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Einig, dass man sich nicht einig ist

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Von: Cornelia Geißler

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Anne Weber hatte bei Fischer plötzlich kein Zuhause mehr.
Anne Weber hatte bei Fischer plötzlich kein Zuhause mehr. © Star-Media/Imago

Siv Bublitz verlässt die S. Fischer Verlage, Oliver Vogel folgt ihr nach.

In der Buchbranche ist das eine Nachricht mit höchstem Aufmerksamkeitswert. Oliver Vogel wird Verleger der S. Fischer Verlage. Das teilte die Geschäftsleitung am Freitagmittag per E-Mail mit. Sein Arbeitsbeginn ist am 1. Oktober, noch vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises, der zwei Fischer-Titel auf der Nominierungsliste hat, noch vor der Frankfurter Buchmesse, dem größten und wichtigsten Treffen der Branche. Die bisherige verlegerische Geschäftsführerin Siv Bublitz verlässt, so heißt es in der Mitteilung, „zu diesem Zeitpunkt das Verlagshaus im besten gegenseitigen Einvernehmen wegen unterschiedlicher Auffassungen über die weitere Entwicklung der Verlage“. Im besten Einvernehmen über die Uneinigkeit.

S. Fischer gehört zum Holtzbrinck-Konzern, dessen Verlags-sparte in den vergangenen Jahren durch holpernde Wechsel in den Chefpositionen bei Rowohlt aufgefallen war. Doch auch bei S. Fischer gab es bis dato einige Veränderungen. Die prägende Verlegerin Monika Schoeller, die sich seit 2002 langsam zurückgezogen hatte, starb im Oktober 2019. Siv Bublitz war wenige Monate zuvor Verlegerin geworden. Oliver Vogel, der seit 1999 bei Fischer war, die meiste Zeit als Programmleiter für deutschsprachige Literatur, wechselte aus der Zentrale ins kleine Berliner Büro des Verlags. Das ließ sich als Zeichen verstehen. Er machte seinen Abgang Ende 2021 perfekt, indem er bei der Literatur- und Medienagentur Graf & Graf als Gesellschafter einstieg. Es war nun also nur ein kurzer Ausflug auf die andere Seite des Betriebs.

Für die verbliebenen deutschsprachigen Autoren bei S. Fischer wird seine Rückkehr, und nun auch noch an die Spitze, eine gute Nachricht sein. „Verblieben“ ist eine Übertreibung. S. Fischer ist nicht nur ein Verlag mit großer Tradition in der deutschen Literatur (Franz Kafka, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal), sondern auch mit einem immer noch beachtlichen Gegenwartsprogramm. Es ist der Verlag von Felicitas Hoppe, Judith Hermann, Antje Ravik Strubel und Julia Franck, von Ulrich Peltzer, Ingo Schulze und Peter Stamm.

Als Siv Bublitz von Ullstein aus Berlin nach Frankfurt am Main wechselte, gab sie sich zurückhaltend: „Ein Verlag von der Größe unseres Hauses kann nicht mehr zentral von einer oder wenigen Personen gesteuert werden.“ Sie reduzierte die Titelanzahl, vor allem im Taschenbuch.

Eine peinliche Trennung

In ihre Amtszeit fällt die peinliche Trennung von Monika Maron, die seit 1981, seit dem Roman „Flugasche“ Haus-Autorin des Verlags war – die Verlegerin brauchte lange, um sich zu einer öffentliche Aussage über die politischen Differenzen durchzuringen. Anne Weber hatte in dieser Zeit ihr Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ nicht bei S. Fischer unterbringen können, wo sie zuvor fünf Titel veröffentlicht hatte. Zu schwierig sei es, munkelte es in der Branche. Für „Annette“ bekam sie den Deutschen Buchpreis. Und gerade erst beklagte sich Thomas Brussig darüber, dass sein Verlag ihn nicht im Streit mit einem ehemaligen NVA-Offizier unterstützte.

Ebenfalls zum 1. Oktober tritt mit Gerd Robertz ein neuer kaufmännischer Geschäftsführer an, der vor allem Erfahrungen in der digitalen Buchproduktion hat. Er wird der Pressemitteilung zufolge auch die zu Fischer gehörenden Unterhaltungsprogramme Krüger und Scherz verantworten.

Oliver Vogel, Jahrgang 1966, steht für die Wertschätzung der literarischen Qualität. In Interviews betonte er oft die Bedeutung von Literatur für die Gesellschaft. Ihn zurückzuholen, kann man als Entscheidung für die Literatur lesen in einer Zeit, da die Verlage unter enormem Kostendruck stehen. Man kann daraus die Hoffnung deuten, dass Bücher in der Bewältigung der Probleme der Gegenwart eine Rolle spielen.

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