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Ralf Zerback: Triumph der Gewalt - Einigkeit der Republikfeinde

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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Reichspräsident Paul von Hindenburg (l.) und Hitler, 1. Mai 1933.
Reichspräsident Paul von Hindenburg (l.) und Hitler, 1. Mai 1933. © epd

Deutschland 1932 bis 1934: Ralf Zerback schildert den „Triumph der Gewalt“.

Am Anfang steht ein vierjähriger Bürgerkrieg, und das Ende ist von Gewalt und Terror gezeichnet. Und doch hatte die Weimarer Republik trotz der schweren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und massenpsychologischen Hypotheken, die seit den Novembertagen von 1918 ihre Existenz bedrohten, die Chance zu überleben. Sie zerbrach letztlich nicht an der dramatischen Vorgeschichte eines verlorenen Krieges und dem unklugen Verhalten der alliierten Siegermächte, sondern weil die deutschen Eliten sich in den entscheidenden Krisenaugenblicken als unfähig erwiesen, die Demokratie zu verteidigen. „Die Aneignung der Macht durch die Nationalsozialisten mit Hilfe einer Mischung von Gewalt und legalem und illegalem Handeln ist beispiellos in der Geschichte“, schreibt der Historiker Ralf Zerback in seiner sehr lesenswerten Darstellung der „deutschen Jahre 1932 bis 1934“.

Über eine Frankfurter Rede Görings, in der dieser als preußischer Innenminister im März 1933 schnörkellos die Gewaltpläne der neuen Herren ankündigt, urteilt Zerback treffend, dies sei „nicht das Programm eines autoritären Staates, sondern eines totalitären Terrorregimes“. Hitler selbst hatte den Spitzen der Reichswehr bereits im Februar in aller Offenheit verkündet, wohin der Weg führen werde. Innenpolitisch: „Wer sich nicht bekehren lässt, muss gebeugt werden.“ Außenpolitisch: Eroberungskrieg im Osten.

Gewalt war das Schmiermittel für die Machteroberung und -sicherung. Lüge und Täuschung dienten der Beruhigung des Auslands und jenes Teils der deutschen Bevölkerung, der angesichts der umwälzenden politischen Zäsur nicht gleich in Jubel ausbrach. Es dauerte nur wenige Monate, dann hatten die Nationalsozialisten die Republik überwältigt, ihre Institutionen zerstört, ihre Vertreter umgedreht, in den Folterkammern der SA ermordet oder für Jahre in der Hölle der Konzentrationslager verstummen lassen. Juden wurden ausgegrenzt, Gewerkschaften, demokratische Verbände und Parteien verboten. Ein „blutiges Unrechtssystem“, so Zerback, wie es die Geschichte der Demokratien noch nicht gekannt habe.

Nüchtern, kompakt und präzise erzählt Zerback von den blutigen Geburtsjahren der Republik („Wie viele, vielleicht alle Staatsgebilde trug die Weimarer Republik den Zeitgeist ihres Ursprungs in sich“), von den verheerenden Folgen der 1929 hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise, von der ansteigenden Arbeitslosigkeit, von einer Sozialdemokratie, die sich am Ende der Macht verweigerte und sowohl Brünings Notverordnungspolitik stützte als auch 1932 ihre Anhängerschaft zur Wiederwahl des erzkonservativen Reichspräsidenten Hindenburg aufrief, „um nicht Steigbügelhalter Hitlers zu werden“.

Im Zentrum von Zerbacks Darstellung über den „Triumph der Gewalt“ steht neben den nationalsozialistischen Machtstrategien das Verhalten der konservativen Kräfte, die schon kurz nach der Kriegsniederlage damit begannen, die taumelnde Republik zu schwächen. Als 1930 die Zeit der Präsidialregierungen anhob – nicht das Parlament, sondern die vom Reichspräsidenten erlassenen Notverordnungen bestimmten die Politik –, begannen sie die Entscheidungen in die Hände von Männern zu legen, deren erstes Ziel es war, parlamentarische Regierungen – zumal, wenn an ihnen Sozialdemokraten beteiligt sein könnten – zu verhindern.

Das Buch

Ralf Zerback: Triumph der Gewalt. Drei deutsche Jahre 1932 bis 1934. Klett-Cotta. 319 S., 25 Euro.

Reichspräsident Paul von Hindenburg und die ihn umgebende Kamarilla, der „Herrenreiter“ und politisch völlig überforderte Franz von Papen, der Intrigant und letzte Vor-Hitler-Kanzler Kurt von Schleicher, der Deutschnationale und Pressezar Alfred Hugenberg, die Spitzen der Reichswehr – das waren die antidemokratischen Spieler, die am Ende Hitler zum Kanzleramt verhalfen. Der Terrorist im braunen Gewand spielt sie in wenigen Monaten an die Wand. Reichstagsbrand, Ermächtigungsgesetz, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (das jüdische Beamte aus den Behörden vertrieb), Parteienverbote, das Massaker an der ihm unbequem werdenden SA-Führung („Röhm-Putsch“ vom Juli 1934). Die Diktatur war im Eilschritt errichtet, und der Hitlers Mordorgien juristisch legitimierende Staatsrechtler Carl Schmitt jubelte: „Der wahre Führer ist immer auch Richter.“

Ralf Zerbacks Darstellung besitzt in Zeiten deutscher „Reichsbürger“, US-amerikanischer Kapitolerstürmer, ungarischer und polnischer Demokratieverächter eine besondere Aktualität. Demokraten, die den Anfängen nicht wehren, sich bequem den Gang zur Wahlurne ersparen, die Gefährdung der Gewaltenteilung stumm zur Kenntnis nehmen, können bei Zerback nachlesen, wie eine Republik innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen kann. Ernst Toller schrieb 1933 Sätze, die Zerback zitiert, und die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben: „Von falschen Heilanden erwartet das Volk Rettung, nicht von eigener Erkenntnis, eigener Arbeit, eigener Verantwortung. Es jubelt über Fesseln, die es auf Geheiß der Diktatoren sich schmiedet, für ein Linsengericht von leerem Gepränge verkauft es seine Freiheit und opfert die Vernunft.“

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