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Die Einsamkeit zwischen Frauenschenkeln

Die Kirche bleibt hier entschieden nicht im Dorf: Navid Kermani erzählt in dem Band "Du sollst" so fleischlich wie irgend möglich

Von JOACHIM OTTE

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." "Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe." Zweimal Johannes: das Evangelium, die Briefe. Wenn Gott sowohl Wort als auch Liebe ist, können dann auch Wort und Liebe eins sein? Diese Dreifaltigkeit hat den Islamwissenschaftler Navid Kermani bereits in seiner Arbeit Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran beschäftigt. Mit dem Wort ist das poetische Wort gemeint, und mit der Liebe auch die Liebe zum Wort, das "ästhetische Erleben", durch welches sich wiederum Gott offenbart.

Der Zusammenhang beschäftigt auch den Literaten Kermani, dessen jüngster Erzählungsband Du sollst erneut ein zum Zerreißen gespanntes Drahtseil zwischen Wort und Liebe befestigt. Von transzendenter Einheit dieser Dreifaltigkeit sind die Texte weit entfernt. Es geht um ihr Auseinanderbrechen, sogar um ihren Krieg. Wenn es Verklärung gibt, dann auch Allerprofanstes. Johannes weiß, dass das Wort zum Fleisch wird, und Kermani hält sich daran. Fleischlicher hat er nie geschrieben: "Sag, dass deine Fotze nur noch meinen Schwanz haben will, immer nur meinen Schwanz."

Und dies vom Stilisten Kermani, wer hätte das gedacht. Das Schlachtfeld ist also weniger die Gottesliebe, als vielmehr die "klassische" und vor allem körperliche Liebe zwischen Mann und Frau. Dennoch ist "Gott" bei Kermani mehr als nur Metapher der Liebe. So steht über all diesen pathetischen, erotischen, sinnbildlichen Erzählungen der alttestamentarische Buchtitel Du sollst und über jeder einzelnen eines der dazugehörigen Gebote, in Kermanischer Diktion: "Untreue nicht" oder "Erhebe nicht Seinen, deines Gottes Namen zu Nichtigem".

Ehrt man so die Liebe?

Eine vierte biblische Konstante gesellt sich zur Gleichung von Gott-Liebe-Wort: der echte oder symbolische Tod. In einer passenderen Übersetzung des Hoheliedes heißt es "Gewaltsam wie der Tod ist die Liebe" (und nicht "stark"). Gott ist nicht schön, wenn er eine vernichtende Liebe ist. Die Liebe ist nicht schön, wenn sie mit fehlenden oder falschen Worten tötet. "Du sollst mich lieben", sagt der Mann in der dialogischen Miniatur "Ich bin dein Gott", aber er tut es mit einem Machtanspruch des strafenden, eifersüchtigen Gottes. Ein anderer sagt: "Sag nicht, dass du mich liebst" und "Nur wenn wir schweigen, sprechen wir." Es ist eine Geschichte über den wahren Namen Gottes, der nicht genannt werden darf. Oder darüber, dass es keinen Namen für ihn gibt und man ihm also keinen geben darf, weil er sonst "zu Nichtigem" erhoben würde.

Aber ehrt man ihn und die Liebe dadurch? Ist hier nicht auch eine narzisstisch-repressive Macht im Spiel? Sie sagt: "Indem er sich ihr entzog, nahm er Besitz von ihr." Und: "Mit ihm kam sie sich im Bett vor wie in einer Kirche." Sie ist nicht glücklich mit ihm, "der sich selbst genügte". Ob Kermani also, wie der Klappentext verspricht, "in der Intim-Landschaft zwischen Mann und Frau die Gültigkeit der biblischen Gesetze behauptet", ist fraglich. Denn die Worte Gottes sind zweideutig. Wenn das Wort zum Fleisch, zur Fleischlichkeit, zu einer sexuell-ekstatischen, quasi-religiösen Erfahrung wird, dann führt es vielleicht zu Gott.

Doch ebendieser Weg führt von ihm hinweg, wenn diese Transsubstantiation keine Worte übrig und die Liebenden in kommunikationsloser Leere verharren lässt. Wenn es keine Übersetzung zwischen der Sprache der Liebe und der Sprache der Körper gibt. Ironischerweise fällt Kermani über weite Strecken demselben Dilemma anheim, das auszudrücken er sich vorgenommen hat. Schlimmstenfalls klingen seine Worte über die Sprache der Körper wie Lady Chatterley im pornographischen Ornat: "Die Zuckungen ihrer geküssten Zehen zogen sich hoch zu den Oberschenkeln, ja bis an die auslaufenden Nerven ihres Geschlechts."

Kermanis Miniaturen sind deftig, aber auch abstrakt und hochartifiziell. Sie werden ihren anonymen Protagonisten insofern gerecht, als sie ebenso steril sind wie diese. Dann kommt das Meisterwerk. Die letzte Erzählung ist fast so lang wie alle zehn vorhergehenden und zugleich deren erklärende Apotheose. Kermanis Wort über die ultimative Unmöglichkeit einer bleibenden erotischen Gottesschau wird im literaturästhetischen Sinn zur erotischen Offenbarung. Nicht zufällig geht es um einen verschwundenen, womöglich toten Sprach- und/oder Religionswissenschaftler, dessen Assistent an einen Kommissar schreibt. Zum Drama wird dem Professor seine Einsicht, dass "das eine Interesse, das vorgeblich Literarische und Theologische", zugleich eng in das andere ("vor allem Frauen und Sex und diese Dinge") verwoben war und "dass es ihm immer um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit ging, sich zu verständigen, sich verständlich zu machen und sein Gegenüber zu übersetzen".

Dieser Vergeblichkeitszwang treibt zur Reduktion aufs Sexuelle (zu dem er immer wenig fähig ist), zum Sprachverlust und dadurch in das, was Georg Lukács als "transzendentale Obdachlosigkeit" bezeichnet hat. Die Identität löst sich buchstäblich in Nichts auf. Kermani inszeniert das mit einer stilistischen Eleganz, deren Gestus sowohl an Thomas Mann als auch Thomas Bernhard gemahnt und die dennoch seine ganz eigene ist. Sie widmet sich der "Einsamkeit zwischen zwei Frauenschenkeln" und den "Offenbarungen der Schrift" in ein und demselben langen schönen Atemzug. Hier ist Kermani Philosoph, Wissenschaftler und Schriftsteller zugleich; es ist ein subtiles Kriminalstück; es ist ein Essay, bei dem Inhalts- und Meta-Ebene derart kunstvoll ineinander geschmolzen sind, dass daraus ein Gebot wird: Du sollst das lesen!

Navid Kermani: "Du sollst" Erzählungen. Ammann Verlag, Zürich 2005, 158 Seiten, 17,90 Euro.

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