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Fotobuch

Einsame Wölfin von Manhattan

Diane Arbus' "Offenbarungen"

Wochen, bevor die Retrospektive in San Fransisco beginnt, und zwei Jahre vor Ausstellungseröffnung in Essen, erreicht uns der Katalog der Offenbarungen (Revelations) zum Werk von Diane Arbus. Kaum jemand, der noch lebt oder sich erinnern kann, hat eine umfangreiche Gruppe von Prints aus der Dunkelkammer der einsamen Wölfin von Manhattan jemals gesehen. Ohne Zweifel wird Arbus, die kein Erbarmen hatte - schon gar nicht mit sich selbst - uns den Keil der Erkenntnis eintreiben, wenn es soweit ist.

Zur Vorbereitung, proseminarisch gesprochen, kommt also dieses Buch, das auch auf 352 Seiten unmöglich all die Bilder enthalten kann, die wir bereits kennen. Jahrelang vertrieb Zweitausendeins die Aperture-Bücher über Arbus: den Katalog ihrer ersten Retrospektive im New Yorker MoMA 1972 - mit den für immer abwesend lächelnden Zwillingsmädchen auf dem Titel -, das kompetent ergänzende Buch über ihre Arbeit für die Illustrierten (Magazine Work), und schließlich das etwas monströs geratene Untitled über ihre letzte große Arbeit mit geistig behinderten Freigeistern.

Noch hat die deutsche Zunge mit dem Namen der Fotografin - sprich "Ahr-biss" - ihre Schwierigkeiten (der Airbus kommt irgendwie dazwischen), aber wahrscheinlich kennen manche von uns Arbus und ihr Werk besser als manche der Amerikaner selbst.

Als sich Arbus mit Hilfe einer Rasierklinge Ende Juli 1971 ohne Abschied verabschiedete, hinterließ sie ihrer 26-jährigen Tochter Doon die Kontrolle über ihr Werk. Gemessen an anderen Erben, ist die Bergung des Werks und seine Veröffentlichung erfolgreich und mit Gefühl für Details vonstatten gegangen. Die Deutung von Person und Werk, in den Veröffentlichungen ängstlich ausgespart, wurde dann durch die Biographie von Patricia Bosworth 1984 äußerst kompetent und überlegt angestoßen; das Buch erschien sogleich auch auf Deutsch. Was noch fehlte, war der Blick in die Werkstatt, die Arbeit an der Arbeit, das erlösende Detail.

Davon liefert dieses Buch eine ganze Menge. Die interessanteste Quelle sind sieben vollständige Kontaktprints von jeweils einem Dutzend Negativen. Zwar ist bekannt, dass der "Junge mit der Spielhandgranate" (im Central Park 1962) nicht das pathologische Kind war, als das er erschien. Der Kontaktbogen zeigt nun die ausführliche szenische Kooperation mit einem intelligenten und freundlichen Jungen, der in einem einzigen Negativ (Nr. 8) zu grandios gespielter Zwergenaggression aufläuft.

Die Wucht und vermeintliche Unmittelbarkeit ihrer Porträtfotografie, in Kombination mit ihrer brutal verkürzten Karriere - und ihrem immensen Erfolg und Einfluss -, hat Erklärungsbedarf geschaffen. Revelations antwortet mit einer biographischen Text / Bildmontage über hundert Seiten, basierend auf Briefen, an deren Ende das Protokoll der Autopsie steht. Zum Glück bleibt uns reichlich Zeit, um die 543 Fußnoten zu studieren, bis die Ausstellung nach Deutschland kommt.

Weil der Gegenstand ihrer Arbeit die conditio humana ist, liegt der Fehlschluss nahe, Arbus sei von einem "tiefen und bleibendem Humanismus" beflügelt gewesen, wie Sandra Phillips im Ausstellungskatalog schreibt. Wenn es so wäre, bräuchten wir möglicherweise die Retrospektive nicht, die Phillips in Kooperation mit Elisabeth Sussman kuratiert hat. Aber das Buch enthält nur einen Bruchteil museologischer Prosa, und zielt ansonsten mit viel Material in unergründetes Terrain.

ULF ERDMANN ZIEGLER

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