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Elizabeth Strout.

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Elizabeth Strout: „Die langen Abende“ – Sie sind einfach wichtig, diese Leben

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Elizabeth Strout erzählt von einer alt gewordenen Olive Kitteridge: „Die langen Abende“.

Eigentlich hat sie die langen hellen Sommerabende in Maine immer geliebt. Aber sie werden, gefühlt, lang und länger, seit Henry gestorben ist und Olive allein im Haus oder vor dem Haus sitzt und in den langsam sich verfärbenden, eindunkelnden Himmel schaut. Aber nicht nur ist Elizabeth Strout, Jahrgang 1956, nun zu ihrer wahrscheinlich bekanntesten Figur Olive Kitteridge zurückgekehrt (die großartige, großartig passende Frances McDormand hat Olive in einer HBO-Miniserie gespielt), sie lässt sie doch auch noch, alt hin oder her, einiges erleben in ihrem jüngsten Roman – und dies nicht nur an langen Abenden (das 2019 erschienene Original heißt schlicht „Olive, Again“).

Zum Beispiel kommt in Olives Auto ein Baby zur Welt. Denn Olive Kitteridge ist zwar verdammt direkt, aber auch ihre Wahrnehmung anderer ist es – sie bemerkt, wenn bei einer Frau, und sei diese auch ein „spatzenhirniges junges Ding“ (Olive, typisch), die Wehen beginnen, und ist außerdem bereit, das spatzenhirnige junge Ding ins Krankenhaus zu fahren. Zum Beispiel bekommt sie endlich Besuch von ihren Enkeln und findet diese prompt „unausstehlich“. Zum Beispiel heiratet sie mit 73 den ein Jahr älteren Jack Kennison, der sich selbst treffend als „alten Mann mit Hängebauch“ bezeichnet. Aber einer mit Enthusiasmus – er spricht von Liebe! – für Olive.

Bei ihren Kindern haben sie es versemmelt, da machen sie sich nichts vor: „Dein Sohn. Meine Tochter. Sie mögen uns nicht sehr, Olive.“ Aber sie haben nun eine erstaunlich schöne Zeit, bis zu Jacks plötzlichem Tod ein paar gute Jahre noch miteinander.

Es wäre allerdings falsch, sich die „große, wuchtige“ (Jack, aber er findet das toll) Olive Kitteridge als Harte-Schale-weicher-Kern-Klischee vorzustellen, als Hauptfigur in einer launigen, auch ein bisschen kitschigen Liebe-im-Alter-Erzählung. Auch dieser Roman Elizabeth Strouts ist geradezu penibel alltäglich und realistisch – und gerade darum durchzogen von Tragik und Bitternis. Das Leben ist kein Ponyhof, ist weit entfernt davon. Strout spannt auch den glücklichen Zufall nicht ein, um Ecken und Kanten abzurunden. Und dass sich Tragik und Bitternis in dem (fiktiven, aber) „allerliebsten Städtchen“ Crosby an Maines Küste zutragen, nimmt ihnen nichts von ihrer Schärfe.

Das Buch

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. A. d. Engl. von Sabine Roth. Luchterhand, München 2020. 352 S., 20 Euro.

Neben der Geschichte von Olive und Jack erzählt Strout in kurzgeschichtenhaften Kapiteln von anderen Leben, von Lebensausschnitten in Crosby. Manche Figuren kommen nur in einem ihnen gleichsam gewidmeten Kapitel vor, zum Beispiel in „Putzgeld“ das Mädchen Kayley, das in der 8. Klasse ist, eine höllisch überforderte Mutter hat und schon Geld verdienen muss mit Putzen. Andere tauchen einmal am Rand und einmal im Zentrum auf. Fergus MacPherson etwa zuerst als bloßer Passant im Kilt; im Kapitel „Die letzte Bürgerkriegsparade“ dann ausführlich als Ehemann Ethels, mit der er seit rund 35 Jahren kaum ein Wort gewechselt hat. „Mr MacPherson (...) hatte, als er noch jung war, eine Affäre mit einer Nachbarin gehabt; das war noch die Zeit, als es bei solchen Dingen keine Vergebung und auch keine Scheidung gab.“

Gegen Ende des Romans (Kapitel „Freundin“) begegnen sich Ethel und Olive in der Altenresidenz „Maple Tree Apartments“. Fergus ist länger schon tot und begraben und Olive, immer geradeheraus, stößt Ethel gleich als erstes vor den Kopf, indem sie in Bezug auf Fergus’ Kilt wissen will: „Wozu sollte das gut sein?“ Ethel wird also schon mal nicht die Freundin der Kapitelüberschrift werden.

Elizabeth Strout: Die langen Abende.

Louise Larkin ist schon ein paar Kapitel und Jahre früher in der Golden-Bridge-Seniorenresidenz untergebracht, da „komplett plemplem“ (Olive zu Jack). Da brennt, mit Louises Mann darin, das Haus der Larkins ab. Und reist Suzanne, die Tochter an, um alles zu regeln; ihr Bruder sitzt schließlich im Gefängnis, weil er vor Jahren eine Frau ermordet hat. „Hilfe“ (so die Überschrift) kommt von Bernie, dem Freund und Anwalt der Familie, mit dem Suzanne redet und weint, weint und redet. Im Auto, in dessen Büro, am Telefon. Bernie, erfährt sie zum ersten Mal, hat seine Eltern im Holocaust verloren.

Es sind zwar nicht bloß die dunklen Ereignisse, von denen Elizabeth Strout Leben für Leben erzählt, aber allemal gehört der Tod dazu. Er macht die Menschen, die ihn erfahren, jedoch keineswegs zu milderen, gar zu besseren Menschen. Olive überlebt einen Herzinfarkt nur knapp, aber mit welcher Verve kann sie gleich wieder die dicke Betty verachten, Pflegerin mit Neigung zum Rassismus und, würg!, mit einem Trump-Sticker auf dem Auto. Wie juckt es sie, mehr als nur ein paar klare Worte zu sprechen.

Allerdings wäre sie nicht Olive Kitteridge, würde sie sich nicht nach ihrer Genesung anrühren lassen von einem Besuch Bettys bei ihr und von deren Tränen über den Tod eines Lehrers, in den die Altenpflegerin einmal verliebt war – nein, den sie wahrhaftig liebte. „Was für ein Leben haben Sie, Betty?“, fragt Olive nach einer Weile. Ein beschissenes, findet diese, und: „Ach, da gibt’s nichts zu erzählen, Olive.“

Was Olive Kitteridge darauf Betty antwortet, es könnte genauso gut eine Begründung Elizabeth Strouts für ihr Schreiben sein, denn nicht anders geht sie Roman für großartigen Roman vor: „Aber es ist Ihr Leben“, sagt Olive, sagt gleichsam Strout, und: „Es ist wichtig.“

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