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Ekstasen, Urgeräusche

Lawrence Ferlinghetti, einer der Vater der Beat Generation, in einer wunderschönen Gedichtausgabe

Von YAAK KARSUNKE

Das Zitat, mit dem der Luchterhand Literaturverlag für den Gedichtband von Lawrence Ferlinghetti wirbt, ist ebenso zutreffend wie irreführend: "Fuck Art, Let's Dance!" vermittelt einen guten Eindruck von der unbekümmerten, auch provokanten Frische dieser Verse, ihrem mitreißenden Rhythmus, suggeriert aber gleichzeitig eine Kunst-Ferne (wo nicht gar -Feindschaft), die nichts von der hohen ästhetischen Qualität dieser Wortkaskaden auch nur ahnen lässt. Ferlinghettis graziöse Gebilde sind durchtränkt von Kunstkenntnis und -bewusstsein, werden aber von dem in ihnen steckenden kulturellen Reichtum an keiner Stelle beschwert: Sie bleiben in jeder Wendung leicht und tänzerisch frei.

"Lass dieses Pferd nicht / diese Violine fressen / rief Chagalls Mutter / Aber er / malte einfach / immer weiter / und wurde berühmt", heißt es in A Coney Island of the Mind, einer Folge von 29 Gedichten, die in den USA seit ihrem ersten Erscheinen mehr als eine halbe Million Käufer fand und ihrem Verfasser zu Weltruhm verhalf. Zum Glück schrieb auch Ferlinghetti immer weiter; fast vierzig Jahre nach seinem ersten großen Erfolg überraschte und beschenkte er seine Leser mit den Ergebnissen eines "Poesieanfalls", den hundert Gedichten des Bandes A Far Rockaway of the Heart. Beide Sammlungen, ergänzt um andere Arbeiten des Autors, enthält diese Auswahl.

Der 1919 in Yonkers im Staate New York geborene Ferlinghetti gilt als einer der Väter der "Beat-Generation", deren Bücher er in seiner 1951 gegründeten City Lights Press herausbrachte (die Veröffentlichung von Allen Ginsberg Howl trug ihm 1956 einen spektakulären Zensurprozess ein). Anders als die von ihm geförderten Jungen Wilden der US-Literatur hat der Nachkomme französischer, portugiesischer und italienischer Einwanderer, der Teile seiner Kindheit in Frankreich verbracht und später an der Sorbonne studiert hat, immer den Kontakt zur europäischen Kunst und Literatur gepflegt; promoviert hat er über Jacques Prévert, dessen Gedichte er auch übersetzt hat.

Die Sprache, ein Instrument

Anklänge an Préverts zu Teilen surreal gefärbten Chanson-Ton gibt es auch in Ferlinghettis eigenen Gedichten, die Musikalität des Amerikaners ist freilich deutlich vom Jazz geprägt. Eine Reihe von Texten hat er explizit für Lesungen mit Jazzbegleitung geschrieben und möchte sie als oral messages verstanden wissen, was den - vorzüglichen - Übersetzer Klaus Berr dazu veranlasst hat, diese Beispiele gesprochener Poesie nicht ins Deutsche zu übertragen. Die Begründung, die er dafür gibt, überzeugt nur zu Teilen: Klaus Reichert hat 1961 (für eine von Gregory Corso und Walter Höllerer herausgegebene Anthologie) eine durchaus adäquate deutsche Fassung des rhythmisch pulsierenden Gedichts über einen dahin trottenden Hund vorgelegt? Aber der des Englischen (halbwegs) kundige Leser findet hier immerhin sieben Originaltexte.

Auch ohne musikalische Begleitung entwickelt Ferlinghettis Lyrik den drive eines Jazzkonzerts, in dem vielstimmig Themen vorgestellt, variiert und wiederholt werden. Der Autor spielt die Sprache wie ein Musiker sein Instrument, und er spielt mit ihr wie ein Kind mit einem Ball oder einem Kreisel. Er führt seine Leser durch eine Welt voller zauberischer Entdeckungen und Einfälle, in der wir etwa im Golden Gate Park jener Frau mit einer Weintraube begegnen, deren Beeren sie einzeln "verteilte / an verschiedene Eichhörnchen / als wäre jede / ein kleiner Witz", wohingegen andernorts "sechshundertdreiundvierzig Delegierte / einer Überbevölkerungskonferenz" zu erkennen sind, "die dem Papst den Rücken kehren / der sich weigert ein Kondom zu tragen" - Zeilen, denen der jüngste römische Frühling langwährende Aktualität verliehen hat. "Eine Grille irgendwo / zieht ihre Uhr auf", und Narziss trägt noch immer "einen kleinen Handspiegel bei sich / nur für den Fall dass es kein Wasser gäbe".

Ein wenig ähnelt der Verfasser Pablo Neruda, der ihm als "dieser chilenische Allesfresser der Poesie" gilt, der in seinen Canto General "alles hineinpacken / und nichts herausnehmen wollte". Einmal erteilt er sich selber den Ratschlag: "So miete ein Museum / und sieh dich selbst in Spiegeln - / In jedem Raum eine Ausstellung / einer anderen Phase deines Lebens / mit all deinen Gestalten und Gesichtern" - so ungefähr ist A Far Rockaway of the Heart aufgebaut, als Welt- und Erinnerungsreise durch die eigenen Gedanken und Gefühle, manchmal sprunghaft, manchmal meditativ. Adam, weiß Ferlinghetti, war sprachlos, als er seinen ersten Sonnenaufgang erlebte, den er nur mit einem "Urgeräusch der Ekstase" begrüßen konnte: "Und er hatte kein Wort dafür / bis er viel später biss / in den großen Apfel der Erkenntnis / mit seinen wundersamen / Wörterkernen". Ferlinghetti hat sie gesammelt und schon vor Jahrzehnten ausgesät. Nun tragen sie Früchte.

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