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Literatur

Was den einen die Freiheit brachte ...

"Schwarzes Amerika" erzählt die Geschichte der atlantischen Sklaverei.

Von ANDREAS ECKERT

Eines Tages, als alle unsere Leute wie gewöhnlich zur Arbeit gegangen waren und nur ich und meine liebe Schwester das Haus hüteten, stiegen zwei Männer und eine Frau über unsere Mauern und ergriffen uns beide in einem Augenblick, und ohne uns Zeit zum Schreien oder zum Widerstand zu lassen, stopften sie unseren Mund und rannten mit uns ins nächstliegende Gehölz." So schildert Olaudah Equiano den Beginn seines Sklavenlebens 1756, das ihn schließlich nach Europa führen sollte. Sein erster Besitzer, Michael Pascal, ein britischer Offizier, gab dem ungefähr zehnjährigen Jungen den Namen Gustavus Vassa und nahm in als persönlichen Diener mit auf zahlreiche Seereisen um die ganze Welt. Equiano blieb auf diese Weise nicht nur das Schicksal der Plantagenarbeit erspart, er wurde von Pascal sogar für einige Zeit zur Schule nach England geschickt, wo er Lesen und Schreiben lernte.

Bereits zehn Jahre nach seiner Versklavung gelang es Equiano, seine Freiheit von seinem damaligen Herrn, einem Quäker aus Philadelphia, zurückzukaufen. Er ließ sich in England nieder und arbeitete unter anderem als Friseur und Schiffssteward. Schließlich etablierte er engen Kontakt mit der zunächst vor allem von Quäkern dominierten Abolitionistenbewegung. Im späten 18. Jahrhundert forderte sie mit einer großangelegten, an die Mitglieder des britischen Parlaments gerichteten Petitionskampagne nachdrücklich das Ende des Sklavenhandels.

Auf dem Höhepunkt der Kampagne, 1789, erschien Equianos Autobiographie - ein seinerzeit ungewöhnliches Werk, denn Selbstzeugnisse ehemaliger Sklaven waren rar. Equiano ging damit auf Promotiontour durch England, Schottland, Wales und Irland. Lokale Abolitionskomitees organisierten Lesungen. Das Buch wurde ein Bestseller und wichtiger Teil der Anti-Sklaverei-Propaganda. Equiano machte es zu einem wohlhabenden Mann. Als er 1797 starb, hinterließ er seiner englischen Frau und seiner Tochter ein beträchtliches Vermögen.

Nur wenigen der mehr als über zwölf Millionen Sklaven, die seit dem 15. Jahrhundert aus Afrika über den Atlantik in die Amerikas zwangsverschifft wurden, war das Schicksal ähnlich wohlgesonnen. Die große Mehrheit hat keine Spuren in den Archiven hinterlassen. Vor 1820 kamen allein in den Vereinigten Staaten von Amerika auf jeden Einwanderer aus Europa mindestens zwei afrikanische Sklaven. Sie und ihre Nachkommen lieferten ein Gutteil jener Arbeitskraft, welche die Entstehung dynamischer Ökonomien und die Schaffung internationaler Massenmärkte für Konsumgüter wie Zucker, Reis, Tabak, Farbstoffe und Baumwolle erst ermöglichte.

Dennoch galt die "Neue Welt" von Beginn an bei vielen als gelobtes Land, als Ort des Neubeginns, der Möglichkeiten bot, sich von den Fesseln der Vergangenheit zu lösen. Paradoxerweise schien die Entwürdigung von Millionen Menschen, die in Unfreiheit auf den Plantagen schufteten, eine Vielzahl anderer Personen erst in die Lage zu versetzen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und sich gleichsam neu zu erschaffen.

Der nordamerikanische Bürgerkrieg führte zur Befreiung der meisten Sklaven in der Neuen Welt und übte zudem indirekten Einfluss auf das Schicksal der Unfreien in der Karibik und in Lateinamerika aus. Das Zeitalter der Emanzipation, das mit der Revolution in Haiti 1791 einsetzte und mit dem "Goldenen Gesetz", der Sklavenbefreiung in Brasilien 1888 endete, verschob das Problem von Sklaverei und Freiheit lediglich auf eine neue Ebene. Denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Erbe der "eigentümlichen Institution" Sklaverei von Kanada bis Chile weiterhin sichtbar. Die Nachfahren von mehr als zehn Millionen unfreiwilligen Migranten aus Afrika leiden häufig noch immer unter dem Stigma der sklavischen Abhängigkeit, das zum Beispiel durch Rassismus, Armut und begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten aufrechterhalten wird.

Diese ungebrochene Aktualität trägt sicherlich dazu bei, dass der Problemkomplex Sklaverei und Sklavenhandel seit nunmehr vier Dekaden zu den lebendigsten Gebieten der internationalen Geschichtsforschung gehört. In der deutschsprachigen Historiographie beginnt sich erst langsam Interesse für diesen Bereich zu entwickeln. Dem vorliegenden Band kommt das große Verdienst zu, in Tuchfühlung mit neuesten Forschungstrends einen detaillierten, differenzierten und zugleich lesbaren Einblick in die Geschichte der Sklaverei zu geben. Lücken der Darstellung werden offen benannt, unterschiedliche Ansätze und Kontroversen nicht unter den Tisch gekehrt. Das Autorentrio verknüpft geschickt die Diskussion der strukturellen Dimension von Sklaverei mit eindringlichen Schilderungen vom Sklavenalltag und dem Kampf der Sklaven um ein menschenwürdiges Dasein.

Die atlantische Sklaverei markiert ein ebenso wichtiges wie dunkles Kapitel in der Geschichte der Globalisierung und war, wenngleich der Band dies nur andeutet, durchaus auch mit der deutschen Geschichte verflochten. "Schwarzes Amerika" ist eine große Leserschaft zu wünschen.

Jochen Meissner/Ulrich Mücke/Klaus Weber: Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei. C.H.Beck, München 2008, 320 S., 26,90 Euro.

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