich. Der Mensch hat doch das Bedürfnis, zu bewahren, was er erreicht hat. Jemand, der Anstrengungen unternommen hat, hat auch mehr Verlustängste. Das ist ein klassischer Mittelschichtsgedanke.

Würden Sie eines Tages dauerhaft in Polen leben?
Sagen wir so: Wenn ich Geld hätte, würde ich mir eine Wohnung in Danzig kaufen.

Interview: Paul Linke

Zur Person

Emilia Smechowski wurde 1983 in Polen geboren. Sie war fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie einen Urlaub in Italien vortäuschte. Die Badesachen im Kofferraum dienten der Tarnung.

Tatsächlich floh die Familie nach Westberlin, beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft – wie 800 000 polnische Aussiedler in den achtziger Jahren. 2017 veröffentlichte sie ihr Buch „Wir Strebermigranten“. Sie arbeitet als freie Autorin und Reporterin. Für ihre Reportagen wurde sie vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Deutschen Reporterpreis. Ihr Buch „Expeditionen in mein Heimatland“ ist soeben im Verlag Hanser Berlin (256 S., 23 Euro) erschienen.

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