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Elif Shafak.

Anderssein

Die Macht der Blicke

  • vonPetra Pluwatsch
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Elif Shafak wendet sich in ihrem Roman „Schau mich an“ Menschen zu, die der kalten Neugier der Welt ausgesetzt sind.

Vielleicht werden uns ja die tiefsten Wunden über die Augen versetzt“, spekuliert einer, der es wissen muss: BC, ein Mann mit großen Händen und einem sehr winzig kleinen Körper. Kaum 80 Zentimeter misst er. Unablässig ist er der Neugier einer Welt ausgesetzt, die sich kaum sattsehen kann an seinem Anderssein.

Auch seine Freundin leidet unter den Blicken, die sie durchbohren wie Pfeile, kaum hat sie die gemeinsame Wohnung verlassen. Denn die namenlose Ich-Erzählerin ist dick. Sehr dick. Vergebens versucht sie, „den Blicken der Menschen zu entkommen, ihren Augen, die mich unentwegt mustern, auf mich zeigen“. Irgendwann kündigt sie ihren Job, um nicht mehr auf die Straße gehen zu müssen, und verbringt ihre Tage auf der Dachterrasse unter einem lila Sonnenschirm. Denn „da draußen“ ist das Land, „wo einem Etikette verpasst“ werden. „So wie ein Raucher abends Tabakgeruch in den Haaren hat, roch ich beim Nachhausekommen die Buchstaben d-i-c-k in meinen Haaren. Darum wusch ich mir immer gleich als Erstes den Kopf und sah zu, wie die Buchstaben kreisend im Abfluss verschwanden. Manche aber gingen nicht heraus, sie klebten an mir wie Kletten.“

Das Buch

Elif Shafak: Schau mich an. Roman. A. d. Türk. v. Gerhard Meier. Kein & Aber, Zürich 2020. 400 Seiten, 24 Euro.

Wandlungsfähig wie Wasser

Eindringlich schildert Elif Shafak in ihrem Roman „Schau mich an“ die Qualen einer Frau, die nicht aufhören kann zu essen. Lässt sie mit einer erfrischenden Selbstironie von ihren Fress- und Kotzattacken erzählen, von schwierigen Fahrten in türkischen Sammeltaxis und überfüllten Straßenbahnen, von desaströsen Ausflügen mit BC ins Istanbuler Nachtleben und ihrer erfolglosen Grapefruitdiät. Allein in der Gegenwart des Freundes fühlt sie sich wohl. „Was immer wir über das Aussehen des anderen zu sagen hatten, hatten wir uns gleich am ersten Tag gesagt. Und wie auch immer unsere Körperformen sich gestalteten, waren wir für das Auge des anderen so fließend und wandlungsfähig wie Wasser.“

Doch „Schau mich an“ ist weitaus mehr als ein Buch über eine dicke Frau und einen kleinen Mann, die sich zurechtgerappelt haben in ihrer Außenseiterrolle. Da gibt es noch eine Parallelgeschichte über den märchenhaften Keramet Mumi Keske Memis Efendi, dessen Gesicht aus Wachs ist und der in einem Kuriositätenkabinett die schönste und die hässlichste Frau der Welt ausstellt. Wir erfahren, was es mit dem Zobelmädchen aus den sibirischen Wäldern und mit La Belle Annabelle aus Frankreich auf sich hat und warum ein kleines Mädchen esssüchtig wird.

Virtuos spielt Elif Shafak mit den verschiedenen Zeitebenen und Erzählelementen, und sie flicht daraus ein bemerkenswertes Buch über die Macht der Blicke, denen niemand entgehen kann. Denn, heißt es im Roman, „wir fürchten uns sowohl davor, gesehen zu werden, als auch vor allem, was wir nicht sehen“. Weil „doch unser ganzes Sein, und natürlich auch unser Nichtsein, eigentlich auf dem Sehen und Gesehenwerden gründet“.

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