1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Einer der Erwählten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Sie mochten sich: Michael Naumann (l.) und Gerhard Schröder 1998 im Wahlkampf.
Sie mochten sich: Michael Naumann (l.) und Gerhard Schröder 1998 im Wahlkampf. © rtr

Michael Naumann erinnert sich an seine Kindheit und an seine Karriere als Verleger und Kulturstaatsminister.

Wer allergisch ist gegen Eitelkeit, der sollte keine Memoiren lesen. In deren Zentrum steht eine einzige Person: die eigene. Freilich nicht die des Lesers, dagegen hätte der – vorausgesetzt, er kommt gut dabei weg – wenig einzuwenden, sondern die des Schreibers. Diese Hürde muss der Leser nehmen. Nicht einmal, sondern immer wieder. Und sich für das interessieren, was in dem Buch sonst noch steht. Oder aber, man macht den entscheidenden Sprung und hört einmal einem anderen zu. Über Stunden. Ohne ihm dazwischen zu reden. Man kann – der Vorteil von Büchern – ihn abstellen, aber man kann ihm nicht widersprechen.

Das ist die Situation des Lesers von Memoiren. Hier geht es um die von Michael Naumann, geboren 1941 in Köthen. Sein Vater, ein Jurist, starb vor Stalingrad. Er war das vierte Kind seiner Eltern. 1953 floh die Mutter mit den Kindern aus der DDR in die Bundesrepublik. Michael Naumann war Journalist, Chef zweier Verlage, Herausgeber, bzw. Chefredakteur von „Zeit“ und „Cicero“. Er war auch Politiker: Deutschlands erster Kulturstaatsminister, gescheiterter Bürgermeisterkandidat für die Hamburger SPD. Zuletzt war er „Bauherr“ als deren Direktor für die Barenboim-Said-Akademie in Berlin, eine Musikhochschule, die jährlich einhundert Studenten aus dem Nahen Osten aufnehmen soll.

Naumann hat, so sagt er, Glück gehabt, und er bringt anderen gerne Glück. Es ist schön, dass er seine Memoiren auch so betitelt. Schrecklich sind die, die meinen, sie hätten nicht Glück gehabt, sondern heimsten nur die logischen Folgen ihrer raffinierten oder auch arbeitsreichen Bemühungen ein. Zu dieser Sorte gehört Naumann nicht. Er gehört zu den „Erwählten“. Die haben Glück, nicht weil sie es verdienen, sondern weil die Götter – oft auch die Frauen – sie lieben.

Naumann kann auch noch schreiben. Die Erinnerungen zum Beispiel an den ersten Toten, den er zu sehen bekam, einen Jungen, der überfahren worden war und die Überraschung des wohl fünf- oder sechsjährigen Michael Naumann über die „gelblich fette Haut, die seine Knochen umhüllte“. Auch wie er mühelos vom einen zum anderen gleitet und immer wieder zurück, zu dem Jungen, der er einmal war oder zu dem Mann, der er heute ist. Von einem anderen Unfall, den er damals sah, schreibt er, dass die Eiche von damals noch heute – laut Google Earth – in Köthen dem Verkehr im Wege steht. Naumann nimmt sich Zeit, die er dem Leser gibt, um kleinen Geschichten zu folgen, zum Beispiel der über den heimlichen Liebhaber seiner Mutter nach dem Kriege und wie sie in einem stundenlangen Telefonat mit dem ehemaligen inzwischen in den USA lebenden Geliebten sich kurz vor ihrem Tod – über neunzig Jahre alt – von ihm verabschiedet.

Naumann hat es aber auch mit Zeitgenossen zu tun, er muss zu viele berücksichtigen, um sich für jeden Zeit nehmen zu können. Ein Blick ins Register zeigt das: So viele, die nur einmal kurz erwähnt werden. Otto Schily zum Beispiel oder Jane Birkin. Beide wären ganze Seiten wert gewesen. Aber die hätte Naumann zum Beispiel Gisela Elsner oder Arno Schmidt und vielen anderen, die ebenfalls nur einmal erwähnt werden, wegnehmen müssen.

Das Register reicht von Wolfgang Abendroth bis Klaus Zwickel. Das klingt schrecklich eng nach alter, linker Bundesrepublik. Aber wieder einmal gilt: Das Alphabet täuscht. Naumann hat auch in den USA als Verlagsleiter gearbeitet. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Deutsche, die so viele US-amerikanische Autoren so gut kennen wie er.

Der Witz eines Performers

Naumann ist verheiratet mit Marie Warburg. Die ist nicht nur Amerikanerin, sondern auch studierte Internistin, arbeitet in der Biotechnologie und für Human Rights Watch. Sie gehört zu der weit verzweigten Hamburg-New Yorker jüdischen Bankiersfamilie. Die Zentralbank der USA, die Fed, war die Idee und die Tat eines Warburg. Auch solche Verbindungen machen Naumann mit Kreisen vertraut, in deren Vorzimmer die meisten seiner Leser niemals gelangen werden. Was kann er alles erzählen! Er tut es immer wieder. In kleinen und größeren Runden. Er tut es auch in diesen Memoiren.

Kurze Kapitel, die schnell gelesen sind. Witzig sind sie. Es ist der Witz eines Performers. Es geht um Timing und Pausen. Sehr schön zu sehen, wenn er zum Beispiel über eine seiner Autorinnen – er war ja auch Chef des Rowohlt-Verlages – spricht, die von ihren österreichischen Landsleuten massiv angefeindete Elfriede Jelinek: „Der Literaturnobelpreis im Jahr 2004 wird sie über die Pöbeleien ihrer heimischen Kritiker nicht hinweggetröstet haben; denn Trost brauchte sie nicht.“ Der Leser wird in die Mitleidsfalle gelockt, plumpst hinein – Pause – Naumann reißt das Steuer herum. Der Leser lacht. Auch über sich und seine Naivität.

Das Gefühl der Scham spielt in diesen Memoiren eine größere Rolle, als es man es von dem Genre gewohnt ist. Naumann erfährt und lässt uns erfahren, dass das Sich-Erinnern der bei uns allen vorherrschenden Begeisterung für das eigene Ich immer wieder den Garaus macht. Er hat bei der Arbeit an diesem Buch gelernt, dass es Verdrängung sehr wohl gibt. Er glaubte zum Beispiel, er hätte als Achtjähriger ein Eisernes Kreuz, das er geschenkt bekommen hatte, gegen eine Trompete getauscht. In Wahrheit aber hatte er die Trompete mit dem Geld bezahlt, das er seiner Mutter aus dem Portemonnaie gestohlen hatte.

Neben solchen eher grundsätzlichen Einsichten in die Menschennatur, in denen jeder Leser sich erschreckt wiedererkennt, gibt es auch die Erinnerungen des politischen Zeitgenossen Michael Naumann, der zum Beispiel daran erinnert, dass der Kölner Verfassungsschutz im Deutschen Herbst 1972 eine Liste mit 2000 Namen zusammengestellt hatte. Die sollte an deutsche Unternehmen verteilt werden, damit die wussten, wen sie nicht einstellen sollten. Der damalige Innenminister Werner Maihofer „untersagte es, doch ein pensionierter Beamter verschickte sie dennoch“. Naumann lernte so und wir mit ihm, dass die Politik ohne die Verwaltung nichts richtig machen kann.

Einem zentralen Fehler von Rot-Grün widmet er einige Seiten. Der von Eichel und Schröder betriebene Verzicht auf die bis dahin geltende Körperschaftssteuer brachte Banken und Versicherungen Mehreinnahmen von 23,6 Milliarden Euro. Autor dieser Regelung war der SPD-Staatssekretär Heribert Zitzelsberger. Der war zuvor Steuerabteilungsleiter der Bayer AG gewesen. Die Agenda 2010 sieht Naumann positiv, die Entfesselung der Banken geschah auf Druck der USA. Dem rot-grünen Kabinett war nicht klar, was das bedeutete. „Die politische Machtverlagerung in die Domäne der Finanzwirtschaft geriet aus dem Blick... Wer wusste schon, dass die Deutsche Bank rund 16 Prozent des weltweiten Devisenhandels beherrschte?“

Schröder hatte erklärt, dass das Kabinett keine Selbsterfahrungsgruppe sei. Hübsch gesagt. Aber es war eben auch kein Ort, an dem man sich über Erfahrungen in den jeweiligen Bereichen verständigte. Der Leser bekommt den Eindruck, dass Kabinettssitzungen – ähnlich wie andere Meetings auch – mehr zur Verdummung als zur Aufklärung der Beteiligten beitragen. Das Kapitel „23,6 Milliarden Euro für die Banken“ zählt zu den vielen erhellenden des Buches. Naumann zeigt, wie Herkunft und politische Ausrichtung der meisten Kabinettsmitglieder sie daran hinderten, die neue Realität zu erkennen. Damit entgingen ihnen auch nicht zufällig, sondern gewissermaßen systematisch Folgen ihres Handelns auf diesem Sektor.

Gerhard Schröder wird mehr als 20 Mal erwähnt. Soweit ich sehe, niemals negativ. Er mochte Schröder. Wohl auch, weil der ihn mochte. Naumann mag Schröder noch immer. Kissinger dagegen konnte Naumann nie leiden. Es ihm nicht gesagt zu haben, rechnet er sich als Schwäche an.

Und Jane Birkin? Sie zierte das Titelblatt des von Hubert Burda 1969 herausgegebenen Männermagazins „M“. Serge Gainsbourg stand hinter ihr und „griff mit einer Hand in den Hosenbund ihrer knappen Jeans.“ Das war Aenne Burda zu viel. Sohn Hubert musste „M“ einstellen. Auch solche Geschichten schüttelt Naumann auf jeder Seite aus dem Ärmel. Klatsch als hohe Kunst.

Auch interessant

Kommentare