Eiskalt erwischt

Barbara Sichtermann und Ingo Rose beschreiben Frauentypen, Männerrollen und drohende Nervenzusammenbrüche

Von INGRID MÜLLER-MÜNCH

Der Titel ist vielversprechend, zu viel versprechend. Wer es auf Beispiele von Männern am Rande des Nervenzusammenbruchs abgesehen hat, der sollte sich die 250 Buchseiten ersparen. Niemand bricht hier zusammen, keiner kollabiert. Stattdessen ist von verhaltener Wut, von Irritationen und Verunsicherungen die Rede.

Die Berliner Publizistin Barbara Sichtermann und der Rundfunkjournalist Ingo Rose haben sich Fragen gewidmet, die allzu lange im Getöse um die Frauenemanzipation untergingen: Wie reagieren eigentlich Männer auf das Vorpreschen der Frauen? Wo stehen sie heute? Wie verhalten sie sich? Was löst die zunehmende Emanzipation der Frauen für Ängste bei ihnen aus?

Der Männerfrage wollen sich die Autoren widmen. Kein leichtes Unterfangen. Denn sie müssen feststellen, dass es so gut wie keine kritische "Männerforschung" gibt. Wer etwas über die Befindlichkeit von Männern wissen will, erfährt dies auf dem Umweg über die Frauenforschung.

Genau hieraus schöpfen Sichtermann wie Rose und ziehen folgendes Fazit ihrer aus höchstpersönlichem Blickwinkel geschriebenen Bestandsaufnahme: das vermeintlich so starke Geschlecht schwächelt. Die Emanzipation der Frauen hat die Männer kalt erwischt. Seitdem werden Männer infrage gestellt, herausgefordert und vom Sockel gestürzt. Das Schlimme für die Männer ist: Sie sind darauf überhaupt nicht vorbereitet, reagieren deshalb teils ängstlich, teils abwehrend, teils mit dem verzweifelten Versuch, die alten Zustände möglichst aufrecht zu erhalten.

Viele Männer geben sich zwar Mühe, den an sie gesetzten neuen Erwartungen gerecht zu werden, wissen aber nicht so recht, was eigentlich von ihnen verlangt wird. Wie nur sollen sie mit der von ihnen erwarteten Gelassenheit Privilegien abgeben, Kompetenzen teilen und weibliche Überlegenheit am Konferenztisch anerkennen - während ihnen gleichzeitig bei der Konfrontation mit der Kollegin, der Konkurrentin, der Kundin fast reflexartig immer wieder durch den Kopf schießt: "Will ich mit der schlafen?" Als Reaktion hierauf fällt ihnen nichts besseres ein als ihr Verhalten mit sexuellen Anspielungen, anzüglichen Bemerkungen zu überspielen. Abwehrend reagieren sie auf Frauen im Top-Management, versuchen sie sich durch Männerbünde, Netzwerke und informellen Absprachen, aus denen Frauen ausgeschlossen sind, vom Hals zu schaffen.

Vieles hiervon ist bekannt. Neu dürfte allerdings die Sicht sein, aus der dies alles betrachtet wird: aus der Sicht der Männer. Dabei stellt sich heraus, dass die Herren der Schöpfung im Zuge der Frauenemanzipation auf der Strecke geblieben sind. Zumindest, was ihre Befindlichkeit angeht. Gut, die Pfründe, über die Mann noch verfügt, sind üppig, müssen aber inzwischen starrköpfig verteidigt werden.

Aber was, wenn der Wall längst gebrochen ist, das Eindringen von Frauen in Männerdomänen nicht mehr aufzuhalten sein wird? Angriff oder Verteidigung ist hier die Frage. Soll man sie wieder rausdrängen, diese verwirrenden Wesen, deren eigentliche Aufgabe es doch sein sollte, für Ruhe und Sicherheit, eine das Männerherz wärmende Atmosphäre sowie am heimischen Herd zubereitete warme Mahlzeiten zu sorgen. Geht das überhaupt noch?

Es geht nicht, das steht nunmal fest. Denn Frauen drängen in die höchsten Ämter, stolpern dabei aber auch in aufgestellte Fallen. Sie übernehmen, so beschreiben es Sichtermann und Rose, bei dem Gezerre und Gerangel männliche Verhaltensweisen, teils vorübergehend, teils dauerhaft, teil mit zusammengebissenen Zähnen, teils bereitwillig. Sie tappen in eine "Maskulierungsfalle", mit ihren akkurat sitzenden Blazern, den ledernen Aktenkoffern, ihrem von klassischen Businessmännern abgekupferten harten Auftreten.

Dabei hatten sie sich doch selbst im Fallen aufstellen geübt, hatten, statt Gleichberechtigung zu fordern, den Männern eine "Feminisierungsfalle" aufgebaut. Mit deren Hilfe wurden Männern Ansichten aufgedrängt und Verhaltensweisen abverlangt, die nicht zu ihnen passten. Die sie aber bereitwillig übernahmen, weil sie der Frauenemanzipation nichts entgegen zu setzen, nichts Eigenes anzubieten hatten.

So glaubten sie denn, dass ihnen nur eines übrig bliebe im Krieg der Geschlechter: den Frauen das Mitspielen so schwer wie möglich zu machen, im Arbeitsleben wie im Haushalt. Denn solange Männer zu Hause nicht mit anpacken, drängen sie ihre Frauen unwillkürlich zurück in traditionelle Rollen. Klammheimlich beweisen sie, dass sie sich lediglich in verbaler Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre üben, meinen Sichtermann und Rose.

Unterm Strich also ein Buch, dem es an tatsächlichen Nervenzusammenbrüchen mangelt. Das sich aber dennoch mit großer Ausführlichkeit einer seit der Frauenemanzipation etwas vernachlässigten Spezies widmet: dem Mann. Und da vor allem dessen Schrecken und Ängstlichkeiten angesichts starker, flexibler, selbstbewusster Frauen.

Frauen sollten sich, so die Empfehlung der Autoren, mehr auf ihre Soft Skills besinnen. Dadurch könnten sie eine Perspektive für beide Geschlechter schaffen: eine Kooperation guten Willens, bei der jeder vom anderen die jeweils besseren Seiten übernimmt. Was nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer von Vorteil wäre. Das behaupten jedenfalls Barbara Sichtermann und Ingo Rose. Die entscheidende Frage bleibt allerdings offen: Wer bereitet in Zukunft den hart arbeitenden Frauen das warme, ausgleichende, entspannende, sie aufbauende Zuhause vor?

Das Buch

Ingo Rose / Barbara Sichtermann:Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Edition Ebersbach,Berlin 2006, 248 Seiten, 19,90 Euro.

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