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Der einsame Wolf

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Ralf Rothmanns jüngster Roman heißt "Feuer brennt nicht".
Ralf Rothmanns jüngster Roman heißt "Feuer brennt nicht". © ddp

Ralf Rothmann liebt das Risiko: In seiner Erzählung vom Schriftsteller Wolf glitzert und funkelt die Sprache, paradiert fast als zweiter Protagonist. Abstürze ins Peinliche kommen vor, vor allem in Sexszenen.

Von ROLF-BERHARD ESSIG

Angst verleiht Flügel, sie kann auch mutig, ja rücksichtslos machen. Für das Dasein des Schriftstellers Wolf in Ralf Rothmanns Roman "Feuer brennt nicht" ist die Angst eine Art Geschenk. Er übersieht dabei, wie sie ihn, vor allem in seiner schwärmerischen und langen Liebe zur schönen Alina, blendet, hindert, lähmt.

Wolf übersieht überhaupt allerlei Offensichtliches, was an einer - auch durch Angst genährten - ausgeprägten Selbstbezogenheit liegt. Obwohl ihm zehntausend Details in der Natur, den Städten, den Wohnungen, bei den Tieren auffallen, von den Körpern der Ostdeutschen oder seiner Geliebten Charlotte und seiner (wie er sie nennt) "Frau" Alina zu schweigen, bleibt Wolf doch auffallend blind für das Naheliegende. Wie eine Mischung aus Parzival, Hamlet und Harry "Steppenwolf" Haller hält er sich gedankenreich zurück, schweigt aus Unsicherheit, bleibt in sich eingeschlossen und scheut die Möglichkeit menschlicher Handlungen.

Die Sensibilität eines Schriftstellers bewahrt eben nicht vor einer durchaus männlichen Existenzform. Wolfs mitleidlos dummer Machtkampf mit einem Kollegen gehört dazu, sein angestrengter Stolz auf Stehvermögen und Variantenreichtum beim Sex, sein formidables Talent für Tunnelblick und Vorteilsnahme sowieso.

Vor allem sieht Wolf die vollkommene Hingabe Alinas, ihr Eingehen auf die meisten seiner selbstsüchtigen und für sie schmerzhaften Bedürfnisse bloß als ein Wunder. Schon Gotthold Ephraim Lessing beschrieb in "Nathan der Weise" das Egoistische so einer Sichtweise: "Begreifst du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter, als gut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch andächtig schwärmt, um nur, - ist er zu Zeiten sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst - um nur gut handeln nicht zu dürfen." Indem Wolf von Alinas Liebe als einmaligem Wunder schwärmt, muss er Ähnliches nicht einmal versuchen. Das geht bis in den Alltag hinein: Alina liest Wolfs Manuskripte und gibt ihm hilfreiche Ratschläge, er dagegen interessiert sich für ihre Dissertation nicht.

Obwohl Rothmann schon auf Seite 14 eine autobiographische Lesart nahe legt, ist das ganz unnötig. Es steckt mehr darin als die Bilanz eines Autors über fünfzig, der penibel bis zum gestutzten Schamhaar sein Dasein Revue passieren lässt. Es geht vielmehr um die Chance, etwas Vollkommenes aus seinem Leben zu machen, und um die Gefahr, es, wie Wolf, trotz aller Anstrengung zu verspielen.

Rothmanns Sprache glitzert, funkelt durchweg, paradiert zuweilen als zweiter Protagonist durch das Buch. Beschreibungen von Wetter, Wald, Tieren, Straßen verselbstständigen sich im Wuchern der kostbaren und speziellen Wörter zu kleinen Prosagedichten. Die balancieren allerdings auf schmalem Grat. Abstürze ins Konventionelle oder Peinliche kommen vor, gerade in den Sexszenen. Doch Rothmann liebt lange schon das Risiko.

Der variantenreiche Rhythmus seiner Sätze verleiht dem Roman unauffällig Beunruhigendes und Aufregendes. Da kann selbst eine Magen-Darm-Spiegelung zur faszinierenden Reise in die Schönheit der Schöpfung werden. Die Ärztin kommentiert das Schwärmen des Autors lakonisch: "Der Mensch ist ein romantisches Röhrensystem." Nicht nur hier überzeugt die Figurenrede.

Zur Spannung des Buches trägt die Komposition bei. Da ist einerseits die Berliner Gegenwart, in der Wolf, Alina, Charlotte und Hund Webster, der manchmal nach Charlottes Chanel riecht, auf sehr unterschiedliche Weise ihre Liebe leben. Da sind andererseits Erinnerungspassagen, in denen Wolf zwanzig Jahre seines Lebens mit Alina schildert, von seinem Werden als Schriftsteller berichtet, mit einem alten Mentor abrechnet. Eingestreute poetologische Sätze und Reflexionen rauen den Text zusätzlich auf.

Alles zusammen verstärkt den Eindruck echter Tragik bis zum melodramatischen Ende. Denn trotz reicher Erkenntnis bleibt Wolf dem Kind im Manne verhaftet. Er lebt nur in seiner Welt, fällt von einem Extrem ins andere, ängstigt sich, fühlt sich unterlegen und spielt mit dem ihm Liebsten aus Trotz, Unachtsamkeit und narzisstischer Lust.

Es ist, als rufe der Roman, indem er dieses Scheitern einer Liebe ausbreitet, dem Leser zu: Wach auf! Wage wenigstens für Momente eine Ich-Auflösung! Nimm den anderen wahr, bevor es zu spät ist! Ein aufklärerischer Impuls und ein mystischer verbinden sich bei Rothmann: Man soll Wunder für möglich halten, sie aber nicht bequem hinnehmen.

Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009,, 304 S. 19,80 Euro.

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