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Günter Grass 1999 nach der Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm. Er bekam ihn, weil er "in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“, befand die Jury.

Günter Grass

Tod eines Moralisten

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Er provozierte schon im Adenauer-Deutschland und blieb bis kurz vor seinem Tod ein streitbarer Bürger. Günter Grass prägte die literarischen und politischen Debatten wie nur wenige andere Intellektuelle in Deutschland. Er wurde 87 Jahre alt.

Es erwischte die junge Bundesrepublik Ende der 50er Jahre, als ein Geheimtipp zur Mobilisierung aufrief, einer Generalmobilisierung, die der Geschichte und ihren Geschichten galt. Ja, skurrile Balladen, hieß es, habe der junge Mann bisher geschrieben, auch habe der Lyriker, er heiße wohl Grass oder Graß, einen beachtlichen Schnauz und einen sehr proletarischen Habitus. Jetzt aber ging es ums Ganze: „Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung stiften.“

So hieß es 1959 auf der dritten Seite der 734 Seiten langen „Blechtrommel“, und der Autor, ja, hieß Günter Grass, dessen Ich-Erzähler, der hieß Oskar Matzerath, Verwirrung stiftete. Das lag allein schon an seiner schrillen Generalabrechnung, die nicht allein dem Zeitgeist galt, den Geschichten vom deutschen Wirtschaftswunder, der Verdrängung vorwärts, der Verlogenheit rückwärts, der Verkommenheit in der Mitte der Gesellschaft. Oskar, der Erzähler, ein Zwerg, der sich dem Wachstum verweigerte, verhöhnte mit klirrender Knabenstimme die deutsche Art zu erzählen, schelmisch, sarkastisch, ausschweifend. Auf all die Verwirrung reagierte der Übersetzer Walter Widmer, auch als Kritiker eine Autorität, indem er schrieb: „Man wird mit diesem Buch nicht fertig.“

Günter Grass ist tot. Er starb am Montag im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus an einer Lungenentzündung. Sich an den Satz Widmers erinnernd, fragt man sich, ob die Bundesrepublik jemals fertig geworden ist mit Günter Grass. Mit dem ausschweifenden Romanautor oder dem berechnenden Parteigänger der SPD? Mit dem lustvollen Lyriker oder staatsmännischen Moralapostel? Eine friedliche Koexistenz wurde das nie, von Anfang an nicht, über 60 Jahre nicht, von beiden Seiten nicht.

„Die Vorzüge der Windhühner“ war 1956 der Titel des Debüts, es waren Gedichte. Das eine oder andere darunter machte bereits mobil gegen eine Leitkultur der Doppelmoral in Adenauerdeutschland. Mit der drei Jahre später erscheinenden „Blechtrommel“ kündigte ein 32-jähriger Autor, aus Danzig stammend, das lag aber nun in Polen, als Bildhauer und Grafiker einige Jahre die Pariser Boheme inhalierend, jedweden Kompromiss auf, darunter den literarischen Konsens, den Innerlichkeitskult im bundesdeutschen Neobiedermeier, nicht zuletzt den Realismus der Gruppe 47, wo Grass, eingeladen von Hans-Werner Richter, seine immensen literarischen Möglichkeiten in Bereitschaft hielt. Was an der „Blechtrommel“ Bildungsroman war, wurde kabarettistisch unterlaufen, was in der Tradition des Schelmenromans stand, wurde forciert; es wurde kultiviert, und das hieß zugleich: vulgarisiert und verfeinert. Es vergingen nur wenige Wochen, da wusste das literarisch interessierte Deutschland, dass ein Levitenleser am Werk war. Und das Werk wurde Fleisch. Denn es stürmte die Bestsellerlisten. Grass aber, der nicht nur seinen Lesern ein Begriff wurde, wurde zum Gerücht. Eins kam zum anderen, Grass avanciert zum Skandalautor. Jugendgefährdend, hieß es. Dem Gerede folgten Indizierungsanträge auf dem Fuße.

Grass hat häufig und in kräftigen Farben erzählt, wie sehr er an Adenauerdeutschland gelitten hat. Ohne die Heuchelei des Kanzlers Konrad Adenauer, ohne dessen Hohn für den Sozialdemokraten Willy Brandt, ohne Adenauers Denunziation des Exilanten, daran hat Grass noch einmal 2010, in „Grimms Wörter“, erinnert, hätte es nicht diese entschiedene Hinwendung zur Es-Pe-De gegeben. Programmatisch kam es zur Forderung nach einer politischen „Alternative“, die konnte nur in einer „neuen Regierung“ bestehen, wie 1965 das Manifest bei rororo-aktuell hieß, einer Gemeinschaftsarbeit engagierter Schriftsteller. 1961 war „Katz und Maus“ erschienen, zwei Jahre später seine „Hundejahre“.

Allemal wert, dass der Roman mit dem Bleistift angegangen wurde, ist es bis heute die Stelle geblieben, dass die Gans im Backofen „mit“ ihrem eignen Fett zischelte: „Das tat die Gans im dritten Kriegsjahr des großen Krieges, da Gänse so selten geworden waren, dass man die Gans zu den aussterbenden Tierarten zählte.“ Das Aussterben der Gänse, auch diese Metapher war eine lodernde Provokation.

Grass, der den Einspruch des Ich gegen ein massenhaft diskreditiertes Wir erhoben hatte, blieb bei der Partei. 1965 ging er für die SPD auf Reisen – im VW-Bus, durch die SPD-Diaspora, auf eigene Faust. Dass er jedoch weniger der wilde Mann oder Anarch war, zeigte sich, als das Kollektiv der SPD-Sympathisanten unter den Schriftstellern längst bröckelte, doch Grass, ganz Ich, 1967 in einem Vers beharrte: „Im Krebsgang den Fortschritt messen.“ Auf dem Schutzumschlag seines Lyrikbändchens „Ausgefragt“ hatte der Zeichner Grass eine Bleistiftfaust hinterlassen.

Grass und das Ostentative, schon deshalb war der Bürger Günter Grass immer auch eine öffentliche Person, die sich gern bei vielerlei Anlassen zeigte, in Werkskantinen, auf Wahlkämpfen, Arm in Arm mit Aufmüpfigen, in die Mitte genommen von SPD-Parteiprominenz oder, völlig anders, völlig losgelöst, beim Tanz mit seiner Frau, im Kreis der Kinder und Kindeskinder. Im Dezember 1999, als 72-jähriger, zeigte er sich in der langen Nacht der Nobelpreisverleihung ausgelassen wie ein Bube. Ja, es war tatsächlich auch sein Jahrhundert!

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Grass hat häufig demonstriert, dass er zu leben wusste, vor Vitalität strotzend. Als 1977 „Der Butt“ erschienen war, sein Märchen „von dem Fischer und siene Fru“, das ein feministisches Antimärchen war, antikapitalistische Erzählung, Geschichte der Geschlechterkämpfe, Gegengeschichte der Weiberherrschaft und (sozusagen) Fortschrittsgeschichte der Apokalypse, salzte er nach. Auf Lesetourneen schmeckte er seinen Sätzen nach, und das Publikum, nicht zum ersten Mal, nicht zum letzten Mal, hing einem Narziss an den Lippen. Grass, der Erotomane, führte Fernsehteams an den eignen Herd. Seht, so zeigte es die Homestory, auch das Kochen beherrsche ich aus dem Effeff. Und auch hier sprach er, als fließe ihm das Wasser bei den eigenen Worten im Mund zusammen, den Löffel so sicher führend wie den Zeichenstift oder die Kaltnadel. Damit schuf er weitere Schutzumschläge für seine Bücher.

Grass, war, nein, kein Fernsehkoch avant la lettre, stieg aber auf zum Küchenchef einer Kulturnation. Was Wunder, hatte doch der Erzähler in „örtlich betäubt“ (1969) nicht von ungefähr gesagt: „Ich, der ich alles vorschmecke schmecke nachschmecke.“ Wörter wurden orales Vergnügen, Satzgebilde zergingen auf der Zunge, das Hörbuchlauschen, gerade erotischer Derbheiten, „nu hab dech nech so“, wurde zum Ohralverkehr.

Bei Kontroversen war er meist dabei

Zugleich brachte er Mitmenschen gegen sich auf, als Friedensaktivist den Sozialdemokraten, als Spezialdemokrat einer kompromisslosen Friedensbewegung oder selbstgestrickten Ökobewegung. Es gab nicht viele gesellschaftspolitische Kontroversen, an denen er sich nicht beteiligte. Grass warf sich in Debatten, blockierte Feldwege, stellte sich für den Weltfrieden quer auf Bundesstraßen, zugleich unterschied er in Fernsehkameras hinein zwischen Gut und Böse. Grass, wenn er nur wollte, annektierte die Aufmerksamkeit. Grass und die Groteske gingen mit diesem Gesinnungsfuror immer mehr auseinander in den achtziger Jahren, sein anarchischer Impuls ließ nach. Treu blieb Grass einem politisch geschuldeten Pragmatismus, treuer als dem unzuverlässigen Kantonisten, treuer als dem geborenen Erzähler seiner Anfänge. Der war ein vielfach gebrochener Erzähler.

Aber so ganz stimmt das natürlich nicht! Wie sollte es auch zutreffen für ein viele tausend Seiten umfassendes Werk? Denn war es nicht Treue, wenn einige seiner Figuren immer wieder auftauchten in seinen Werken, Eberhard Starusch, Anführer der Stäuberbande in der „Blechtrommel“, wurde in „örtlich betäubt“ Studienrat für Deutsch und Geschichte in Westberlin. Treu vor allem blieb Grass seiner Tulla Pokriefke, die wahrhaftig beides war, Hauptperson und Antiheldin, ungemein zäh. Seit dem zweiten Teil der Danziger Trilogie, seit „Katz und Maus“ (1961) war sie das gerissene Mädchen unter üblen Jungs, deren Spielplatz ein Schiffswrack war. Tulla erschien ihrem Schöpfer als die personifizierte Verführung, androgyn, nixengleich: „Eigentlich hätte sie Schwimmhäute zwischen den Zehen haben müssen.“

Grass hat seine Tulla als Straßenbahnschaffnerin in den „Hundejahren“ auftreten lassen, die in Kinderwagen spuckte, in Schäferhund-Hundenäpfen herumspeichelte, lebendige Quallen aus der flachen Hand schlürfte und mit Männern, später, noch ganz andere Dinge machte. In „Die Rättin“ wurden Mutmaßungen über ihren Tod bei einem Schiffsuntergang angestellt, bis sie „Im Krebsgang“, der Rekonstruktion der Katastrophe des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 in der Ostsee, wieder auftauchte. Als Protagonistin ist sie eine bis ins hohe Alter nach Knochenleim riechende Frau, die das fatale Kleinbürgergedächtnis einer Generation von Tätern und Mitläufern artikulierte. Ja, Knochenleim, was für eine Metapher.

„Im Krebsgang“, der Geschichte des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“ durch einen sowjetischen Torpedoangriff, ist eine Novelle über die Konkurrenz der Erinnerungen. Über die Konkurrenz der Generationen, und bei dieser Rivalität sind es vor allem die Überlebenden, die sich nicht in ihre Erinnerungen hineinreden lassen wollen. Verbissen verteidigen sie ihr Terrain, die Augenzeugenschaft. In Grass‘ Novelle geht es darum, dass die Unterschiede zwischen Opfern und Tätern in dem von Hitlerdeutschland angezettelten Weltkrieg, deren unterschiedliche Perspektiven und Schicksale, nicht verwischt werden.

In Tulla Pokriefke, starr und böse, ließ Grass die Verdrängung ausagieren. Tulla, wie ihr Schöpfer Jahrgang 1927, stammt aus Danzig. Sie verkörperte das Unverfrorene, mit ihr wurde das Gemeine Fleisch. Als greinende Ewiggestrige stachelte sie ihren Sohn, einen Journalisten, zur Beschäftigung mit der Vergangenheit an. Revanchismus als ein roter Faden deutscher Geschichte.

„Ich bin, wie ihr wisst, in der freien Stadt Danzig geboren“, betonte Grass nicht nur seinem „Tagebuch einer Schnecke“, dem Buch von 1972, in dem Autor-Ich und Erzähler-Ich weitgehend identisch waren. Die Erinnerungen, die an Danzig zurückgingen, betrafen die Jugend unter dem Eindruck der Teuerung und Wohnungsnot, der Arbeitslosigkeit und Straßenkämpfe. Nicht zuletzt konnten Danziger einem entfesselten Antisemitismus zusehen, der dreitausend Juden traf, die „nicht ahnten, wie ihnen werden sollte.“ Danzig wurde durch Grass, angefangen von der „Blechtrommel“, über „Katz und Maus“, bis zu den „Hundejahren“, schließlich auch in „Der Butt“ und in „Die Rättin“ zu einem Schmelztiegel der Menschheitsgeschichte. Darüberhinaus zu einem Schauplatz der Menschheitsdämmerung.

Und Danzig sollte den Autor der „Danziger Trilogie“ eines Tag noch einmal einholen, als nämlich in den ARD-Tagesthemen seine Erinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ ins Fernsehbild gehalten wurden. Darin bekannte sich Grass dazu, als Siebzehnjähriger in die SS eingetreten zu sein. Grass, der jahrzehntelang hartnäckig auf jeden Gelegenheit hatte Einfluss nehmen wollen, wann sich bundesdeutsche Personen und Institutionen mit ihrer Vergangenheit beschäftigen sollten, berief sich auf sein Recht, diesen Zeitpunkt in seinem Falle selbst bestimmen zu dürfen. Grass, dem die Rolle des Gewissens der Nation nicht unangenehm gewesen war, der alles unternommen hatte, um die Vergegenwärtigung der Vergangenheit auf Dauer zu stellen, missbilligte die Kritik an seinem chronischen Schweigen.

Grass, durch dessen Werk sich die Empörung über das Schweigen wie ein Leitmotiv zieht, zeigte sich irritiert über die Irritation seiner Leser, zeigte sich empört über die Reaktion der Kritik. Das wiederholte sich, auch im Frühjahr 2012 in der Kontroverse über sein Gedicht „Was gesagt werden muss“, einem antiisraelischen Pamphlet, dessen pazifistischer Furor das Existenzrecht Israels glatt ignorierte, für das er früh, in seiner politischen Publizistik und in seiner Prosa bewegende Worte gefunden hatte, ob nun von der Diaspora der Danziger Juden erzählend oder der historischen Angst der Kinder Israels. Halsstarrig hat er sich auch bis zuletzt verhalten, unnachgiebig auch in seinen horrenden Vorhaltungen, denen gravierende Fehleinschätzungen zugrunde lagen. Er schien sich immer selbst gut beraten.

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Doch wie oft war er der Selbstgenügsamkeit der Gesellschaft und ihrer Selbstgefälligkeit voraus. Grass lebte die Geschichte der Bundesrepublik als Phänotyp des engagierten Schriftstellers, der den „demokratischen Sozialismus“ auf Podien und auf Feuilletonpapier gegen die SED-Diktatur verteidigte. Er beschwor 1986 in „Die Rättin“ die atomare Apokalypse, zwei Jahre später lenkte er mit „Zunge zeigen“ den Blick auf das Elend der Dritten Welt. Seine Generalmobilisierung gegen das Tätervolk, kreuz und quer durch die Republik, löste Aggressionen aus. Vergangenheitsbewältigung, schmerzhaft genug, war immer auch Grassbewältigung, und dass stets heftig. Es kam der Tag, da kündigte er der SPD die Parteimitgliedschaft auf wegen der Asylpolitik der Partei. Er beteiligte sich in den 1990er Jahren an der Debatte über die Wiedervereinigung mit bizarren Thesen. Sogar der Taschenbuchtitel wurde besserwisserisch benutzt: „Ein Schnäppchen namens DDR“.

Mit dem Roman „Ein weites Feld“ holte er kräftig aus, sein Panorama, angefangen mit der Märzrevolution 1848, nahm Partei gegen die Einheitseuphorie des Kanzlers Kohl. Einmal mehr bot Grass mit seiner ganzen Stimmenvielfalt ein „Erzähler-Kollektiv“ auf. Mit List führte er die Figur des Fonty ein, einen Wiedergänger des „alten Fontane“. Durch die Brille Fontys wurde die Wiedervereinigung wahrhaftig zu einer Proklamation der Skepsis – und bei allem, was die Kritik daran missbilligte, beanstandete und zerpflückte, hat ein Gedanke insbesondere überdauert:  das von dem „unsterblichen“ Fontane ausgerufene „Menschenrecht auf Zweideutigkeiten“. Auf Gebrochenheit, so konnte man es sich an den Rand des Romans schreibente.

Günter Grass hat Freunde reich beschenkt. Hans Werner Richter, dem Gebieter der Gruppe 47, widmete er seine wunderbare Erzählung „Das Treffen in Telgte“. Grass, den jüngere Kollegen immer wieder als eminent großzügig beschrieben haben, war beides: Mäzen und Mentor. Das Honorar für seinen „Butt“ ging ein in den Alfred-Döblin-Preis, den er stiftete. Und doch waren Künstlerfreundschaften immer wieder nur Teilzeitfreundschaften, und die Abrechnungen, die öffentlich folgten, wurden verfolgt mit Ingrimm.

Nicht immer hatte der fabulierende Humor des Literaten das letzte Wort gegenüber dem leitartikelnden Haudegen. Die Bundesrepublik ist mit Grass nicht fertig geworden, aber wie denn auch? Nicht einmal der überbordende Grass wurde mit dem politischen Temperament des Günter Grass fertig.

Wer hat das letzte Wort, der Geist oder die Macht?

Unvergessen bleibt dennoch allein schon die Episode aus den „Hundejahren“. Es ist diejenige, wie die Großmutter Mattern, festgenagelt im Lehnstuhl seit neun Jahren, Opfer eines Zickenkriegs, gelähmt durch religiöse Zwistigkeiten, Tag für Tag, Stunde um Stunde, Minute und Minute, dem Zeittakt einer Bockwindmühle ausgesetzt ist. „Bei einer Windgeschwindigkeit von acht Metern pro Sekunde“, mahlend, wischte sie „mit ihren vier Flügeln viermal in dreieinhalb Sekunden die Sonne“ in der Stube aus. In solchen Episoden mobilisierte Grass seine immensen Möglichkeiten, sodass der Raum zur Zeit wurde und die Zeit zum Raum.

Grass wusste genau, wenn er eine seiner Figuren sagen ließ: „Schließlich war man wer. Wo alles wüst lag, glänzten einzig die Wörter. Und wo sich die Fürsten erniedrigt hatten, fiel den Dichtern Ansehen zu. Ihnen, und nicht den Mächtigen, war Unsterblichkeit sicher.“ Wer hat das letzte Wort, der Geist oder die Macht?

Um diese Konkurrenz, um diese Parallelgesellschaften, ist es bei Grass immer gegangen, um die Konkurrenz zwischen der ästhetischen und der historischen Wahrheit. Ja, „schließlich war man wer“. Dieser Satz, Nachklang aus dem Wirtschaftswunderland Deutschland, dass man schließlich wieder wer war, zugleich Nachklang seiner weit ausgreifenden Leidenschaft in seiner großen Erzählung „Das Treffen in Telgte“, ist das Testament des wahrhaftig barocken Günter Grass.

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