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Elizabeth Strout.
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Elizabeth Strout.

Roman

Elizabeth Strout: Das dünne Gespinst der Erinnerung

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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„Oh, William“, der meisterhafte nächste Lucy-Barton-Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout.

Einerseits glaubt Lucy Barton: Wir kennen andere Menschen nicht wirklich. Andererseits meint sie zu begreifen: Wir wissen oft instinktiv, wer zu uns passt. Und nennen es dann Liebe. Und drittens findet sie: „Über so vieles werden wir uns erst klar, wenn es zu spät ist.“ Lucy Barton scheint zu denken wie ihre Schöpferin Elizabeth Strout, denn die US-amerikanische Schriftstellerin ist vor allem eines: zurückhaltend in ihrer Charakterzeichnung, behutsam in ihrem Urteil. Dazu nicht gerade optimistisch, was zwischenmenschliche Beziehungen betrifft. Sie lässt Leerstellen, deutet an, zwingt zu Mutmaßungen. Weckt den Zweifel. Als wolle sie ihren Figuren keinesfalls zu nahe treten, ihnen keinesfalls Unrecht tun. Als sollten sie ihre Geheimnisse behalten dürfen.

Lucy Barton ist man bei Elizabeth Strout bereits mehrfach begegnet: als zu ihrem eigenen Erstaunen erfolgreiche Schriftstellerin in New York, aber auch als auf dem Land arm an Liebe und auch allem anderen aufgewachsenes Kind. Am eindrucksvollsten begegnet wohl in dem schmalen Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Orig. „My Name Is Lucy Barton“), erschienen 2016, als Lucy im Krankenhaus liegt und ihre Mutter tagelang bei ihr wacht. Ihre Mutter? Lucy kann sich nicht erinnern, von dieser Frau auch nur einmal berührt, umarmt worden zu sein. Oder auch nur einmal von ihr gehört zu haben: Ich habe dich lieb. Und nun wird sie mit ihrem Kosenamen Wizzle angesprochen und versteht nicht, was passiert ist, wie diese Frau an ihrem Bett eine so andere geworden sein kann. Falls sie eine andere geworden ist. Man muss Lucy glauben, dass auch sie keine Antwort darauf hat.

Lucys Mann spielt in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ keine Rolle, er hütet, während sie im Krankenhaus liegt, gleichsam im Off des Buches die beiden kleinen Töchter. Aber nun, längst ist er ihr Ex-Mann, hat er seinen eigenen Roman bekommen, sogar mit Ausrufezeichen im Titel: „Oh, William!“

Ein „Oh, William!“, das von Lucy Barton ausgesprochen wird, gleich mehrfach (auch in Gedanken) und in unterschiedlichen Zusammenhängen: tröstend, genervt, mahnend, kopfschüttelnd. Sie hat, Titel hin oder her, weiterhin das Heft in der Hand, sie erzählt aus ihrer Perspektive. Sie kennt William, wie auch nicht, sie war fast 20 Jahre mit ihm verheiratet. Sie kennt etwa die Momente, wenn er sich verschließt, man seinem Gesicht „quasi beim Verschwinden zuschauen“ kann. Dann wieder erstaunt er sie immer noch, meint sie ihn nicht (mehr?) wirklich zu kennen. Aber was, welcher Zufall, welches instinktive Verstehen führte diese beiden Fremden einst zusammen? „Was wusste William über mich und ich über ihn, das uns dazu brachte, zu heiraten?“

Und was brachte Lucy dazu, ihn schließlich zu verlassen – mal abgesehen von seiner Untreue? Unter anderem mit Joanne übrigens, Frau Nummer zwei, die William zur Paartherapie zerrt, etwas, das Lucy „degoutant“ findet. Und er offenbar auch, denn bald kommt Frau Nummer drei ins Spiel, Estelle, deutlich jünger, immerhin „umgänglich“ (Lucy).

Über weite Strecken blickt der Roman, blickt Lucy Barton zurück, aber aktuell hat Estelle das gemeinsame Kind und einen Teil der Möbel genommen und ist gegangen. Und wo sucht William, inzwischen 71 und auch an seiner Uni ziemlich abgeschrieben, Trost? Genau. Man ist nicht umsonst befreundet geblieben in all den Jahren.

In Schleifen bewegt sich dieser Roman, bildet Gespinste, wie es auch die Erinnerung tut. Von einem aufs andere kommt Lucy Barton, wie eine mündliche Erzählerin: Von ihren Töchtern – „so ganz und gar anders“ –, zu ihrem im letzten Jahr verstorbenen zweiten Mann, einem kleinen (im Wortsinn) jüdischen Cellisten namens David, dann zurück zu William und den für eine aus der Armut kommende junge Frau so gänzlich exotischen Urlauben auf den Kaiman-inseln, zusammen mit seiner Mutter Catherine.

Estelle ist es, die William auf eine Ahnenforschungs-Webseite hinweist. Dort soll er seine teils deutsche Herkunft recherchieren können (gleichzeitig fürchtet er, was er über seinen Vater erfahren könnte). Aber dann findet er heraus, will es erst gar nicht glauben, dass seine Mutter vor ihm schon ein Kind hatte, ein Mädchen, mit einem anderen Mann. Und wer soll sich mit ihm auf die Suche nach dieser Halbschwester begeben? Genau.

Und wieder geht es darum, was man alles nicht über die Menschen weiß, denen man doch am nächsten ist. Catherine hat Mann und Tochter verlassen, wegen einem deutschen Kriegsgefangenen? Catherine kam wie Lucy aus ärmsten Verhältnissen? Aber sie hat doch Golf gespielt. Sie war doch, anders als Lucy, so selbstsicher, so stilbewusst. „Nachdem sie gestorben war, kam mir der Gedanke, wenigstens kann ich mir jetzt meine Kleider selbst aussuchen“.

Elizabeth Strout beschränkt sich auf Alltäglichkeiten und beschreibt sie mit trügerischer Schlichtheit. Zum Beispiel, wie William Lucy einst jeden Morgen eine Tasse Kaffee ans Bett brachte, obwohl er Teetrinker war. Aber wie er dabei eine „Märtyrermiene“ machte. Er wollte sie wissen lassen, dass er ein guter Ehemann ist. Und dass es ihm Mühe bereitet.

Man liest es. Man erkennt dieses Verhalten wieder, wenn auch natürlich aus anderen Zusammenhängen, von anderen Menschen. Und manchmal von einem selbst. Elizabeth Strout hat einen ertappt.

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