T.S Eliot.
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T.S Eliot.

„The Waste Land“

T. S. Eliot „The Waste Land“: Alle Zeit bleibt unerlöst

  • vonPeter Iden
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„The Waste Land“, T.S. Eliots großes Gedicht, entstanden 1922, spricht auch von unseren Tagen.

Für viele das Erschreckendste an der Gegenwart, die wir jetzt leben, ist der Verlust von Ausblick. Niemals lässt sich zuverlässig voraussehen, was sein wird – aber soviel Ungewissheit weltweit und damit so wenig Perspektive, die doch auch Hoffnung einschließen könnte, hat mancher in seiner Zeit zuvor nicht erfahren müssen. Jürgen Habermas hat das in die Feststellung gefasst (FR v. 10. April), es habe noch nie „soviel Wissen über unser Nichtwissen“ gegeben. Es drängt sich auf, im literarischen Bestand nach Texten zu sehen, die assistierend womöglich dem Verständnis helfen dafür, wie es ist und was uns geschieht.

Fast einhundert Jahre ist es her, dass der in den USA geborene Dichter Thomas Stearns Eliot, dem seit 1918 London zum Lebensort geworden war, 1922 ein fünfteiliges Gedicht veröffentlichte, das wie die zwanzig Jahre später erscheinenden „Four Quartets“, für die dem Dichter 1948 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, als ein Hauptwerk der Moderne des 20. Jahrhunderts gilt: „The Waste Land“ („Das wüste Land“). Als das Gedicht veröffentlicht wird, ist T. S. Eliot Mitte dreißig, angestellt bei einer Großbank, die sein Auskommen sichert. Seine Gesundheit macht Probleme, zeitlebens muss er immer wieder Pausen einlegen, verbringt viele Monate in Kurorten der Schweiz und Österreichs, er lebte, wie sein Biograph Peter Ackroyd bemerkt, „fast buchstäblich auf Kosten seiner Nerven“.

T.S. Eliot - Wahrnehmung der Welt als Wüste

„The Waste Land“ benennt schon im Titel, worum es geht: Nicht allein um die Wahrnehmung der Welt als Wüste, in der jede Orientierung, jeder Halt, jede Form von Ordnung und Übersicht fehlen, vielmehr enthält das englische „waste“ auch den Gedanken der Vergeblichkeit, des unvermeidlichen Umsonst jeder Anstrengung, eine Antwort zu finden auf die Frage: Was sollen und können wir tun? Es war die Epochenfrage nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit den durch neue Waffensysteme fürchterlichsten Verlusten bei den Besiegten wie aufseiten der Sieger, eine Katastrophe, auf die kein Frieden folgen konnte. Welt und Gesellschaft wurden im Alltag der Menschen wie in den Künsten (im Film, im Theater, in der Malerei) erlebt und dargestellt als brüchig und zerrissen, aufgelöst in krasse Gegensätze, ohne Zusammenhang und begründenden Sinn.

Diese Gestimmtheit ist auch die des großen Gedichts von Eliot. Form und innere Struktur resultieren aus dem Verfahren der Parataxe, das heißt: der Eindruck der Zeit wird derart vermittelt, dass der Text, der sich darauf bezieht, in seiner Komposition, von der Wahl der Motive bis zu Satzbau und Rhythmus, dem entspricht, wovon er beschreibend oder kommentierend handeln will. Es ist also die Realität selbst, die vorgibt, wie von ihr gesprochen wird.

„The Waste Land“ - keine leichte Lektüre

Das wurde von englischen Lesern (das deutsche Publikum hatte den Vorsprung der Erfahrungen mit Hölderlin) als für das Genre der Lyrik außerordentlich irritierend empfunden. So war die öffentliche Reaktion auf Eliots Werk zunächst, auch bei der Kritik, eine der Ratlosigkeit.

Und tatsächlich ist „The Waste Land“ auch heute noch keine leichte Lektüre. Die Entstehung fällt in die Jahre entschiedener Veränderungen literarischer Ausdrucksformen. Im Erscheinungsjahr von Eliots Gedicht veröffentlichte der Ire James Joyce, sechs Jahre älter als Eliot, „Ulysses“, sein Jahrhundertwerk. Schon seit 1915 arbeitete Ezra Pound an den „Cantos“, dem Abenteuer zwischen Drama, Epos und Lyrik der „Gesänge“, die ihm – „Wir denken, weil wir nicht wissen“ – bis zu seinem Tod 1972 in Venedig Lebensstoff waren. Es ist Pound gewesen, dem Eliot eine erste Fassung des Gedichts schickte, Pound machte Einwände geltend und schlug straffende Korrekturen vor, die Eliot akzeptierte und zu der Widmung veranlassten „Für Ezra Pound, den besseren Schöpfer“ (im italienischen Original: il miglior fabbro).

Es war wohl auch Pound, der Eliot darauf brachte, einer späteren Edition selbst eine Reihe von erläuternden Anmerkungen mitzugeben, Hinweise auf die Quellen von Zitaten, auf assoziative Anspielungen, auch auf Erweiterungen bestimmter Details und die Herkunft sprachlicher Besonderheiten. Gleichwohl bleiben die Hürden des Verstehens für den Leser hoch. Das hat zu tun mit wiederholten, oft abrupten Wechseln der Perspektiven, aus denen die Welt und die unterschiedlichsten Verhältnisse in ihr, deren Komplexität entsprechend, unter immer anderen Voraussetzungen gesehen werden. Wer beobachtet? Wer spricht? Es verschieben sich auch die Epochen. Wiederkehrend ist die Figur des blinden Sehers Theresias; Mann und zugleich Frau, steht seine Existenz changierend für das Schicksal des Mensch-Seins überhaupt. Es wird, wie alle Passagen der fünf Abschnitte des Gedichts, bestimmt und getrieben von Erinnerung und Verlangen, die Spuren führen in die Vergangenheit ferner Mythen und in die Nähe des Massenbetriebs der großen Metropolen der Neuzeit, London als moderne Stadt, „unreal city“, unwirklicher Ort, bevölkert von einem langen Zug von Scharen der Toten wie Dante ihn in der „Divina Commedia“ beschreibt.

„The Waste Land“ - eine Weltenreise

„The Waste Land“ gleicht einer Weltreise durch die Zeiten, streift auf kurz viele Orte, verlässt sie mitunter mitten in einem Satz, ersteigt die schönen Höhen der Liebe – „Vor einem Jahr bekam ich erstmals von dir Hyazinthen; man nannte mich das Hyazinthenmädchen“ –, und begibt sich in das banale Elend sexueller Begierden in einem Bordell und die Qual einer Abtreibung. An anderer Stelle ist Hingabe Erfüllung, wir werden gezeugt durch einen Liebesakt, aber was Menschen dann vorfinden, ist unwegsam steiniges Gelände - „What shall we ever do?“

Keine Bindung von Bestand zwischen den Menschen, keine Kontinuität, keine Zuversicht. Der Tod, in dem „Nichts sich mit Nichts verbindet“, immer präsent. Mehrmals wird das Gedicht zum Memento mori – und vollführt dann doch noch, mit den letzten Worten, überraschend eine kühne religiöse Wendung, zu der positiven Schlussformel einer der Upanishaden, dem dreimal wiederholten „Shanti“. Eva Hesse, die deutsche Übersetzerin Eliots, rückt den Wunsch der hinduistischen Philosophie in die Nähe des christlichen Segens „Der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft“.

Hat Eliot, er stirbt 1965 in London, der sich in seinen späten Jahren zum anglokatholischen Glauben bekannte, dieses Finale als Trost gedacht? Das Menschenbild, dem er auch als Dramatiker in Theatertexten wie „Mord im Dom“ (1935) und dem bei uns schon zu lange nicht mehr gespielten Welterfolg der“Cocktailparty“ (1949) nachgefragt hat, kennt Erlösung vordringlich als das Begreifen der Strukturen des Ablaufs der Zeit: „Gegenwart und Vergangenheit / sind vielleicht in der Zukunft enthalten / und im Gewesenen das Künftige. / Ist aber jegliche Zeit stets Gegenwart / bleibt alle Zeit unerlöst“ („Vier Quartette“). Der Leser Eliots wird sich und was uns bewegt, wiederfinden in den Werken dieses Dichters.

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