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Einmal Neuro und zurück

Bücher zu Gehirn und Geist

Von BRUNO PREISENDÖRFER

Es gibt Modekrankheiten, und es gibt Modewissenschaften, und manchmal hat das eine mit dem anderen zu tun. Die klassische Psychoanalyse ist ohne die weibliche Hysterie im Wiener Großbürgertum nicht denkbar, und umgekehrt wäre diese Neurose ohne die Psychoanalyse nicht zum Krankheitsbild geworden. Vielleicht war die Psychoanalyse auch nur die Krankheit, als deren Heilung sie sich ausgab - Karl Kraus hat sich das hübsche Bonmot einfallen lassen.

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts schien die Psychoanalyse an Einfluss zu verlieren - der Begriff der Neurose taucht in den Krankheitsregistern der Weltgesundheitsorganisation nicht mehr auf. Nun aber ist die Lehre Freuds wieder präsent, bei wissenschaftlichen Symposien und populären Magazinen: Ausgerechnet die Hirnforscher haben das Unbewusste wiederentdeckt. Lange als Hokuspokus belächelt, werden nun Teile der Trieblehre Freuds mit neurologischen Begriffen reformuliert. Beispiele dafür sind in einem von Walfried Linden und Alfred Fleissner herausgegebenen Sammelband Geist, Seele und Gehirn nachzulesen.

Der Band versucht sich an dem "Entwurf eines gemeinsamen Menschenbildes von Neurobiologen und Geisteswissenschaftlern". Wer die Latte so hoch hängt, kann nur darunter durchlaufen. Die Beiträge sind aus interdisziplinären Veranstaltungsreihen hervorgegangen; sie beginnen bei erkenntnistheoretischen Problemen und reichen vom Thema Sprache und Gehirn über Menschenbilder in Mythos und Neurobiologie bis zur Traumaforschung. Das alles ist interessant im Einzelnen, lässt als Text-Ensemble aber zu wünschen übrig - trotz der Bemühungen des Herausgebers Linden, der in seinen fünf (!) Einzelbeiträgen versucht, die auseinanderdriftenden Spezialgebiete im Blick zu behalten. Herausgeber Fleissner wiederum spricht resigniert von mangelnder Verständigungsbereitschaft zwischen Geistes- und Neurowissenschaftlern.

Der Band enthält auch einen Text von Wolf Singer über "Entscheidungsgrundlagen". Dieser Beitrag ist nicht wichtig wegen des Neuen, das dort gesagt wird - es wird dort nichts Neues gesagt - sondern wegen der Prominenz des Beiträgers. Singer ist für die Laienöffentlichkeit so etwas wie ein Neuro-Star und gehört zu jenen Hirnforschern, die öffentlich gefordert haben, das Konzept der Freiheit neu zu diskutieren - und mit ihm all das, was seit der Aufklärung auf diesem Konzept aufbaut, etwa das moderne Strafrecht. In diesem Sammelband drückt sich Singer erheblich zurückhaltender aus. Immer dann, wenn er seinen "Entscheidungsgrundlagen" Entscheidungen zugrunde legen müsste, blühen die Konjunktive. Alles in allem läuft sein Rat darauf hinaus: Wir machen weiter wie bisher, reden aber anders drüber. So kehrt die Freiheit als Appell an den Willen zurück, der zuvor als unfrei beschrieben wurde.

Mit Hölderlin als Berater Ethik

Detlef B. Linke zeigt sich hier mit seinem Buch Die Freiheit und das Gehirn viel entschlossener. Es sei "überzogen, allein mit den Argumenten der Hirnforschung eine Entscheidung über Freiheitsbegriffe erzwingen zu wollen". Eine Bemerkung, die Benjamin Libet, auf dessen Experimente sich neurologische Deterministen berufen, unterstützen würde. In seinem Buch Mind Time hat er sich über diese Deutung seiner Experimente als "Beweis" menschlicher Unfreiheit reserviert geäußert.

Aber dies ist für Linke nur eine Nebenlinie seiner Argumentation, die ohnehin weniger linear als lianenhaft, man könnte auch sagen, dschungelartig ist. Vor allem kommt es ihm darauf an, "dass wir das Phänomen der Kollision zwischen verschiedenen Neuronenimpulsen besser verstehen". Dieses Phänomen bezeichnet er als "Clash".

Bei der Beschreibung dieses Clash zieht der Hirnforscher Linke dem Neurodiskurs die poetische Metapher vor und engagiert Hölderlin als Berater, der übrigens auch in einem der Beiträge des Sammelbandes eine prominente Rolle spielt. Linkes Bezug auf Hölderlins Poetik verunklart jedoch das neurologische Problem. Dieser Bezug ist genau genommen ornamental und bloß dem Wunsch geschuldet, den von den Hirnforschern arg gebeutelten Geisteswissenschaftlern freundlich zuzunicken.

Wie schon in seinem vor fünf Jahren erschienenen Buch Einsteins Doppelgänger denkt Linke Freiheit als Kreativität; und zwar als Kreativität eines Netzwerks mit flacher Hierarchie, in dem das Ich nicht mehr der Chef der AG ist, der es vorzusitzen scheint. Schon bei Freud war "seine Majestät das Ich" nicht Herr im eigenen Haus. Linke allerdings hat es im Unterschied zu vielen Neurowissenschaftlern nicht darauf abgesehen, dem in die zweite Linie zurückgeschickten Konzept des Ich auch noch die Konzepte der Freiheit und der Vernunft hinterherzuschicken. Beide will er mit seiner "neurophilosophischen Ethik" verteidigen.

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