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Elena Medel „Die Wunder“: Wer sonst soll spülen

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Von: Sylvia Staude

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Auch in Spanien machen vor allem Frauen den Dreck weg.
Auch in Spanien machen vor allem Frauen den Dreck weg. © afp

Elena Medels Roman „Die Wunder“ über Frauen im Prekariat.

Im Grunde geht es um Geld: um den Mangel an Geld“: Das ist ein Satz im Roman von Elena Medel und das vorrangige Thema darin – hinzuzufügen wäre, dass es um das Geld geht, das Frauen nicht haben. Von Anfang bis (Lebens-)Ende eher nicht haben. Männer können sich Wohlstand erarbeiten, allemal haben sie die besser bezahlten Jobs. Aber wenn dann was schiefgeht, sie sich verkalkulieren, nehmen sie sich unter Umständen sogar das Leben. So wie Alicias Vater, Besitzer mehrerer Restaurants. Gerade hat er für die Familie ein Haus gekauft, der Umzug stand bevor. Nun aber träumt Alicia fast jede Nacht davon, wie er das Auto von der Straße lenkt, überlebt, sich neben dem Wrack an einem Baum aufhängt. Alicia staunt allerdings, mit welcher Würde sich ihre Mutter Carmen in den abrupten sozialen Abstieg fügt, „das Kostüm der Neureichen“ ablegt.

Zwischen 1969 – Carmen ist ein Baby, das nach Zigaretten riecht – und 2018 – Alicia fühlt sich an einen gewissen Nando gefesselt, María will keinesfalls zu Pedro ziehen, um Geld zu sparen – zeichnet Elena Medels „Die Wunder“ das karge Leben von Großmutter und Enkelin, María und Alicia, aus deren Sicht. Sie tut das nicht chronologisch, es dauert auch eine Weile, bis man versteht, dass die beiden Frauen verwandt sind. Über Carmen, Tochter der einen, Mutter der anderen, erfährt die Leserin nicht besonders viel.

Dafür begleitet sie die beiden Hauptfiguren im Alltag, der der von Niedriglöhnerinnen ist. Begleitet María, wie sie eine alte Frau pflegt, „ein Baby von 80 Jahren“, bis diese eines Tages tot auf der Couch sitzt. In Panik läuft sie von Stockwerk zu Stockwerk, Hilfe suchend, obwohl sie weiß, dass „ihre“ alte Frau gestorben und nichts mehr zu machen ist.

Das Buch:

Elena Medel: DIe WUnder. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Suhrkamp, Berlin 2022. 220 S., 23 Euro.

María sitzt als einzige Frau dabei, wenn Pedro seine Kumpels trifft – darf dabeisitzen, denn wer soll am Ende abwaschen, wenn nicht sie es tut? Immer hält sie bei den politischen Gesprächen der Runde den Mund. Bis sie ihn einmal nicht hält, denn hat sie nicht auch eine Meinung? Sie spürt die Missbilligung Pedros – noch stärker, weil sie auf ihrer eigenen Wohnung besteht, auch wenn sie dafür putzen gehen muss. Den Kolleginnen mag sie nichts über sich erzählen, auch nicht, dass sie ein Kind hat, das anderswo aufgezogen wurde, zu dem sie so gut wie keinen Kontakt mehr hat. Carmens Vater bleibt namenlos als „der Mann im Bus“.

Alicias Leben teilt sich in eine Zeit vor dem Tod ihres Vaters und eine Zeit danach. Vorher beschwert sie sich zum Beispiel über die Putzfrau, „das Mädchen“, das beim Abstauben Dinge verrückt. Nachher muss sie auf eine normale Schule gehen. Und schlägt sich irgendwann ähnlich durch wie ihre Großmutter, jedenfalls mehr schlecht als recht.

Lakonisch schreibt Elena Medel: „Alicia hat kein Vergnügen an ihrem Leben, doch ihr Leben lenkt sie ab.“ Manchmal wünscht sie sich nichts anderes, als dass Nando eine Affäre hat, damit das, was sie sein „Begehren“ nennt, ihr eine Weile Ruhe gibt. Liebe? Geschichten über die Liebe müssen Sie definitiv in einem anderen Roman lesen.

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