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Elke Erb in diesem Oktober in Berlin.

Büchner-Preis

Verwirrung der Sesshaften

  • vonEberhard Geisler
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„Das ist hier der Fall“: Ausgewählte Gedichte von Elke Erb, die mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird.

Rechtzeitig zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Elke Erb legen Steffen Popp und Monika Rinck eine Auswahl aus dem Werk der Dichterin vor, die dessen wundersame, beharrliche Entfaltung nachzuvollziehen erlaubt. Ein Text ist hier abgedruckt, der aus dem 1987 in Berlin und Weimar erschienenen Band „Kastanienallee“ stammt und in all seiner Sperrigkeit als Paukenschlag der neueren deutschen Lyrik begriffen werden muss. Die zu dieser Zeit in Ostberlin lebende Dichterin hat sich in die Dusche ihrer „sanierten Drei-Raum-Komfort-Wohnung“, wie es im Jargon der DDR hieß, zurückgezogen, um in all ihrer Ohnmacht, die sie als Kritikerin des realen Sozialismus empfindet, zu sich selbst zu finden und sich als selbstständiges, aus dem Kollektiv herausgelöstes Individuum zu bejahen.

In der Dusch-Tasse hockend, entwirft sie zugleich ein kühnes literarisches Schreiben, das dem aus dem 19. Jahrhundert stammenden, in ihrem Teil Deutschlands staatstragenden Fortschrittsdenken den Abschied gibt und, indem es die gewohnte Ordnung der Syntax sprengt und einzelne Syntagmen frei über die Seite streut, gleichsam Stéphane Mallarmé an den Prenzlauer Berg holt. Mit Elke Erbs scheuer Entdeckung des Selbstbewusstseins geht eine „Verwandlung des linearen Gangs in die Offenheit einer flächigen Erörterung“ einher, die mit den Entwicklungen der neueren Philosophie im Einklang steht.

Manches an den frühen Gedichten erinnert an bestimmte Schwarz-weiß-Fotos, die aus der Zeit der DDR überliefert sind und oftmals die Ratlosigkeit der Menschen bezeugen. Elke Erb porträtiert einen alten Mann, der „traumlos sitzt, traumlos geht“, oder stellt sich in einem Erich Arendt gewidmeten Prosatext auf erschütternde Weise selbst als Frau dar, der, obwohl sie doch nach dem Desaster des Faschismus anfänglich im besseren deutschen Staat zu leben glaubte, mittlerweile ein eigenes Denken, Phantasieren und Hoffen verwehrt ist: „Holz die Stirn, die Wangen eingeschraubte Bretter wie die Schläfen“. Fortan arbeitet sie an ihrem Selbstsein; sie will nicht länger „Relais der Anderen“ sein.

Was dieses Werk wirkungsmächtig gemacht hat und weiter wirkungsmächtig machen wird, ist die penible, hochbewusste Spracharbeit, die es leistet und vorführt. Es ist von der Einsicht getragen, dass jedes ernsthafte Schreiben immer wieder Neuanfang ist, am Nullpunkt anzusetzen und mit größter Skrupulosität vorzugehen hat. Elke Erb hat die trügerische Sicherheit vertrauter, vorgegebener literarischer Formen und Gattungen aufgegeben und je nach innerem Bedarf Selbstkommentare, Gedichte, Tagebucheinträge oder Aphorismen verfasst.

„Einhellig bellen die Hunde“

In dieser Strenge der Reflexion ist sie mit Francis Ponge verwandt, der ebenfalls festgestellt hatte, dass das Poetische – der eigentliche Sachverstand, von dem Erb spricht – allein durch größte Sprachskepsis zu erreichen ist – „wie alles ja, außer // in den Begriffen es ruht“. Derart gerüstet, gelingen der Dichterin Formulierungen, die die ersehnte Evidenz blitzhaft herzustellen vermögen: „aus allen Höfen / einhellig bellen die Hunde“. Zu ihren schönsten Gedichten dürfte eines mit dem Titel „Es war zu sehen“ gehören. Es beschreibt den Blick auf drei Rehe, der überdeutlich das Maul eines der Tiere wahrnimmt und in dieser Wahrnehmung aus einer als Kontinuität gedachten Zeit herausspringt und nunmehr ein „Moment Ewigkeit“ gewährt, die Erfahrung einer „freie(n), von nichts verwaltete(n) Zeit“. Und schließlich könnte man darauf verweisen, dass das Werk Elke Erbs untergründig mit Martin Heidegger kommuniziert, der in den posthum veröffentlichten Notizen seiner „Schwarzen Hefte“ die Einsicht umgesetzt hatte, dass tiefes Denken allein in poetischem Ausdruck und formaler Verknappung ihm gemäßen Ausdruck finden kann. Als die Dichterin im Künstlerhaus Edenkoben weilt, sucht sie „das Hausige des Hauses“ zu erfassen. Auch diese Formulierung bezeugt ihre Nähe zu Heidegger.

Wenn Elke Erb nun die höchste Auszeichnung erhält, die in Deutschland für Literatur vergeben werden kann, ist dies die fällige Anerkennung dessen, was sie für die deutsche Literatur geleistet hat. Kein Wunder, dass Dichter und Dichterinnen der nachfolgenden Generationen sich von ihrer Arbeit an der „Verwirrung der Sesshaften“, an der sie durch die Jahrzehnte hindurch festgehalten hat, haben berühren lassen und sie für sie zum Vorbild geworden ist. Sie wirkt weiter, „mein eigenes Geschick auf meinem Rücken tragend / in eine Ferne reitend unbegrenzt“.

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