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Dante Alighieri, hineingestellt in die Motive seiner „Göttlichen Komödie“. So malte es 1465 Domenico di Michelino (1417-1491) in der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz.
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Dante Alighieri, hineingestellt in die Motive seiner „Göttlichen Komödie“. So malte es 1465 Domenico di Michelino (1417-1491) in der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz.

Dante Alighieri

Der einzige Zeuge

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Zu seinem 750. Geburtstag eine Erinnerung an Dante Alighieri, Autor der Bauanleitung für ein christliches Universum und rasch entschlossener Richter über die Toten.

Dante ist kein Autor zum Lesen. Er ist es schon darum nicht, weil er vor 750 Jahren – im Sternzeichen des Zwilling, also irgendwann zwischen dem 22. Mai und dem 21. Juni – geboren wurde. Es muss sehr viel erklärt werden, um Lesern über diesen Abstand hinüber zu helfen.

Man liest Dante nicht, man studiert ihn

Aber Dante war schon seinen Zeitgenossen ein schwer zu entziffernder Autor. Gar zu viel stopfte er in seine Verse. Er hat darum gerne das Genre der Selbstinterpretation gepflegt, also ausführliche Kommentare zu seinen eigenen Gedichten vorgelegt. Die dienten allerdings nicht dazu, das Verständnis zu erleichtern, sondern sie multiplizierten die Verständnismöglichkeiten. Wenn ein Gedicht an eine Geliebte dahingehend erläutert wird, dass mit der Geliebten die Philosophie gemeint sei, dann explodiert jedes Wort darin und zerfällt in sehr viele neue Bedeutungen. Was das für Übersetzungen bedeutet, kann sich jeder ausmalen. Wer Dante auf Deutsch lesen möchte, dem ist zu empfehlen, mehrere Übersetzungen nebeneinander zu legen. Bei der „Göttlichen Komödie“ etwa die Übersetzungen von Kurt Flasch (S. Fischer Verlag) und die bei Reclam erschienene von Hartmut Köhler.

Man liest Dante nicht, man studiert ihn. Die poetischen Übertragungen seiner Göttlichen Komödie sind ungenießbar. Wer gar versucht, den Terzinen-Verkettungen (aba bcb cdc ded efe) nachzuhecheln, hat bald sich von jeder Poesie entfernt und versenkt Dante im ratternden, stotternden Getriebe eines niemals Fahrt aufnehmenden Motors. Dabei handelt es sich bei Dantes Versen um höchst effiziente, extrem bewegliche Transporter. Sie führen Autor und Leser ja nicht nur durch Höllen und Himmel, sondern bringen auch beide fortwährend auf neue Gedanken. Die freilich sind so fruchtbar, dass sie die Lektüre fast gleichermaßen beflügeln und verzögern.

Es ist charakteristisch, dass einzelne Zeilen, dass Motive seiner Dichtung seit Jahrhunderten immer wieder Dichter, Musiker und Maler animiert haben. Dass der monumentale Gesamtbau (dreimal 33 Gesänge à 139-154 Verse, dem ersten Buch, dem „Inferno“, ist ein 34. Gesang, eine Art Einleitung hinzugefügt) zwar immer wieder auf sehr viel Bewunderung, aber doch sehr selten auf liebende Nachahmung stieß.

Apropos Liebe

Apropos Liebe. Es gab von Anfang an Spötter, die sich über den hohen Ton lustig machten, die in Dantes allegorisierender Verklärung seiner Liebe zu einem bei der ersten Begegnung neunjährigen Mädchen durchaus die Komik sahen. Das ist keine Errungenschaft einer lästernden Moderne, die von den Geheimnissen des Glaubens nichts mehr wissen will.

Aber nun eine Zeile: „Liebe, die ja keinen Geliebten mit Liebe verschont“ übersetzt Köhler das Danteschen „Amor, ch’a nullo amato amar perdona“. Flasch schreibt: „Amor, der keinem Geliebten das Lieben erlässt.“ Das ist eine der Stellen, an denen man etwas begreift von der Schönheit Dantes. Es ist die lateinische Liebe zur Verknappung, der poetische Impuls drängt zur Sentenz: eine Dichtung, geschaffen, um zum Zitat zu werden. Die unendliche Kettenreaktion der Terzinen erstarrt für Momente, nimmt kristalline Formen an, dann schmelzt sie sie wieder ein, in dem, was die Zeitgenossen den „dolce stil novo“ nannten, eine warme Rede voller Liebe und Mitleid. Aber auch ein Wiegen und Wogen, in dem die Konturen verwischen, bis die nächste Gestalt sich hervordrängt. Das gilt für die Darstellung, aber auch für das Dargestellte und die Dargestellten. Der Reiz der „Divina Commedia“ (Giovanni Boccaccio, 1313-1375, Autor des „Decamerone“, führte das bewundernde Beiwort ein, für Dante war sein Werk schon wegen des Happy Ends bloß eine „Commedia“), besteht dann aber doch im Ganzen. So rührend und einnehmend bestimmte Motive sind, die Wucht des Werkes rührt her von der überbordenden Masse des verarbeiteten Stoffes.

Mehr als sechshundert Personen kommen vor. Jede fünfte Zeile spielt auf etwas an, das lange zuvor eine Rolle spielte, Gott ist in jeder dritten Zeile da, und so sind es die Götter, die Heiligen, die großen Namen der Antike, der christlichen Überlieferung. Mohammed kommt vor. In der Hölle versteht sich: mit seinem Schwiegersohn Ali unter den Schismatikern. Und alle eingewoben in eine einzige, sich immer wieder erneuernde Suada, angefeuert von der fühlbaren Lust, mit der der Autor Figuren aus Vergangenheit und Gegenwart auf Hölle, Fegefeuer und Himmel verteilt.

Aschenputtel sollte Linsen aus der Asche lesen. Sie rief die Tauben zu Hilfe und erklärte ihnen: „… die guten (Linsen) ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“. Als sie die Arbeit getan haben, eilt Aschenputtel auf das Fest, wo sie den Prinzen kennenlernen wird. Dante stellt sich die ganze Weltgeschichte vor Augen, er fällt ein Urteil nach dem anderen, um endlich sein „Schauen mit der unendlichen Kraft vereinen“ zu können. Der Transporter, der ihn dorthin brachte, waren die explosive Verbindung von Urteilskraft und Vision im Medium der Poesie. Dergleichen liest sich nicht weg, man muss lernen, langsam zu lesen und noch langsamer. Dann versteht man zum Beispiel auch, dass es zwar nicht falsch ist zu sagen, Dante urteile, indem er die einen in den Himmel, die anderen in die Hölle stecke, dass das aber nicht die ganze Wahrheit ist. Dante stellt es ja nicht dar als sein Urteil, sondern als das Gottes. Er sieht, wie Gott geurteilt hat. Er überliefert nur dieses Urteil. Er spricht es nicht.

Wir tun uns schwer damit, beides zu sehen. Für uns ist das ein Entweder-Oder. Für Dante nicht. Nicht, weil er nicht klar denken könnte – gerade das kann er sehr gut –, sondern weil es zu den Möglichkeiten gehört, die Dichtung eröffnet, das eigene Ich – sagen wir despektierlich – aufzublasen, bis es die ganze Welt, das Universum, Himmel und Höllen, die Götter, den Gott selbst aufnehmen kann. So wie die griechische Götterwelt ein Geschenk Homers ist, so ist die „Divina Commedia“ – auch – eine Bauanleitung für ein christliches Universum, ja eine singende Summa.

In dieser Welt sind Poesie und Philosophie keine Gegensätze. Schon darum, weil auch das Erfundene zur wirklichen Welt gehört. In dem von Dante erblickten Jenseits tummeln sich neben Figuren der Weltgeschichte nicht nur Freunde und Feinde aus Dantes Gegenwart, sondern auch Gestalten der Dichtung wie Achill und Tristan. Nun, da sie alle zu Schatten geworden sind, scheint es gleichgültig, ob sie Schatten wirklicher oder nur imaginierter Menschen waren. Auch die Produkte der Fantasie haben ein Schicksal. Auch sie landen in der Hölle, im Fegefeuer oder im Paradies. Was Vergil nicht vergönnt war, der Aufstieg ins Paradies, gelang einem seiner Geschöpfe, dem Trojaner Rhiphaeus, von dem er nur erzählt, dass auch er, „der Gerechtesten einer“, sterben musste beim Untergang Trojas.

Der einzige Mensch unter Hunderten von Schatten

Dante ist, das wird immer wieder thematisiert, der einzige wirkliche, lebende, atmende Mensch in diesen von Hunderten von Schatten bevölkerten vierzehntausend Versen. Dante durchwandert die mit Schauereffekten durchsetzten Splattermovies, das Inferno, geht durch den Läuterungsberg des Fegefeuers und dann weiter vom Mondhimmel bis hinauf ins Empyreum, wo Gott nichts ist als ein hellstrahlender, ausdehnungsloser Energiepunkt. Von hier aus sehen die Welten, die Dante durchschritten hat, ganz anders aus. Hartmut Köhler schreibt: Hier „lässt uns der Erzähler die erregendste aller Visionen Dantes miterleben, die in ihrer Farbenpracht und Fließintensität die modernsten Kreationen surrealistischer, kinematographischer oder kybernetischer Imagination hinter sich lässt“.

Es ist immer Sprache. Auch das Unaussprechbare bleibt sprachlich. Dante hat sich lustig gemacht über die Versuche, die Sprache der Engel zu ergründen. Sie brauchen keine Sprache. Sie sind durchsichtig. Jeder weiß alles vom andern. Auch Tiere haben keine Sprache. Sie brauchen sie nicht, weil sie einander nichts Individuelles zu sagen haben. Sie sind Gattungswesen. Nur der Mensch hat Sprache, so Dante. Er ist auf sie angewiesen, nicht nur um sich verständlich zu machen, sondern auch um zu begreifen. Ideen, Begriffe hat er als Sprache. Auch die wildesten Visionen, das zeigt, das demonstriert er uns, kommen erst durch die Sprache zu uns. Sie werden durch das Intra-Internet der Verse durch den Dichter und von ihm zu den Hörern und Lesern transportiert. Wie die Ausdehnung des göttlichen Punktes die Welt erst schafft, die er erfüllt, so entstehen die Gefühle und deren Wechselbäder erst in der sich entfaltenden Dichtung.

Es gibt auch den Leser nicht. Der entsteht erst beim Lesen. So wie Paolo und Francesca, erst als sie im „Lanzelot“ vom Kusse lasen, zum Küssen kamen und aufhörten zu lesen. Es gibt ein Jenseits des Textes. Es gibt es, so zeigt uns Dante, drüben in der wirklichen Welt, im materiellen Leben und im anderen Drüben, in der wahren Welt, die nichts ist als strahlende Energie. Aber während er uns das zeigt, zeigt Dante doch immer auch auf sich, auf sein Sprachkunstwerk, auf die Dichtung. Er ist der einzige Zeuge seiner Welt. Der Leser beginnt zu begreifen, dass nichts anderes für ihn, ja für jeden von uns gilt.

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