Elsa Koester in Berlin.
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Elsa Koester in Berlin.

Elsa Koester – „Couscous mit Zimt“

Wie Heimat schmeckt und wie es ohne sie weitergehen muss

  • vonStefan Michalzik
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Elsa Koesters vielschichtiger und intensiver Debütroman „Couscous mit Zimt“.

Ich habe Gott nie um Kinder gebeten“, lautet der erste Satz dieses Buches. Das Leben genießen, edle Restaurants, ein ausschweifendes Nachtleben: Das ist es, worauf das weibliche Ich des Prologs in jungen Jahren aus ist. Kinderkriegen, eine Plage bloß. Übelkeit, Erbrechen, kein Mann schaut einen mehr an. Und dann erst die Geburt.

„Pieds-noirs“ – Schwarzfüße –, so werden in Frankreich Menschen genannt, die aus den einstigen Kolonien im Maghreb zurückgekehrt sind. Die Schriftstellerin Elsa Koester, geboren 1984 in Berlin und dort als Redakteurin bei dem Wochenblatt „Der Freitag“ tätig, ist die Tochter einer „Pieds-noirs“ und eines Ostfriesen mit US-amerikanischem Hintergrund. Es ist ganz offenkundig das eigene rekonstruierende Zusammenlegen von Puzzlestücken der Familiengeschichte, von dem ihr Debütroman „Couscous mit Zimt“ motiviert ist, gleich wie es um das Verhältnis von tatsächlichem Geschehen und Fiktionalisierung im Einzelnen stehen mag. Die Erinnerung, gerade mit Blick auf Schlüsselmomente des Lebens womöglich durch Verdrängung verzerrt, ist das fundamentale Element.

Die Geschichte ist aus fortwährend wechselnden Perspektiven erzählt, zugleich jedoch gibt es eine zentrale. Das ist die von Lisa, die in Berlin lebt und nach dem Tod ihrer Mutter nach Paris fährt, um die Wohnung ihrer mit etwas über hundert Jahren ebenfalls gerade verstorbenen Großmutter aufzulösen und zu verkaufen. Ein familiär zwiespältig besetzter Ort. Diese Großmutter, Mamie genannt – auf sie geht der eingangs zitierte Satz zurück –, war eine beeindruckend selbstbewusste und gebildete Frau, Cognac und Zigaretten bis zum Schluss zugeneigt.

Sie fühlt sich als Tunesierin

Dass sie versucht hat, ihr Kind abzutreiben, ist für die Tochter Marie, Lisas Mutter, eine Lebenskränkung. Die Beziehung zwischen den beiden Frauen ist hochdramatisch, bei Marie gesteigert bis zu Alkoholismus und Suizidversuch. Obendrein ist Marie aus dem Paradies der Kindheit vertrieben worden. Nach der Befreiung Tunesiens vom Kolonialismus muss Mamie mit ihren Töchtern fliehen, in ein für Marie, die sich als Tunesierin gefühlt hat, fremdes Land. Immer wieder geht es um Gerüche und um den Geschmack von Speisen und Früchten. Um Heimat, und das ungeheuer detailliert. Indem es sich nicht im Pittoresken verliert, wirkt das nie sentimental – das ist womöglich der größte unter den vielen Vorzügen dieses Buches.

Das Buch

Elsa Koester: Couscous mit Zimt. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2020. 446 Seiten, 24 Euro.

Stattdessen gelingt es Elsa Koester, Atmosphären und Milieus gegenwärtig zu machen, etwa auch jene des Revoltejahres 1968 in Paris. Mittendrin Marie, liiert mit einem Straßenkämpfer von der Sorbonne. Dass die Vertreibung der französischen Besatzer aus dem Maghreb notwendig war, erkennt die politisch bewusste Frau an. Köstlich die Szene, in der Marie auf einer der vielen Vollversammlungen vor großem Publikum dem Radikalinski-Freund ihren Pazifismus entgegenhält und dafür viel Applaus bekommt, nicht zuletzt von den – auch von den Revolutionären marginalisierten – Frauen. Mamie war im Übrigen Kommunistin, es heißt aber auch von ihr, sie habe ihre Stimme einige Male dem Front National gegeben, aus Protest.

Paris unter Druck

Das Paris, in das Lisa im Jahr 2016 kommt, steht unter dem Zeichen der Anschläge unter anderem auf den Club Bataclan und der „Nuit debout“-Proteste gegen den wirtschaftsliberal geprägten Umbau der Gesellschaft. Geflüchtete im Zeltlager an der Metrostation Stalingrad, vornehmlich aus Äthiopien, Eritrea und Sudan, werden immer wieder schikanös von der Polizei verjagt.

Das Leben zweier Frauen, dazu die Gegenwart um Lisa: In die 450 Seiten hat Elsa Koester viel gepackt, in enormer Dichte und mit einer gewissen Leichtigkeit. Ein wahres Wunderwerk ist ihr schon insofern gelungen, als das Buch sich von der ersten bis zur letzten Seite anregend liest – und nicht unter der Last des Materials zusammenbricht.

Das ist ein Roman um das spannende Thema einer Suche nach der eigenen Identität in einer Welt, in der die Dinge kompliziert liegen. Im Stil ist das fast bis zur Kunstlosigkeit schlicht, was sich hier nicht als Schwäche erweist. Es liegt eine immense Ruhe im Erzählton, die das Buch trägt. Koester findet genau die adäquaten sprachlichen und formalen Mittel.

Vor Jahrzehnten wäre ein Roman wie dieser wohl unter „Frauenliteratur“ eingeordnet worden. Ein obsoletes Etikett. Elsa Koester erzählt jedoch strikt auf der matriarchalen Linie – die Männer tauchen eher schemenhaft am Rande auf.

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