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In der Eiseskälte der Sätze

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Von: Sylvia Staude

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"Tannöd", "Kalteis" und nun "Bunker": Andrea Maria Schenkel ist den Einwort-Titeln treu geblieben, der Knappheit auch im Umfang, 128 Seiten hat ihr neuer, heute erscheinender Roman.

"Tannöd", "Kalteis" und nun "Bunker": Andrea Maria Schenkel ist den Einwort-Titeln treu geblieben, der Knappheit auch im Umfang, 128 Seiten hat ihr neuer, heute erscheinender Roman.

Tannöd war der grausam poetische Ort, an dem in den 20ern eine Familie ausgelöscht wurde, Josef Kalteis Schenkels sprechender Name für den 1939 hingerichteten Serienmörder Johann Eichhorn. Das einzige, das "Bunker" datierbar macht, ist diesmal kein wahrer Fall dahinter, sondern ein Verweis auf Hoyerswerda. 1991 geschahen dort die rassistischen Ausschreitungen, von denen der Täter im Autoradio hört.

Der Täter: ein vermutlich nicht mehr junger, wohl ungebildeter Mann, der immerhin eine Sanitäter-Ausbildung hat, die er im Verlauf der Handlung gebrauchen kann. Das Opfer: eine Autovermietungs-Angestellte, offenbar auch nicht mehr jung, ebenfalls nicht gerade erfolgreich im Leben. Er überfällt sie, sie hat keinen Schlüssel zum Geld (den hat der Chef), er nimmt sie als Geisel und bringt sie in ein Haus im Wald, wo es auch ein altes Weltkriegs-Versteck, eben den Bunker gibt.

Die beiden liefern sich ein widerwilliges Duell, eigentlich reiten sie sich, reitet sich auch das Opfer dabei selbst tief und tiefer rein. Ein paarmal hätten beide durchaus die Chance auf einen anderen Ausgang dieser - Tragödie.

Warum ein neuer Schenkel ein Ereignis ist (und vielleicht wieder ein Bestseller) in einer so mit Texten überschwemmten Krimi-Landschaft, dass man kein Ufer mehr sieht? Weil diese Autorin außergewöhnlich streng ist zu sich, weil sie vorgestanzte Kriminalroman-Sätze vermeidet, jedes nur behauptete Erschaudern und falsche Herzklopfen, jedes Klischee in Wort und Handlung.

Es gibt tatsächlich Krimi-Autoren, die lassen ihre Hauptfigur auf den ersten Seiten in den Spiegel gucken, damit der Leser auf diese Weise erfährt, wie er/sie aussieht. "Bunker" bietet allerdings an keiner Stelle den Trost, auf Erzählklischee-Grundfeste gebaut zu sein.

Schenkel gestattet dem von ihr gewählten Ausschnitt von Welt, vielstimmig (dies auch formal) und komplex und beunruhigend zu sein - und das ist eben keine Frage des Umfangs. Weil sie Sätze schreibt, die klar und eisekalt sind und die trotzdem das Ungeheuerliche von Gewalt zwischen Menschen fassen.

Andrea Maria Schenkel: Bunker. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2009, 128 Seiten, 12,90 Euro.

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