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Schriftstellerin Shumona Sinha, hier bei einem Termin in Toulouse aufgenommen.

Shumona Sinhas Roman "Staatenlos"

Der einen Tod, der anderen Luxusleben

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Fesselnd, erschütternd und dann doch ein besonders trauriger Fall von literarischer Ausbeutung: Shumona Sinhas Roman "Staatenlos" lässt ambivalent zurück.

Die Welt ist natürlich noch lange nicht in Ordnung. Es gibt viel, was daran verbessert werden müsste, viel, das einen verzweifeln lassen oder zornig machen kann. Während die meisten Menschen eher zum passiven Verzweifeln tendieren, hat Shumona Sinha sich für den Zorn entschieden und gibt ihm, schreibenderweise, energisch Ausdruck. In Frankreich erregt sie nicht wenig Aufsehen mit ihren Romanen. Der zweite, „Erschlagt die Armen!“, kostete sie gar ihren Job als Dolmetscherin bei der Ausländerbehörde. (Den provokanten Titel hatte sie nicht selbst ersonnen, sondern bei Charles Baudelaire entliehen.)

Die indischstämmige Pariserin schreibt ihre Romane auf Französisch. Schon damit ist sie ein Solitär in der internationalen Autorenschaft. Viele indische Kollegen und Kolleginnen, die weitab der alten Heimat leben, bevorzugen aus naheliegenden Gründen das englischsprachige Ausland. Sinha aber ging, da war sie schon Ende zwanzig, als Englischlehrerin nach Frankreich und blieb. Dass auch dort nicht alles schön ist und eine dunkelhäutige Frau mit exotischem Akzent mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hat, ist eine der Botschaften, die ihr neuer, vierter Roman „Staatenlos“ vermittelt. Die Hauptfigur hat, darf vermutet werden, zahlreiche autobiografische Bezüge zur Autorin.

Streng genommen handelt das Buch von drei Frauen, doch zwei davon sind bloß Ergänzung der dritten, der eigentlichen Protagonistin: Esha, eine junge Frau aus Kalkutta, lebt in Paris. An einer Brennpunktschule, wo sie als Lehrerin arbeitet, schlägt sie sich mit renitenten Jugendlichen herum und lebt ansonsten das Leben einer Einzelgängerin mit flüchtigen Männerbekanntschaften. Allen Widerständen zum Trotz hat sie beschlossen, sich um die französische Staatsbürgerschaft zu bewerben, obwohl ihre alte Mutter noch in Kalkutta lebt und auch Eshas Denken nicht völlig losgelöst ist von ihrer bengalischen Vergangenheit.

Erzählerische Kraft des Romans ist trotz allem beträchtlich

Als Studentin war sie einst aktive Kommunistin. – Das politische Engagement verbindet Esha mit Mina, einer junge Frau vom Lande in Bengalen. Sie wird zur Aktivistin, als Kleinbauern wegen eines geplanten industriellen Großprojekts ihr Ackerland verlieren sollen. Ausgerechnet eine rechtsgerichtete neue Partei agitiert im Sinne der Bauern, während die korrupte kommunistische Machtelite mit den Industriellen gemeinsame Sache macht. 

Mina, die außerdem ungewollt schwanger ist von einem Mann, der sie nicht heiraten wird, kämpft überall auf verlorenem Posten. Mit der Geschichte ihres vergeblichen Kampfes und gewaltsamen Todes beginnt der Roman. In etwas unklarer Weise ist Minas Schicksal verwoben mit der Geschichte von Marie, einer Frau, die als Baby von Franzosen adoptiert wurde, nun in Bengalen nach ihrer leiblichen Familie sucht und nebenbei politisch agitiert. Mina erscheint Marie nach ihrem Tod im Traum, Esha wiederum steht mit Marie in losem Kontakt. Sehr locker geknüpft ist also das Erzählband, das die drei Frauen verbindet; ihre Beziehung existiert gleichsam unter der Erzähloberfläche.

Obwohl der Roman in Komposition und Ausarbeitung der Erzählperspektiven deutliche Schwächen aufweist, entfaltet er dennoch eine beträchtliche erzählerische Kraft. Zu einem gewissen Teil liegt das daran, dass man bei der Lektüre auf etwas wartet, das dann nie passiert. Mit dem furiosen Einstieg aus der Perspektive der toten Mina weckt die Autorin Erwartungen, die sie nicht einlöst. Auf der Langstrecke verzettelt der Roman sich eher in zornigem Gezeter. 

Minas furchtbares Schicksal dient der Effekthascherei

Letztlich bedeutet das Schicksal einer jungen indischen Bäuerin recht wenig im Gesamtkontext eines Buches, das überwiegend von den Alltagserlebnissen einer indischen Intellektuellen in Paris handelt. Das subversive Schicksalsband, das Shumona Sinha zwischen den Frauenfiguren knüpfen möchte, erscheint angesichts des Ungleichgewichts zwischen Eshas (85 Prozent) und Minas (10 Prozent) Erzählanteilen recht dünn, und die schemenhafte Stellvertreter- und Bindegliedfigur Marie (5 Prozent) ist nicht viel mehr als eine recht gekünstelte Metapher. 

Nun hat aber die malträtierte und ermordete Mina die im narrativen Vergleich deutlich interessantere Erlebniswelt aufzuweisen als die autobiografisch aufgeladene Hauptfigur Esha, die sich in ihrem Pariser Luxusdasein lediglich über rassistische Bemerkungen, sexistische Blicke und kulturelle Verbohrtheit aufregen muss.

Ärgerlich genug, natürlich; aber wenn es der Autorin ein Anliegen ist, ihre literarischen Fähigkeiten für die Abrechnung mit dem Rassismus/Sexismus der französischen Gesellschaft einzusetzen, spräche nichts dagegen, den Roman auf dieses Thema zu beschränken. Das Interessantmachen der Handlung mit einer Mordgeschichte aus Indien hat nichts mit internationaler Frauensolidarität zu tun, sondern ist lediglich eine sicherlich gut gemeinte, aber fragwürdige Effekthascherei. Und damit ein besonders trauriger Fall von Ausbeutung.

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