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Die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler.

Literatur

Weltende im Black-Metal-Sound

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Else Lasker-Schülers Texte wurden so oft vertont wie die keiner anderen Dichterin im 20. Jahrhundert – mit guten Gründen, wie eine Forschungsarbeit zeigt.

Kein Gedicht Else Lasker-Schülers ist häufiger vertont worden als „Weltende“, nämlich 67 Mal. Auf Platz zwei folgt das berühmte „Mein blaues Klavier“ mit 53 Vertonungen. Insgesamt haben 416 Komponistinnen und Komponisten 1840 Kompositionen zu Werken der jüdischen Dichterin geschrieben, mehr als 1700 davon sind Gedichtvertonungen. Else Lasker-Schüler ist damit die meistvertonte Dichterin des 20. Jahrhunderts. Im Vergleich zu männlichen Kollegen liegt sie fast gleichauf mit Hermann Hesse, hinter Rainer Maria Rilke, aber deutlich vor Georg Trakl und Gottfried Benn. Die schiere Anzahl der Vertonungen hat die Fachwelt überrascht. Bisher waren Lasker-Schüler-Aficionados lediglich einzelne verstreute Kompositionen bekannt, meist bei kleinen Labels erschienen.

Dass wir nun im Jahr des 150. Geburtstags der Lasker-Schüler ziemlich gut über die Situation ihrer musikalischen Verarbeitung Bescheid wissen, verdanken wir Karl Bellenberg. Er hat mit einer umfangreichen Dissertation, mit der er im Februar mit der Note 1,0 an der Universität zu Köln promoviert wurde, die Wissenslücke geschlossen. Seine Arbeit liefert eine wichtige Ergänzung zur Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe sowie der Erschließung des bildkünstlerischen Werks („Else Lasker-Schüler: Die Bilder“), beide im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erschienen.

Karl Bellenberg, Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, lebt in Heiligenhaus nahe Wuppertal, wo Else Lasker-Schüler 1869 geboren wurde. Er ist 74 Jahre alt und hat nach seinem Renteneintritt Germanistik und Musikwissenschaften studiert. Else Lasker-Schülers Lyrik faszinierte ihn schon früh. Er nahm Orgel- und Kompositionsunterricht und hat als Zwanzigjähriger einige Gedichte selbst vertont. In seiner Arbeit nimmt auch die Interpretation der Gedichte einen großen Raum ein. „Die Sprache selbst ist sehr musikalisch“, sagt Bellenberg. Ihm war es wichtig, die lyrische „Folie“ der Vertonungen zu untersuchen. Dort sieht er auch noch Bedarf für künftige, tiefer schürfende sprachwissenschaftliche Forschungen.

Die klanglichen und rhythmischen Qualitäten der Lasker-Schülerschen Poesie, ihre Melodie und Farbigkeit ziehen Komponisten bis heute an. „Weltende“ ist ein gutes Beispiel für die Musikalität ihrer poetischen Sprache: „Es ist ein Weinen in der Welt,/als ob der liebe Gott gestorben wär,/und der bleierne Schatten, der niederfällt,/lastet grabesschwer./Komm, wir wollen uns näher verbergen .../Das Leben liegt in aller Herzen/wie in Särgen./Du, wir wollen uns tief küssen .../Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,/an der wir sterben müssen.“ Die jüdische Dichterin, gestorben 1945 in Jerusalem, veröffentlichte „Weltende“ 1903 zum ersten Mal. In dem Gedichtband „Der siebente Tag“ von 1905 ist es ihrem zweiten Mann, dem Komponisten und Kunstförderer Herwarth Walden, gewidmet. Paul Hindemith war der Erste, der den Text vertonte, 1917, im Weltkrieg, der vielen wie das Ende der Welt erschien.

Mongolisch, brasilianisch

Neben dem Umfang des Kompositionen-Corpus überrascht auch die Vielfalt der Werke: Neben Liedern fanden sich sinfonische Werke, Schauspielmusiken, instrumentale und geistliche Werke und Unterhaltungsmusik. Die kanadische Black-Metal-Gruppe „A Winter Lost“ hat eine wahrhaft apokalyptische Version von „Weltende“ herausgebracht. Das mongolische „Egschiglen Ensemble“ ließ sich von Lasker-Schüler ebenso inspirieren wie Yara Linss mit brasilianisch gefärbtem Jazz oder Caroline Wunderlich (alias Lina Fai) mit Chansons.

Ein Ziel von Bellenbergs achtjähriger Forschungsarbeit war es, möglichst alle Vertonungen zwischen 1904 und 2018 zu erfassen. Dabei entstand ein umfangreiches Archiv mit Angaben zu den einzelnen Werken, Komponisten, Vokal- und Instrumentalbesetzungen, zu Quellen wie Nachlässen, in denen er meist unveröffentlichte Partituren fand, und Manuskripten, die ihm Komponisten zur Verfügung stellten. Mehr als 900 Partituren und weit über 100 Tonaufzeichnungen umfasst Bellenbergs Archiv, das interessierten Sängern und Forschern offen steht (Kontakt: karl@bellenberg.de).

Neben unbekannten Namen finden sich Werke arrivierter Komponisten wie Paul Hindemith, Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina oder Theodor W. Adorno. Friedrich Hollaender, der später die Musik zu Lasker-Schülers Schauspiel „Die Wupper“ komponierte und bei der Uraufführung 1919 in Berlin am Dirigentenpult stand, schrieb in seinen Memoiren über die erste Begegnung mit ihren Gedichten: „Ich will sie komponieren, alle! Wenn ich es wagen darf, der Musik, die ihnen schon innewohnt, nahe zu treten.“

In seinem Buch porträtiert Bellenberg 30 dieser Komponisten und setzt sich intensiv mit den musikalischen Werken auseinander. Darunter findet sich etwa der 2015 verstorbene Kölner Komponist Ferdinand Henkemeyer mit seinem Zyklus „Wandelhin-Taumelher“ nach Texten von Else Lasker-Schüler für Sopran, Alt, Sprecherin, Frauenchor und Instrumentalensemble. Er gestaltet zentrale Themen ihrer Dichtung und gibt Einblick in das Leben und Schicksal der Dichterin.

Wolfgang Rihm, der auch Goethe, Eichendorff, Hölderlin oder Peter Härtling vertont hat, zeige eine „Vorliebe für hermetische und enigmatische Texte als Inspirationsquelle“, so Bellenberg. In seiner Darstellung von Rihms Vertonung des Gedichts „Nun schlummert meine Seele“ analysiert er, wie die „Offenheit ihrer Metaphorik“ dem Komponisten Freiraum verschafft, um die „semantische Unwegsamkeit“ musikalisch zu entfalten. Zwei Frauenstimmen tragen den Text vor, Mezzosopran und Alt. Bellenberg interpretiert sie als Stimmen des lyrischen Ichs und der Seele, über die es spricht. „Psychologisch gesprochen“ sei das „typisch zur Verdrängung unerträglicher Erlebnisse, unerträglichen Leides“.

Bis heute spielen Aufführungen von Lasker-Schüler-Vertonungen im Konzertbetrieb keine Rolle. Mit dem leichteren Zugang zu Kompositionen durch Bellenbergs Archiv könnte sich das ändern.

Buchinfo

Karl Bellenberg: Else Lasker-Schüler. Ihre Lyrik und ihre Komponisten. Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 2019. 556 S., 89 Euro.

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