Elizabeth Gilbert.
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Roman

Elizabeth Gilbert: „City Of Girls“ – Eine Frau in New York

  • vonPetra Pluwatsch
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Elizabeth Gilbert erzählt in „City Of Girls“ eine rasante Geschichte vom freien Leben in den 1940er Jahren.

Es ist das letzte Jahr vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Sommer 1940. In Europa hat der Westfeldzug begonnen, die deutsche Luftwaffe beginnt, London und andere englische Städte zu bombardieren.

Vivian Morris aber bekommt von all dem nichts mit. Sie hat andere Probleme und hört den „Puls der Geschichte“ nicht einmal dann, „wenn er mir direkt in den verdammten Ohren pocht“. Die 19-Jährige ist gerade vom College geflogen, und die ersten beiden Juniwochen nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus verbringt sie damit, „wieder und wieder einen Tennisball gegen unsere Garagenwand zu pfeffern und dabei ‚Little brown Jug‘ zu pfeifen, bis meine Eltern es schließlich leid waren und mich zu meiner Tante in die Stadt verfrachteten“.

Tante Peg leitet mit einer Freundin in New York das „Lily Playhouse“, ein Tingeltangel-Theater, das seine besten Jahre hinter sich hat. „Die Wände bedeckten nikotinvergilbte Gemälde von barbusigen Nymphen, die mit Satyrbanden herumtollten. Andere Wandbilder zeigten muskulöse Männer mit heroischen Waden, die in einer Weise mit Seeungeheuern rangen, die eher erotisch denn brutal wirkten.“ Vivian ist fasziniert von der Theaterwelt. Und taucht in diesem Sommer 1940, als sie „neunzehn Jahre alt und ein Dummkopf war“, tief hinein in den Sündenpfuhl New York. Sex, Drinks und Jazz sind ihre Drogen, und das Landei in den selbstgenähten buttergelben Sommerkleidchen wird in Windeseile zur Femme Fatale, die keinem Ärger aus dem Weg geht.

Elizabeth Gilbert: City Of Girls. Roman. A. d. Engl. v. Britt Somann-Jung. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 492 S., 16,99 Euro.

Hinreißend komisch schildert die Ich-Erzählerin in Elizabeth Gilberts neuem Roman „City Of Girls“ Vivians nächtliche Erlebnisse mit Gangstern, Gigolos und kreuzbiederen Bürohengsten. Stets an ihrer Seite: das Revuegirl Celia, eine Freundin auf Zeit, lebenshungrig und risikobereit wie sie selber. „Ich glaube, vor allem motivierte uns unsere Angst vor Langeweile. Jeder Tag hatte hundert Stunden, und die galt es zu füllen, damit wir nicht vor lauter Überdruss vergingen.“

Bestsellerautorin Gilbert, bekannt geworden mit ihrem Roman „Eat Pray Love“, gelingt es meisterhaft, die hitzige Atmosphäre jenes Sommers einzufangen, als in New York das Leben tobt und zwei junge Frauen lange vor der Flower-Power-Bewegung den Sex ohne Trauschein entdecken. Doch irgendwann ist auch für Vivian der Spaß zu Ende. Nach einem Skandal, der es bis in die New Yorker Zeitungen schafft, kehrt sie zurück in die Provinz. Um bald darauf aufs Neue aufzubrechen nach New York, die Stadt ihres Lebens, die sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlassen wird.

90 Jahre alt ist Vivian am Ende des Romans, der eine prallvolle Lebensbeichte ist, geschrieben für die Tochter des einzigen Mannes, den sie je geliebt hat. Er ist ein Weltkriegsveteran, versehrt an Körper und Seele. Jahrelang wandert Vivian mit ihm durch das nächtliche New York, ohne mehr zu berühren als seinen Handrücken. Sie wird zu einer Frau, die zu Liebe und Freundschaft fähig ist. Ohne indes auf den Spaß zu verzichten, den sie sich bei anderen Männern holt.

„City Of Girls“ ist ein rasanter, wunderbar erzählter Parforceritt durch die erste Hälfte unseres Jahrhunderts. Und: Es ist das Manifest einer selbstbewussten, emanzipierten Frau, die sich nimmt, was sie will. Selbstkritisch blickt die alte Vivian am Ende des Romans auf die Eskapaden ihren jüngeren Ichs zurück. Was sie gelernt habe in einem langen, selbstbestimmten Leben? „Die Welt folgt keinem Plan. Menschen passieren Dinge – Dinge, die sie nicht kontrollieren können.“ Vivian Morris weiß, wovon sie redet.

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