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Rüdiger Zill

Mit einem Wurf ein Mensch

Lebensthema Husserl: Hans Blumenbergs Anthropologie aus dem Nachlass

Was macht den Menschen zum Menschen? Distanz. Als das Fluchttier Mensch vom Urwald in die Steppe wechselte, wurde es zum Kampftier. Was hier passierte, bringt Hans Blumenberg in seiner im Nachlass gefundenen Anthropologie auf die Formel: Der Mensch entstand mit einem Wurf, dem Steinwurf, mit dem er, der sich aufgerichtet hatte, seine Feinde auf Distanz hielt. Kampf bedeutete nun nicht länger unmittelbaren Körperkontakt, sondern actio per distans. Das entscheidende Organ ist dabei zunächst weniger das Gehirn als vielmehr die Hand. Wobei die Hand nicht frei wurde, weil sich der Mensch aufgerichtet hatte; vielmehr hat er sich aufgerichtet, weil diese neue Haltung es ihm erleichterte, sein Wurfgeschoss mit sich zu führen.

Dem Steinwurf folgten andere Mittel, sich die Realität vom Leib zu halten, nicht zuletzt der Begriff. Durch diese distanzierenden Instrumente verändert sich aber jener Leib auch selbst. Er verkümmert, gibt seine Funktionen an die Sachwelt ab. Der Mensch ist daher nicht nur Benjamin Franklins tool making animal, sondern viel stärker noch das werkzeuggeschaffene Tier. Auch die Erinnerung gehört in die Rubrik der actio per distans, ebenso wie die Delegation, bei der wir uns vertreten lassen, oder die Simulation, in der eine Sache vertreten wird. Hier ist sie am weitesten von uns entfernt, denn sie ist absolut abwesend. Actio per distans in Reinkultur ist die Vernunft. Sie ist das Vermögen, "von all dem Aussagen zu gewinnen, was nicht nur faktisch ungegenwärtig und unanschaulich ist, sondern was überhaupt nicht wirklich, sondern nur möglich oder sogar unmöglich ist."

Die Vielfalt der Fernhandlungen steht im Zentrum von Hans Blumenbergs 900 Seiten langer Beschreibung des Menschen. Hervorgegangen ist sie aus zwei Vorlesungen, die er Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre in Münster gehalten hat. Dass daraus ein Buch werden sollte, war offensichtlich geplant, wenn auch die endgültige Form noch nicht feststand. Eine der möglichen Titelvarianten lautete "Selbstaufrichtung - Sichtbarkeit - Undurchsichtigkeit". Diese Begriffstrias bezeichnet ein weiteres wichtiges Motiv des Bandes. Der Mensch, der sich auf seine Hinterbeine stellt, sieht weiter, kann aber gleichzeitig auch besser gesehen werden: Vorteil und Nachteil in einem. Beides will zumindest in Betracht gezogen sein. Das Wissen vom Gesehenwerdenkönnen ist der Anfang der Rückwendung auf sich selbst, der Anfang der Reflexion.

Hans Blumenberg war immer viel mehr als der Ideenhistoriker, den man oft in ihm sieht. Er hatte durchaus einen systematischen philosophischen Ansatz im Auge. An seiner Beschreibung des Menschen zeigt sich nun auch, wie intensiv er sich zu diesem Zweck mit der anthropologischen Fachliteratur beschäftigt hat. Die Fülle der Bezüge und gedanklichen Verzweigungen kann hier nur angedeutet werden. Sie umspielen immer wieder die zentrale Frage nach dem Wesen des Menschen. Blumenberg thematisiert dabei die Schwierigkeit der Antworten selbst. Ihre Geschichte zeigt er als Ansammlung von - wie er es nennt - Definitionsessays. Seitdem die klassische Bestimmung des Menschen als vernunftbegabtem Tier problematisch geworden ist, gab es immer wieder neue Ansätze zu solchen Essays.

Blumenberg hat sie gesammelt und ihnen ein kleines Museum errichtet. Darin ist der Mensch als schwindelndes Tier zu besichtigen (Poe) und als tauschendes (Simmel), als Seiendes, das redet (Heidegger) und als eine Art Prothesengott (Freud), als Geschöpf, das sich langweilt (Werner Sombart) und als Tier, das versprechen darf (Nietzsche). Über allem thront aber Max Schelers Satz, nach dem die Undefinierbarkeit zum Wesen des Menschen gehöre. Vor dem Hintergrund dieser Versuche, sind Blumenbergs eigene Bemühungen zu verstehen: Der Mensch sei eine verkörperte Unwahrscheinlichkeit; er sei ein Wesen, "das sich hätte misslingen können und noch misslingen kann"; und eben: Er "bestehe" im Verzicht auf Unmittelbarkeit. Gerade weil Blumenberg selbst das Thema in all diesen Ansätzen immer wieder umkreist, heißt das Buch mit gutem Grund Beschreibung und nicht etwa "Bestimmung" des Menschen. Damit mag er immerhin einer Aversion seiner Zeit Rechnung getragen haben.

Kaum etwas war in den siebziger Jahren so unpopulär an deutschen Universitäten wie die Philosophische Anthropologie. Sie galt den Teilnehmern der Kapitalkurse in Marburg, Heidelberg oder Berlin als Inbegriff des Klassenfeinds, schien sie doch ein Wesen des Menschen festschreiben zu wollen, wo es gerade darauf ankam, seine Veränderbarkeit und seine Tauglichkeit für eine neue Gesellschaft herauszuarbeiten. Außerdem verband man diesen philosophischen Ansatz mit jemandem wie dem politisch belasteten Soziologen Arnold Gehlen. Im vorliegenden Band kommt Gehlen, obwohl er in den frühen Texten Blumenbergs durchaus oft präsent war, jedoch kaum zu Wort.

Dafür ist der Dialog mit einem anderen Autor um so dominanter: mit Edmund Husserl. Blumenberg ging es in der Tat um eine Abwehr der Kritik an der Anthropologie - allerdings weniger der marxistischen, der es in der Anthropologie zu viel Wesen, sondern der phänomenologischen, der es in ihr zu wenig Wesen gab. Diese Auseinandersetzung nimmt den größten Teil des Buches ein, erlangt fast obsessive Züge. Dabei wird immer deutlicher, dass Husserl eines der Lebensthemen für Blumenberg war. Im bisher publizierten Werk spielte er nur in einigen kleineren Aufsätzen und natürlich in Lebenszeit und Weltzeit (1986) eine Rolle. Aber schon seine unpublizierten Habilitationsschrift, "Die ontologische Distanz", war eine "Untersuchung über die Krise der Phänomenologie Husserls". Nach Zu den Sachen und zurück (2002) ist mit der Beschreibung des Menschen nun eine zweite große Auseinandersetzung mit dem Vater der Phänomenologie aus dem Nachlass erschienen.

Was man über das Manuskript weiß, berichtet der Herausgeber Manfred Sommer in einem informativen Nachwort, ist, dass Blumenberg offensichtlich stets an mehreren Bänden parallel gearbeitet hat. Das erklärt die Konstanz, mit der bestimmte Themen immer wieder erscheinen, und die Analogien, die in ihnen aufscheinen. Der wichtigste Text zur Anthropologie, den man bisher von Blumenberg kannte, die "Anthropologische Annäherung an die Rhetorik" (1971) zeigt schon sein Interesse an diesem Thema und eine ähnliche Bemühung, überkommene Abwehrhaltungen zu überwinden. Hier war es die traditionelle Metaphysik, die der Anthropologie ihren Platz verweigerte, nun ist es die Phänomenologie. Blumenberg ging es darum zu zeigen, dass es auch in der Phänomenologie einen Bedarf an Anthropologie gibt, einen Bedarf an einer phänomenologischen Anthropologie, zu der er hier reiche Materialien lieferte.

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