Aus einer anderen Zeit

Prozesse vor und um 1968: Heinrich Hannovers „Reden vor Gericht“ sind eine lohnende Lektüre

Von Peter Henkel

Nach der verklemmt als „Wende“ titulierten Wiedervereinigung war mit dem Erstarken neoliberaler Staatsverachtung und der Wahnidee vom allgegenwärtigen Primat der Globalisierung hierzulande eine seltsame Frontverschiebung zu beobachten: Linke und Alt-68er begannen, nostalgische Empfindungen ausgerechnet für die alte Bundesrepublik zu entwickeln, die sie einst oft genug verwünscht hatten. Für diesen Perspektivenwechsel gab es neben fortschreitender Altersmilde der Rebellen von einst auch objektive Gründe.

Einer davon lag in der allmählichen Überwindung skandalöser Geisteshaltungen und Vorgehensweisen bei Justiz und Polizei, die in den ersten Jahrzehnten nach 1945 noch gang und gäbe waren. Obrigkeitsdenken, rüder Antikommunismus und das allgemeine Bestreben (auch der Richterschaft), für persönliches Versagen im Faschismus nicht geradestehen zu müssen, waren eine fatale Allianz eingegangen. Der damals noch zornige Enzensberger zürnte: „Die Erfahrungen, die heute auf Polizeiwachen, Amtsgerichten, Verfassungsschutzämtern und in Untersuchungsgefängnissen gesammelt werden, sind die einzige wahre Staatsbürgerkunde, welche diese Republik zu bieten hat.“ Heinrich Hannover, linkes Advokatenurgestein, begann mit diesem Zitat sein Plädoyer, als er 1968 einen Studenten gegen die – falsche – Anklage zu verteidigen hatte, er sei bei einer Antivietnamkriegsdemo gegen Polizisten tätlich geworden.

Hannover, Jahrgang 1925, legt jetzt ein Buch vornehmlich über diese restaurative Epoche vor, dargestellt anhand der Strafverfahren, an denen er mitwirkte, und der Plädoyers, die er dort hielt. Die Lektüre lohnt sich. Da werden dem linken Pazifisten Lorenz Knorr, trotz Freispruch vom Vorwurf der Beleidigung – er hatte Generäle als Mörder bezeichnet –, die Gerichtskosten aufgebrummt, da kassiert Daniel Cohn-Bendit für einen Sprung übers Absperrgitter acht Monate auf Bewährung, da wird im Prozess um den Mord an KP-Chef Ernst Thälmann in Buchenwald getrickst und verschleppt, und da tobt sich ein exzessiver Verurteilungswille wider die Fakten aus.

Unheilvoll ergänzt werden die Infamien von den Richterbänken durch konzertierte Falschaussagen von korpsgeistigen Polizisten im Zeugenstand, die möglich wurde nur durch die Komplizenschaft von Gerichten und Staatsanwälten. Glücklicherweise ist Heinrich Hannover, auch Autor wunderbarer Kinderbücher, über solch tristen Erfahrungen nicht zum Misanthropen geworden. Sondern selbst betroffener Zeitzeuge, der es fertig bringt, einen äußerst kritischen Blick auf das Gemeinwesen zu verbinden mit hartnäckiger Menschenfreundlichkeit.

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