Eisenstangen in den Himmel

Der junge ukrainische Dichter Serhij Zhadan besingt die Geschichtsmelancholie seiner Generation

Von CORNELIA JENTZSCH

Unter dem Titel Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts stellt man sich eher eine wissenschaftliche Abhandlung vor, kaum eine Gedichtsammlung. So ist der Leser, bevor er es sich versieht, schon mitten hineingezogen in diesen Band voller Poesie und Provokationen aus dem Herzen eines Mitteleuropas, das "in frischem Schnee wie in Servietten liegt". Dessen Kultur - und es bleibt offen, ob zu Beginn dieses, des letzten oder gar des 19. Jahrhunderts - hat sich in jede Person unweigerlich eingebrannt. Sie zeichnet "die Venen deiner willigen Hand" und liegt "eingenistet" in den "Bruchstellen deiner dichten Haare". Jeder einzelne, so individuell er auch sein mag, bleibt ein von seiner Zeit bezeichnetes Produkt, seinem historisch angestammten Ort kann er nicht entfliehen, nicht einmal über das Internet oder den televisionären Blick in die Ferne.

"Alles ist irgendwie schon vorbei,verstehst du"

Die Generation der in den 1970ern Geborenen, zu denen der Ukrainer Serhij Zhadan gehört, hat mit dem zu leben, was ihr von den vorangegangenen Generationen überlassen wurde: Schulden, Erkenntnisse, Ideen und ausgeflockte Restsubstanzen aus den Reagenzgläsern einer inzwischen hoffnungslos veralteten Zukunft. Achtundsechzig und seine Nachwehen sind vorbei, kommen nicht mehr in Frage, "mit welchem Brei haben sie unsere Köpfe vollgestopft, all diese penetranten Ideen der Intellektuellen". Das, was vordem noch Idealismus war, bekam mehr oder minder sichtbare Mottenlöcher, "es hängt doch so wenig von uns ab", denn "alles ist irgendwie schon vorbei, verstehst du". Pragmatismus ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Am hohen Podest des Idealismus gemessen, wirkt er recht dürftig. "So entstand eine Epoche, so drehte sie ab - schwer wie ein Bombenflugzeug, ließ erloschene Planeten und überlastete Telefonzentralen zurück, verscheuchte die Wildenten aus den Flußauen".

Zhadans Generation bleibt nicht viel mehr übrig als Geschichtsmelancholie und eine fortschreitende Individualisierung bis hin zum Vereinzeltsein. Alles quillt "hervor wie Tomate aus aufgerissenen Dosen", ist "Fertigsuppe" und "wenn du gehst - wohin auch immer -, entfernst du dich nur, kommst nie näher, als du schon bist". Ein morbider mobiler Status quo.

Und trotzdem findet Serhij Zhadan in diesem Buch zweiunddreißigmal das Wort Himmel, wie der Dichter Andrij Bondar im Nachwort zur Originalausgabe akribisch vermerkt. Ein immerhin nach oben offenes Wort. Schaut man aber genau in das poetische Firmament, entdeckt man auch hier eklatante Fehlstellen, dieser Himmel "verliert Stern um Stern" und die Jugendlichen stechen "mit Eisenstangen in den Himmel, damit er schneller zieht". Zhadans Gewölbebild widerspräche damit der metaphysischen Tradition, die das Himmlische, das Ideale und Ewige dem Irdischen, dem Brutalen und Vergänglichen gegenüberstellt, wie Juri Andruchowytsch in seinem Nachwort zur deutschen Suhrkamp-Ausgabe schreibt. Für Zhadan fällt beides nüchtern in eins. Noch präziser wird seine skalpellscharfe Analyse der mitteleuropäischen "akuten Herzinsuffizienz", die Andruchowytsch diagnostiziert, dadurch, dass Zhadan die Gedichte während eines Stipendienaufenthaltes in Wien schrieb, der "alten europäischen Hauptstadt, gefüllt mit frischem Emigrantenfleisch". In der ehemaligen kaiserlich-königlichen Metropole klappert noch immer ein senil-nostalgisches Herz vor sich hin, geht die Kultur ihren nekrophilen Neigungen nach. Hier schärft sich der Blick um ein weiteres. Obwohl Zahdans Blick ohnehin schon scharf genug ist.

Ein Glücksfall mit weitreichenden Verbindungen

Serhij Zhadan lebt in Charkiw (Charkow) inmitten einer Landschaft, in der die Ruinen des grandiosen Sowjetexperiments - riesige Anlagen anachronistischer Industrien - vor sich hinrotten, wie die Lektorin Katharina Raabe in einem Essay diesen Herkunftsort beschreibt. Genau hier in Charkiw verfasste aber auch 1919 Welemir Chlebnikow das utopische Poem "Ladomir", künden noch heute architektonische Zeugen vom Konstruktivismus der zwanziger Jahre. Doch erst nach der Perestroika durfte die bis dahin verdrängte und verfolgte Tradition wieder ans Tageslicht des öffentlichen Bewusstseins.

In dieser Stadt kann ein Dichter schon reichlich tief in die Eingeweide des 20. Jahrhunderts blicken. Der 1995 veröffentlichte erste Gedichtband Zitatenbuch brachte Serhij Zhadan den Ruf eines "Rimbaud von Charkiw" ein, später galt er als "postproletarischer Postpunk". Nach seiner Promotion an der Charkiwer Universität unterrichtete Zhadan ukrainische Literatur. Mit Freunden gründete er eine Dichtergruppe, ihr Wohn- und Arbeitsdomizil war das Charkiwer Literaturmuseum, hierher zog es die junge Szene, die "Tussowka".

Für sie ist Zhadan, wie Katharina Raabe schreibt, ein Glücksfall mit seinen weitreichenden Verbindungen nach Russland, Weißrussland, Polen, Österreich und der Westukraine. Seine Bücher erscheinen unter anderem im Verlag des mit ihm befreundeten polnischen Autors Andrzej Stasiuk. "In einer Region, in der die Mehrheit der Bevölkerung russisch spricht, dem Untergang der Sowjetunion nachtrauert und sich statt des Beitritts zur EU eine Union mit Russland wünscht, schreibt er ukrainisch, ohne sich von den nationalistischen Ideologen vereinnahmen zu lassen. Die Spaltung seines Landes in einen ‚europäischen' Westen und einen russischen Osten ist für ihn, den Anarchisten, schlechte Politik, nicht Realität." Die Gedichte Zhadans sind unbestechliche Fieberthermometer an der Geschichte der Kultur zu Anfang dieses Jahrhunderts. Die Temperatur ist bereits ziemlich hoch.

Serhij Zhadan: "Die Geschichte der Kulturzu Anfang des Jahrhunderts." Gedichte.Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe.Mit einem Nachwort von Juri Andruchowytsch und Fotos von Wladyslaw Getman.Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006,96 Seiten, 9 Euro.

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