Kaltes Prag.
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"Kafkas Sohn"

Was einen retten könnte

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Szilárd Borbélys nachgelassenes Fragment "Kafkas Sohn" umkreist die Möglichkeit eines Romans über Kafkas Sohn.

Es ist auch eine Ironie des Schicksals oder eine Volte des Herausgeberbetriebs: Das Fragment eines Schriftstellers über einen Schriftsteller, der Fragmente hinterlassen hat. Und der Umgang damit.

Bei Zweiterem hat nach seinem frühen Tod ein guter Freund beherzt und selbstbewusst eingegriffen und seinen Büchern zu Weltruhm verholfen. In welchem grenzüberschreitenden Ausmaß beherzt und selbstbewusst er dabei vorging, zeigte sich erst mit der Zeit. Die Rettung und das glättende, auf Fertigstellung und Plausibel-Machung eingerichtete Redigat der unvollendeten Romane Franz Kafkas werden Max Brods Ehre und Schmach bis zum Ende der Literatur sein.

Bei Ersterem haben nach seinem frühen Tod Übersetzerin und Übersetzer – hier zugleich die Herausgeber – vor allem im Sinn, die Aufzeichnungen zu einem Roman adäquat und seriös zu präsentieren. Das hat zur Folge, dass da der Dehnbarkeit des Wortes zum Trotz gar kein Roman ist. Entsprechend steht „Prosa“ unter dem Titel des schmalen Bandes.

Nun kann man sagen, dass Szilárd Borbélys „Kafkas Sohn“ offenkundig in einem ungleich weniger fortgeschrittenen Stadium war als Franz Kafkas „Der Verschollene“. Gleichwohl ist es bemerkenswert, mit welcher Hochachtung gegenüber dem vorhandenen Material 90 Jahre später vorgegangen wurde. Auch grammatisch verkorkste Sätze wurden mit Sorgfalt übersetzt, fehlende Kapitelenden ebenso wie Unbegreiflichkeiten im Allgemeinen markiert. „Die Übersetzungsarbeit gestaltete sich anders als üblicherweise, denn wir mussten der Neigung widerstehen, den Unstimmigkeiten einen Sinn geben zu wollen, d. h., wir mussten auch dem offensichtlich Sinnlosen vertrauen“, schreibt Heike Flemming in ihrem Nachwort. Vertrauen heißt nicht, alles hinzunehmen. Ohne den Leser damit philologisch zu behelligen, geben Flemming und Lacy Kornitzer Auskunft über Kafka-Zitate und die von Borbély verwendete Sekundärliteratur. Solche Texte – wie die wenigsten Bücher, auf denen „Prosa“ statt „Roman“ steht – haben kaum Chancen, zum Bestseller zu werden. Aber sie sind wunderschön, hochinteressant, atemberaubend traurig.

Borbély, 1964 in Ostungarn geboren, war Literaturwissenschaftler, Essayist und Lyriker. Er litt unter Depressionen. Anfang 2014 nahm er sich das Leben. Im Jahr zuvor war sein erster Roman auf Ungarisch erschienen, der nach seinem Tod auch in Deutschland herauskam. „Die Mittellosen“ erwies sich als ein Stück Weltliteratur, Ausgangspunkt hierfür in diesem Fall die aussichtslos dunkle, in haargenaue, hochempfindliche Sprache gefasste Geschichte einer Kindheit im ländlichen Antiidyll. „Kafkas Sohn“, liest man, war als nächster Roman geplant. Dass Borbély selbst von einem fast fertigen Buch sprach, wundert auch Flemming. In sich wirken die meisten Texte allerdings durchgearbeitet und abgeschlossen.

Sie handeln einerseits von Prag und den Pragern Hermann und Franz Kafka – beide sind einander müde und kommen nicht voneinander los. Den Sohn reizen Männlichkeit und Servilität des Vaters. Dieser, dem vor Franz schon zwei Söhne gestorben sind, stellt klar: „Ohne mich könntest Du über nichts schreiben, was Dir, wie Du sagst, das Wichtigste ist.“ Andererseits geht es um einen Schriftsteller, der so fiktiv und autobiografisch sein dürfte wie der Junge in „Die Mittellosen“. Auch er hat eine offene Rechnung. „Die Väter sind weit weg, kotzen verkatert auf Arbeitsstätten aus erodierenden Wänden, haben Ohrensausen, Schwindel im Kopf; sie starren in der Kneipe mit ausdruckslosem Gesicht in den Zigarettenrauch, ziehen über Schlachtfelder inmitten der wechselvollen geographischen Verhältnisse Osteuropas und sterben ernüchternd früh oder bleiben verzweifelt am Leben, doch von all dem, was nun erzählt werden wird, wissen sie nichts und wieder nichts.“ Dazu treten Geschichten, die wie Annäherungen an Kafkas Schreiben wirken, Anverwandlungen.

Eng verwandt sind auch jener Schriftsteller und jener Franz Kafka – der im Roman dann, wie der Schriftsteller klarstellt, natürlich nicht wirklich Franz Kafka ist. So muss es auch Borbély erschienen sein. Flemming zitiert, wie er sich später zu seiner ersten Lektüre von „Der Process“ als Teenager äußerte: „Die Heimatlosigkeit, Verlorenheit darin, die ich so gut kannte, riss mich mit sich fort. Die Sehnsucht nach Gewissheit, das Ausgeliefertsein, die Schutzlosigkeit und die Nacktheit des verachteten und erniedrigten Menschen erheben in diesem Roman auf fast schon schamlose Weise die Stimme.“ Schreiben soll Kafka, dem Schriftsteller im Buch und dem Verfasser Borbély Rettung bringen. Das wird heute nur mehr selten so ausgesprochen.

Die Texte umkreisen also die Möglichkeit eines Romans über Kafkas Sohn, ein in seiner Schlichtheit raffinierter Titel. Er verschiebt die Perspektive hin zu Hermann, könnte sich aber auch auf den namenlos bleibenden Schriftsteller beziehen, der sich bemüht, ein Buch zu schreiben. „Dieser Roman spielt in Osteuropa. In Wirklichkeit ist es gar kein Roman und spielt auch nirgendwo. Er erzählt keine Ereignisse, wie ein Roman sonst Geschichten erzählt, er möchte ihm nur ähneln. … Eine merkwürdige Geschichte, so viel ist sicher. Wie aber im Falle von Romanen üblich, erscheint darin unvermeidlich auch der Autor. In Wirklichkeit wird also von der Kindheit des Autors die Rede sein.“

„Kafkas Sohn“ macht es nicht möglich, sich vorzustellen, wohin der Roman hätte gehen sollen. Neben ausgefeilter Prosa bietet er aber Blicke in die Werkstatt eines Dichters. Scharfe Hell-Dunkel-Kontraste herrschen dort, Verzweiflung und Glück, lebensrettender Schwung und die mühselige Suche am Ende eines Holzwegs.

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