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Recep Tayyip Erdogan (l), Präsident der Türkei, spricht mit Anhängern in Istanbul.

Elif Shafak über die Türkei

„Mehr Nationalismus, mehr religiösen Fundamentalismus und definitiv mehr Autoritarismus“

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Die Schriftstellerin Elif Shafak spricht über Istanbul, den Mut der Opposition und ihren Roman, der auf einem Friedhof der Geächteten spielt.

Frau Shafak, „Unerhörte Stimmen“ spielt in Istanbul, der Stadt, in der Sie einst gelebt haben. Nun aber fahren Sie nicht mehr dorthin. Im Nachwort erfahren wir, dass Sie sogar dem Begräbnis Ihrer Großmutter ferngeblieben sind, bei der Sie teilweise aufwuchsen. Warum?
In der Türkei wird es immer schwieriger, kritisch zu sprechen oder zu schreiben. Es ist sehr schwer für Journalisten – und ich habe den größten Respekt vor denjenigen, die versuchen, dort anständigen Journalismus zu machen – aber auch schwieriger für viele andere. Für Akademiker, Schriftsteller und Dichter zum Beispiel, eigentlich für alle, die mit Worten umgehen. Man kann für etwas, das man in einem Interview gesagt, in einem Gedicht oder Roman geschrieben oder in einem Comic ausgedrückt hat, in Schwierigkeiten kommen. Sogar für einen Tweet gilt das. Sie können einen vor Gericht stellen oder als Verräter deklarieren, einen in den sozialen Medien lynchen oder ins Exil schicken.

Sie selbst sind im Jahr 2006 vor Gericht gestellt worden.
Ich wurde wegen des Romans „Der Bastard von Istanbul“ angeklagt, in dem es um Erinnerung ging und um ihren Verlust. Ich kam vor Gericht, weil das Buch von der Begegnung einer türkischen mit einer armenisch-amerikanischen Familie erzählte und Fragen zum Völkermord an den Armeniern aufwarf. Aber wir müssen uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen, mit den schönen und den dunklen Zeiten, damit wir als Nation lernen und hoffentlich nie mehr dieselben Fehler machen. Nur ist das in der Türkei kaum möglich. Das Gerichtsverfahren dauerte jedenfalls ein Jahr, und es hatte etwas Surreales, denn zum ersten Mal stand ein Roman vor Gericht, und mein Anwalt musste meine armenischen Romanfiguren verteidigen.

„Ein Ort, an dem Menschen zu Nummern werden“

In Ihrem neuesten Buch spielt ein Friedhof eine wichtige Rolle. Könnten Sie beschreiben, inwiefern dieser Ort Aspekte der türkischen Gesellschaft reflektiert?
Das ist ein sehr ungewöhnlicher Friedhof. Er liegt außerhalb von Istanbul in Kilyos, und er wird der Friedhof der Geächteten genannt. Dort gibt es keine Grabsteine, keine Namen auf den Gräbern, nur Nummern. Es ist ein Ort, an dem Menschen zu Nummern werden. Begraben liegen dort meistens Menschen, die von ihren Familien verstoßen worden sind. Sie sind an Aids gestorben, gehörten zur LGBT-Community, waren Sexarbeiterinnen, Transgender, Selbstmörder, ausgesetzte Babys. In den vergangenen Jahren sind hier auch Flüchtlinge begraben worden, deren Boote vor der türkischen Küste gesunken sind. Ich wollte den Menschen erzählen, dass es diesen Ort gibt, und wenigstens einer dieser Nummern einen Namen, eine Geschichte geben. Ich wollte den Prozess umkehren.

„Mehr Sexismus, Patriarchalismus, Homophobie“

Ihr Buch spielt in den späten 60er, den 70er und 80er-Jahren in der Türkei. Ihre Protagonistin Leyla, eine Prostituierte, nimmt an der 1. Mai-Demonstration im Jahr 1977 in Istanbul teil, die mit dem Taksim-Massaker endete, bei dem 34 Menschen starben. Warum haben Sie sich für diesen Abschnitt der türkischen Geschichte entschieden?
Ich wollte damit Verschiedenes verbinden, politische Geschichte und die Geschichte von Frauenrechten. Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, dass wir uns seit der Zeit, in der das Buch spielt, weiterentwickelt haben, dass es Fortschritt gegeben hat, aber das wäre nicht wahr. Wir entwickeln uns rückwärts, es gibt mehr Nationalismus als damals, mehr religiösen Fundamentalismus und definitiv mehr Autoritarismus. Auch mehr Sexismus, Patriarchalismus, Homophobie. Ich habe das Buch 1990 enden lassen, weil in diesem Jahr die Legislative versucht hat, ein Gesetz zu verabschieden, das die Strafe für die Vergewaltigung von Prostituierten reduziert hat – mit dem Argument, Prostituierte würden wohl kaum darunter leiden. Da zeigt sich eine furchtbare Mentalität einiger Männer, die an der Macht sind.

Wurde das Gesetz verabschiedet?
Es gab damals Protest in der Bevölkerung, und sie mussten von dem Gesetz Abstand nehmen. Aber diese Mentalität besteht weiterhin. Vor ein paar Monaten versuchten sie, ein Gesetz durchzusetzen, nach dem Vergewaltiger von Minderjährigen geringer bestraft werden sollen, wenn sie ihr Opfer heiraten.

„Es ist sehr leicht, ein Ausgestoßener zu sein in der türkischen Gesellschaft“

Ihre Protagonisten sind allesamt Ausgestoßene, Prostituierte, Transgender, eine Zwergin, ein Flüchtling. Warum?
Weil es sehr leicht ist, ein Ausgestoßener zu sein in der türkischen Gesellschaft. Es kann dafür so viele Gründe geben. Dass man anders denkt, anders aussieht, die Hautfarbe anders ist. Man wird sehr leicht zum Anderen. Deshalb fühlen sich viele Menschen in der Türkei einsam.

„Ich lehne es ab, auf eine einzige Identität reduziert zu werden“, sagt Elif Shafak.

Sie widmen Ihr Buch den Frauen von Istanbul, Sie nennen Istanbul eine weibliche Stadt. Was ist das?
Für mich war Istanbul immer eine weibliche Stadt. Und ich möchte diese feminine Seite der Stadt ehren. Wenn man in Istanbul unterwegs ist, merkt man schnell, dass die Straßen den Männern gehören, vor allem ab einer gewissen Uhrzeit. Das gilt auch für Teehäuser, Kaffeehäuser. Es ist im öffentlichen Raum nicht leicht, eine Frau zu sein. Ich möchte, dass sich Frauen diesen Raum, die Stadt zurückerobern. Deshalb bestehe ich darauf, Istanbul eine weibliche Stadt zu nennen.

„Die Hälfte der Bevölkerung ist gegen die Regierung“

Sie haben von der angespannten politischen Situation in der Türkei gesprochen. In Istanbul ist sie besonders angespannt, seitdem Erdogan das Ergebnis der Kommunalwahlen annulliert hat, aus denen die Opposition siegreich hervorging. Im Juni sind Neuwahlen. Wie beurteilen Sie die Lage?
Die Opposition hat in allen größeren Städten den Sieg davongetragen, darunter Ankara, Istanbul und Izmir. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil die gesamten Medien unter Kontrolle stehen und mit einer Stimme sprechen. Das gilt auch für die sozialen Medien. Wenn man etwas Kritisches postet, kann man angeklagt werden. Deshalb hat die Opposition gar nicht die gleichen Chancen bei den Wahlen. Selahattin Demirtas, der Führer der HDP, eine der Oppositionsparteien, ist im Gefängnis. Die Opposition befindet sich also in einer sehr schwierigen Lage, und trotzdem ist die Hälfte der Bevölkerung weiterhin gegen die Regierung.

Sie leben seit 2009 in London und vor einiger Zeit haben Sie entschieden, auf Englisch zu schreiben, nicht mehr auf Türkisch. Wie kam es zu diesem großen Schritt?
Es war tatsächlich nicht leicht. Ich habe angefangen Englisch zu lernen, als ich zehn war. Damals war Spanisch meine zweite Sprache, da ich in Madrid zur Schule ging, wo meine Mutter als Diplomatin lebte. Ich bin also eine Immigrantin, was diese Sprache angeht. Aber wenn wir in mehr als einer Sprache träumen können – und das tun wir – dann können wir auch Literatur oder Dichtung in mehr als nur einer Sprache schreiben. Seit 15 oder 16 Jahren habe ich jedes meiner Werke zunächst auf Englisch geschrieben und bin dafür von den Ultranationalisten in der Türkei angegriffen worden. Sie werfen mir vor, ich hätte meine Muttersprache aufgegeben.

Populismus, Nationalismus und religiöser Fundamentalismus erstarken

Wie ist es, auf Englisch zu schreiben?
Wenn ich über Kummer, Melancholie oder Traurigkeit schreibe, kann ich mich besser auf Türkisch ausdrücken. Aber Humor, Ironie oder Satire – das geht auf Englisch viel leichter.

Halten Sie sich für eine türkische Autorin?
Natürlich bin ich das. Aber ich lehne es ab, auf eine einzige Identität reduziert zu werden. Das ist gerade in einer Zeit wichtig, in der Populismus, Nationalismus und religiöser Fundamentalismus erstarken, die von uns verlangen, nur einem einzigen Stamm anzugehören. Als Mensch verfügt man doch über mehrere Zugehörigkeiten. Ich zum Beispiel bin Istanbulerin, aber ich fühle mich auch dem Balkan nahe, es gibt in meiner Seele Elemente des Nahen Ostens, und ich bin Europäerin. Von Geburt an, und weil ich mich dafür entschieden habe. Mit den Jahren bin ich Londonerin geworden, britische Bürgerin. Und trotz allem, was Theresa May gesagt hat, bin ich davon überzeugt, dass es wichtig ist, eine Weltbürgerin zu sein, eine globale Seele.

In einem Ted-Talk im Frühjahr sagten Sie, es sei wichtig für Autoren, in einer Demokratie zule ben. Was bedeutet das für die Autoren in der Türkei?
Es ist in der Türkei sehr schwer geworden, Kunst oder Literatur zu produzieren. Es ist nicht nur schwierig, politische Tabus infrage zu stellen, sondern auch sexuelle Tabus oder überhaupt über Sexualität zu schreiben. Derzeit untersucht ein Staatsanwalt meine Romane, um festzustellen, ob ich das sogenannte Verbrechen der Obszönität begangen habe, indem ich über sexuelle Belästigung oder Kindesmissbrauch geschrieben habe. Es geht nicht nur um mein Werk, sondern auch um das einiger anderer Autoren. Und das passiert in einem Land, in dem wir ein großes Problem mit sexueller Belästigung und geschlechtsbezogener Gewalt haben und in dem ein Drittel aller Ehen mit Minderjährigen geschlossen werden. Die Gesetze müssten geändert werden. Sie sollten die Opfer unterstützen, bei der Polizei und vor Gericht. Es sollten Zufluchtsstätten für missbrauchte Frauen und Kinder eingerichtet werden. So etwas gibt es in der Türkei nicht. Stattdessen bestrafen sie die Künstler, die es wagen, über diese Themen zu sprechen.

„Die Türkei ist ein geteiltes Land“

Wer liest Ihre Bücher?
Die Türkei ist so ein geteiltes Land, und deshalb bedeutet es mir viel, dass meine Leser Menschen mit dem unterschiedlichsten Hintergrund sind. Es sind Türken, Kurden, Aleviten, Armenier, Juden, Griechen. Natürlich sind es die Säkularen, Liberalen, Progressiven, Linksgerichteten. Aber ich habe auch konservative Leser, Frauen, die das Kopftuch tragen. Diese Vielfalt ist mir angesichts dieses Landes, in dem die Menschen nicht mehr miteinander sprechen, sehr wichtig. Kultur kann Menschen verbinden und für Empathie sorgen, die in diesem toxischen politischen Klima verloren geht.

Was bedeutet es in der Türkei, eine Autorin zu sein?
In der Türkei ist ein männlicher Schriftsteller einfach ein Schriftsteller. Niemand spricht über sein Geschlecht. Aber eine Schriftstellerin ist in erster Linie eine Frau. Und man wird immer heruntergemacht von einer Elite. Wenn ein Mann über sexuellen Missbrauch schreibt, heißt es, er sei ein großartiger Schriftsteller mit einer großartigen Vorstellungskraft. Wenn eine Frau über so ein Thema schreibt, dann heißt es: Oh, ist Ihnen so etwas zugestoßen? Und sie stellen einen als Person infrage: Oh, Sie sind unbescheiden, unanständig, heißt es dann. Es ist viel schwieriger für weibliche Autoren.

Interview: Susanne Lenz

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