Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Elizabeth Taylor. Foto: The Estate of Elizabeth Taylor
+
Elizabeth Taylor.

Wiederentdeckung

Elizabeth Taylor: „Mrs Palfrey im Claremont“ – Alte Menschen im Hotel

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

„Mrs Palfrey im Claremont“, Elizabeth Taylors trauriger, großartiger Roman von 1971

Nichts (oder doch fast nichts) passiert in „Mrs Palfrey im Claremont“, denn Mrs Palfrey, die große Knochen hat und in Abendgarderobe früher manchmal aussah „wie irgendein berühmter General in Frauenkleidern“, hat die letzte Station ihres Lebens erreicht. Oder jedenfalls die vorletzte, falls sie im Krankenhaus sterben sollte. Fast nichts passiert in diesem Roman, denn seine Protagonistinnen wohnen nicht im Hotel, um Urlaub zu machen. Sie sind in ein preiswertes (sprich: leicht schäbiges) Londoner Hotel gezogen, damit sie einigermaßen versorgt sind, und dies bis an ihr Lebensende. Falls sie Glück haben. Falls sie kein Glück haben, werden sie inkontinent und der Manager bedeutet ihnen, dass es Zeit zum Ausziehen ist. Denn schließlich ist man keine solche Einrichtung, in der die Zimmermädchen täglich den Bettbezug wechseln können.

Elizabeth Taylors (1912-1975) Roman „Mrs Palfrey im Claremont“ erschien im englischen Original 1971, er hat einen tückisch harmlosen Titel und in Bettina Abarbanells fabelhafter Übersetzung nur gut 200 Seiten. Aber er hat es in sich, denn er ist eines dieser feinziselierten Bücher, in dem kein Satz zu viel ist und jeder einzelne perfekt. Ein Buch, das mit seinen Beobachtungen glänzt, die nicht ohne Schärfe sind, aber ohne Herablassung den Figuren gegenüber.

Mrs Palfrey ist eine, die das Kreuz durchdrückt und sich ins Gebet nimmt. Die weiß, dass das für sie die letzten Meter sind, aber keinesfalls wird sie auf den letzten Metern die Contenance verlieren. Sie zieht also ein, ins Claremont, sie packt ihre Sachen aus, auch eine Bibel, „obwohl sie nicht religiös war“. Das Auspacken im Zimmer, durch dessen Fenster sie nur eine weiße Backsteinmauer sieht (aber was können mittellose Damen schon an Ausblick verlangen?), das Ausräumen der Koffer zieht sie „nach Kräften in die Länge, damit ihr später früher vorkommen würde“. Dann geht sie hinunter in den Speisesaal, um die anderen kennenzulernen.

Das Buch

Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont. Roman. A. d. Engl. v. Bettina Abarbanell. Dörlemann 2021. 256 S., 25 Euro.

Die arthritische Elvira Arbuthnot würde lächeln, glaubt Mrs Palfrey, wenn sie nicht solche Schmerzen hätte. Mrs Burton klingelt fortwährend nach Whisky und leistet sich malvenfarbene Haare (woher hat sie nur das Geld für beides). Außerdem wohnt sie seit bereits fünf Jahren im Claremont. Mrs Post strickt und missbilligt ausdauernd, was die anderen tun. Mr Osmond verachtet, so scheint es Mrs Palfrey, weibliche Gesellschaft und hat doch keine andere. Denn die anderen Claremont-Dauergäste sind ausnahmslos Witwen.

Laura Palfrey erwähnt, viel zu früh, viel zu unvorsichtig, dass sie in London einen Enkel hat; doch Desmond kommt sie einfach nicht besuchen. Sie begreift, „dass der strebsame, recht untadelige junge Mann, auf den sie immer so stolz gewesen war, sich kein bisschen für sie interessierte“. Dann stürzt sie bei einem Spaziergang aufs Pflaster, schlägt sich das Bein blutig, ein junger Mann hilft ihr auf und nimmt sie mit in seine Miniwohnung. Verbindet ihr Bein, ruft ein Taxi. Er ist so aufmerksam, wie sie es sich von Desmond wünschen würde. Und spielt, von Mrs Palfrey zum Essen ins Hotel eingeladen, geschmeidig die Enkelrolle.

Nein, „Mrs Palfrey im Claremont“ ist kein Thriller und Ludovic Myers, genannt Ludo, hat keine bösen Absichten. Nur ein wenig hinterlistige, denn er schreibt an einem Roman, und Mrs Palfrey scheint ihm ein so gutes Thema wie jedes andere. Merken soll sie nichts, also versucht er, sich ihre besten Sätze zu merken, bis er sie aufschreiben kann. Man könnte meinen, dass Elizabeth Taylor Ludo listig als eine Art junges, noch robustes Alter Ego eingeführt hat. Robust, denn im Grunde findet er, dass er Mrs Palfrey einen Gefallen tut – und über irgendwas muss man ja auch schreiben.

„Mrs Palfrey im Claremont“ war für den Booker Prize nominiert, Jurymitglied Saul Bellow soll aber die fehlende Weltläufigkeit des Buches gestört haben, wie Rainer Moritz nun im Nachwort schreibt. Zu dieser Zeit, 1971, sicher ein allzu typisches Männerurteil, das die kleinen, ach so unwichtigen Leben alter Frauen nicht für ein geeignetes Sujet hält, das dabei gerne übersieht, wie brillant dieser Roman geschrieben ist. Zu Recht weist Moritz zudem auf seine existentiellen Themen hin, allen voran der Tod und die Erwartung des Todes. „Sie versuchte zu lesen, doch ihr Herz ruckelte so zögerlich, dass jedes Pochen in ihrem Kopf widerhallte.“ Sollte sie einmal ins Krankenhaus kommen, werde sie hoffentlich schnell sterben, hofft Mrs Palfrey. Dieser Wunsch wird ihr erfüllt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare