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Ein Lachsfischer der First Nations. Picture Alliance

Kanadische Krimis

Einst fanden sie, was sie brauchten

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Eric Plamondon „Taqawan“ und Thomas King „Dunkle Wolken über Alberta“: Zwei sehr unterschiedliche Krimis aus Kanada erzählen von den First Nations.

Gern wird der Kriminalroman ohne Ansehen der Autorin oder des Autors in die Unterhaltungsecke geschoben. Zuglektüre. Ablenkung in Warteräumen. Bei Erkältung im Bett zu lesen. Doch ist die Kluft zwischen Lies-weg-das-Zeug-Büchern und gesellschaftskritischen, mit Ambition geschriebenen Krimis mittlerweile so groß wie die zwischen Republikanern und Demokraten in den USA. Wäre Donald Trump ein Krimiautor, ließe er mindestens einen Serienmörder, wenn nicht drei oder vier auftreten. Denn er sähe: das bringt einen in die Bestseller-Listen.

Aus Anlass des Buchmesse-Gastlandes Kanada wurde der Roman „Taqawan“ übersetzt, dessen Autor Eric Plamondon es wichtig ist, von den First Nations, ihrem Kampf um Anerkennung und gegen Diskriminierung zu erzählen. Ausgangspunkt sind zwei Razzien der Provinzpolizei von Québec: Im Juni 1981 ging man mit massiver Gewalt gegen Lachsfischer der Listuguj Mi’gmaq vor, vorgeblich, um den Lachsbestand zu schützen, während anderswo weiße Angler die Fische in rauen Mengen rauszogen.

Plamondon thematisiert nicht nur die Polizeigewalt. Teils sehr kurze Kapitel handeln von der Ausrottung der Bisons, den faszinierenden Besonderheiten des Lachses („Taqawan“ heißt ein Lachs, der aus dem Meer zurückkommt), dem Fischen mit Speer, von traditionellen Heilmitteln, Ahornzucker und Petum, indianischem Tabak. Legenden und Erzählungen webt der Frankokanadier ein, aus einer anderen Zeit: „Damals mussten wir nur aus unserem Wigwam treten, manchmal mit Pfeilen und mit Speeren, manchmal ohne, und nicht weit vom Dorf fanden wir alles, was wir brauchten.“ Immer ist auch die Zerstörung der Natur Thema, wenn es um das Eindringen der Europäer geht.

Die fiktionale Handlung beginnt mit einem Mi’gmaq-Mädchen, das die Razzia flieht und vergewaltigt wird. Und endet mit einer rasanten Actionszene. Autos rasen in Hütten, Häuser brennen, Böse beißen ins Gras. Man kann diesen Roman etwas zu lehrreich finden, in der Tat verlässt Plamondon seine Figuren über viele Seiten. Doch sind die einzelnen Exkurse knapp und immer interessant.

Der Sheriff bittet

Einem Krimi-Schmöker entspricht viel eher „Dunkle Wolken über Alberta“ von Thomas King, der selbst First-Nations-Vorfahren hat. Sein indigener Ermittler heißt mit einem Augenzwinkern Thumps DreadfulWater – und hat im jüngst übersetzten Band seinen Polizistenjob wegen eines traumatischen Ereignisses an den Nagel gehängt, will seinen Lebensunterhalt als Fotograf verdienen. Die Krimileserin weiß, wie so etwas ausgeht: Gleich ist der oder die Betreffende wieder mitten im Geschehen; hier bittet der Sheriff von Chinook um Hilfe.

Es gibt aus einem früheren Band einen Serienmörder, der noch nicht gefasst werden konnte. Es gibt neue Tote, unter anderem einen Wissenschaftler, der auf einer Umweltkonferenz sprechen sollte. Aber so politisch, wie man in diesem Moment vielleicht denkt, ist Kings Krimi nicht. Mehr Raum erhält die Brustkrebserkrankung von Thumps’ Freundin und wie er sie verwöhnen soll (er erhält eine To-do-Liste!), dazu seine frisch diagnostizierte Diabetes, dazu drollige Nebenfiguren wie Archie mit der Buchhandlung. Auch hat sich der Autor auf einen leichten, ironischen Ton festgelegt, auf ein kleines Witzchen alle paar Zeilen, aufs Glucksen und Schmunzeln. So dass nichts von dem Geschilderten allzu gravierend erscheint.

Zart liest man bei King zwischen den Zeilen, dass die indigene Bevölkerung Kanadas durchaus noch um ihre Rechte kämpfen muss. Zart sind die Seitenhiebe auf die Weißen: „Wenn sie nicht gerade etwas vermessen, dann zählen sie.“ Aber eigentlich sind sie nette und vorurteilsfreie Kerle, abgesehen vielleicht von den Serienmördern.

Die Bücher:

Eric Plamondon: Taqawan. Roman. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos, Basel 2020. 208 S., 22 Euro. Thomas King: Dunkle Wolken über Alberta. Ein Kanada-Krimi.A. d. Engl. v. Leena Flegler. Piper, München 2020. 444 S., 16 Euro.

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