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Nanni Balestrini: Tristano. Aus dem Italienischen von Peter O. Chotjewitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 151 S., 15 Euro.

Nanni Balestrinis Roman "Tristano"

Einer von 109027350432000

Nanni Balestrinis Montage-Roman "Tristano" ist in erster Linie ein Produkt der modernen digitalen Drucktechnik. Das besondere daran: Jeder Leser erhält seinen eigenen Roman - ein Unikat. Von Aureliana Sorrento

Von Aureliana Sorrento

Der Fluch des Lesers ist, dass er immer nach einem Sinn sucht. Selbst dann, wenn ihm Vorsatz und Vorwort implizit davon abraten. Nanni Balestrinis "Tristano", wie er 2007 auf Italienisch und nun bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen ist, ist in erster Linie ein Produkt der modernen digitalen Drucktechnik. Ein Roman, der aus zehn Kapiteln besteht, die je 30 Abschnitte enthalten, von denen 20 für jedes gedruckte Exemplar in eine zufällige Reihenfolge gebracht wurden. So erhält jeder Leser seinen eigenen Roman. Jedes der 2000 auf Deutsch erschienenen Exemplare ist ein Unikat, mit einer Seriennummer versehen und dem Hinweis, es handle sich hierbei um einen von 109027350432000 möglichen Romanen.

Die Zahl hatte der Autor Nanni Balestrini, ein Veteran der italienischen Neo-Avantgarde, 1966 errechnet. Damals, so erklärt er in einer Notiz zum Buch, experimentierte er mit einer "Rechenmaschine" der Marke IBM, um aus literarischen und wissenschaftlichen Büchern extrapolierte Sätze zu montieren, so dass sie Sequenzen von Versen ergaben. Mit dem gleichen Verfahren erstellte er dann Roman-Abschnitte, aus deren Kombination nach algorithmischen Regeln sich eine riesige Anzahl möglicher Romane ergab. Aber 1966 konnte "Tristano" nur als quasi "normaler" Roman erscheinen. Dass die digitale Drucktechnik heute das Herstellen verschiedenster Variationen möglich macht - obwohl freilich nicht alle Varianten gedruckt werden konnten - wirkt wie ein ironischer Kommentar zum Ausspruch, das Buch sei eine kleine Maschine.

Der Sinn von "Tristano Nr. ...", kann man im Bewusstsein der Distanz sagen, die uns heutige Leser von seiner Konzeption trennt, liegt im Herstellungsverfahren selbst. Sprich: in der computergesteuerten, seriellen Erzeugung von Un-Sinn. "Tristano" , laut Balestrini eine "ironische Hommage an den archetypischen Helden des Liebesromans", ist eine Montage von Versatzstücken aus Liebesgeschichten. Ein "er" und ein "sie" kommen vor, außerdem ein "C", das mal für sie, mal für ihn, mal für einen Ort steht.

Diese Textfläche, egal in welcher Variante, bietet dem Leser weder einen Plot noch eine Figurenentwicklung, sondern nur Augenblicke mehr oder weniger intensiver Wahrnehmung - als hätte eine Kamera lauter Close-ups diverser Paare in Momenten ihres Zusammenlebens aufgenommen, die dann ein Cutter im Studio überblendet. Aus dieser Grundtextur stechen Sätze hervor, die einem inneren Monolog zu entstammen scheinen.

Einerseits geht es darin um die Struktur des Textes selbst, dessen Funktionsweisen so entblößt werden. Andererseits geht es um die Ziele und das Scheitern jener politischen Bewegung, die sich in Italien zu Beginn der 60er Jahre formierte, 1968/69 und 1977 ihre Höhepunkte hatte und 1979 gewaltsam niedergeschlagen wurde. Nach dem Aufruhr durch die "Bewegung 1977" nahm der Staat die gesamte Linke ins Visier. Nanni Balestrini war einer der vielen italienischen Intellektuellen, die sich damals nach Frankreich absetzten, um einem Haftbefehl zu entkommen.

Das von ihm und Primo Moroni verfasstes Buch "Die goldene Horde" (1968-1977), 1988 erschienen, bleibt das Hauptwerk über das italienische "1968" und die Folge-Bewegungen. Aber eine Vorahnung des Debakels dürfte in der politisch-intellektuellen Avantgarde schon 1966 präsent gewesen sein, wenn es in "Tristano" heißt: "Man hat das Gefühl diese Erfolge wären einer Gesellschaft geschuldet die unter ihrem revolutionären Ansturm hätte zusammenbrechen müssen und sich statt dessen nach und nach trotz ihrer Opposition erholt hat und sie in einer Serie von Beziehungen die anscheinend unverbindlich sind aber schon bald zu neuen unersetzlichen Verpflichtungen und neuen Berufsaussichten wurden die neue Konsumgüter und einen höheren Lebensstandard mit sich bringen sogar beteiligt hat."

Insofern darf man diesen einen von unzähligen möglichen Romanen, den man in der Hand hält, auch als Zeitzeugnis einer revolutionären Epoche lesen. Gewiss ist "Tristano" ein Stück italienischer Literaturgeschichte und mit einem Vorwort von Balestrinis Freund Umberto Eco sowie einem Nachwort des Übersetzers Peter O. Chotjewitz in der deutschen Ausgabe bestens ausgestattet.

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