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Davit Gabunia auf der Frankfurter Buchmesse.

Buchmesse - Gastland Georgien

Auf eine Zigarette mit... Davit Gabunia

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Davit Gabunia gilt als einer der wichtigsten jüngeren Dramatiker Georgiens und wurde bereits mit den bedeutendsten Theaterpreisen des Landes ausgezeichnet. Nun präsentiert er auf der Frankfurter Buchmesse seinen ersten Roman.

Man muss Davit Gabunia eigentlich nicht fragen, was er gerne liest und was ihn inspiriert. Seine große Leidenschaft gilt dem Theater. Er ist einer der bekanntesten Dramatiker Georgiens und Fan des antiken Theaters. Mehrere dieser Stücke hat er ins Georgische übersetzt, und er ist ein Bewunderer Bertolt Brechts, wobei ihn auch etwas an ihm stört: „Ich mag keine Brecht-Stücke. Er urteilt zu sehr, weiß, was richtig und was falsch ist.“

In seinem Roman überlässt Davit Gabunia das Urteilen lieber den Leser*innen, die Abwesenheit eines auktorialen Erzählers ermöglicht Interpretationen in jede Richtung: „Ich bevorzuge, es so offen wie möglich zu lassen.“ Auch etwas, was er vom Theater gelernt hat.

Ein Roman über die georgische Gesellschaft?

Davit Gabunia ist einer der vielen georgischen Autoren, die dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sind. Vor der Lesung im Haus des Buches steht Davit Gabunia vor dem Eingang und raucht. Ein schmaler Mann in einem roten Pullover, mit einem kräftigen Händedruck und lachenden Augen.

Sein Debütroman „Farben der Nacht“ spielt in Tiflis im Sommer 2012. Man könnte deswegen annehmen, dass der Roman politisch sei. 2012 war ein Jahr des politischen Umbruchs in Georgien. Doch es geht darin auch um eine Ehe, die zerbricht. Und um Rollenverteilung, um Anerkennung – um gesellschaftliche Probleme. Ist er deswegen ein Roman über die georgische Gesellschaft? „In erster Linie erzähle ich eine Geschichte. Es ist nicht zwangsläufig ein Querschnitt durch die Gesellschaft Georgiens. Es ist eine Geschichte in der Gesellschaft.“

Die Geschichte ist folgende: Surab ist 31 Jahre alt, arbeitslos und ein ziemlicher Hänger. Seine Frau Tina arbeitet viel, er kümmert sich um die Kinder. Das war die Abmachung, als er seine Arbeit verlor. Viel mehr macht er auch tatsächlich nicht. Er sitzt herum und raucht. Eintönig und heiß zieht der Sommer 2012 in Tiflis an Surab vorbei.

Bis zu dem Tag, als im Haus gegenüber ein neuer Nachbar einzieht. Surab erliegt der voyeuristischen Versuchung und ist gefesselt vom Leben des Anderen, von Schotiko. Der neue Nachbar fährt einen auffälligen roten Alfa Romeo und zieht nicht nur damit Surabs Aufmerksamkeit auf sich.

Der mysteriöse Nachbar

Hier gibt es eine Parallele zu Gabunias Welt. Er lebt selbst seit 15 Jahren in einem Plattenbau, dem man den sowjetischen Charme ansieht. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf die gegenüberliegende Häuserfront. Sein Nachbar steht häufig auf dem Balkon und raucht. Er ist zu weit weg, es sind keine charakteristischen Züge auszumachen. „Wenn ich ihm auf der Straße begegnen würde, ich würde ihn nicht erkennen.“ Dieses Schemenhafte des Anderen zog Gabunia in seinen Bann und er begann, sich das Leben seines Nachbars vorzustellen, ihm Dinge anzudichten. So entstand die Idee zu seinem Roman.

Surab ist vom Leben seines Nachbarn Schotiko angezogen und abgestoßen zugleich, denn sein Nachbar ist schwul und zelebriert sein Sexleben ohne schützende Vorhänge. Surab hat das Bedürfnis, es mit der Kamera festzuhalten. Er schießt hunderte Fotos. Zu welchem Zweck er das macht, ist ihm selber nicht klar. Etwas stört ihn an dem freizügigen schwulen Lebenswandel seines Nachbarn. Er bezeichnet ihn als „Scheißschwuchtel“ und „Ficker“. Beim Lesen kommt der Verdacht auf, dass Surab diese Abneigung hat, weil er gegen das Homosexuelle in sich kämpft.

Eine verhaltene Kritik an reaktionärer Unaufgeklärtheit?

„Er ist definitiv in einem Kampf mit seiner Sexualität.“ Doch Surab hinterfragt seine Abneigung nicht. Er reflektiert generell sehr wenig, sondern nimmt alles als gegeben hin. Die politischen Unruhen und Demonstrationen, die in den Tagen im August 2012 weltweit für Aufsehen sorgen, tangieren ihn kaum. Es sind die siebenten Parlamentswahlen seit der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion, und kurz vor den Wahlen tauchen Foltervideos aus georgischen Gefängnissen auf. Surab registriert, dass ständig brutale Bilder im Fernsehen laufen. Mehr geht in ihm nicht vor.

Davit Gabunia zündet sich die zweite Zigarette an, inhaliert tief und bläst den Rauch vorsorglich zur Seite. Er hat etwa fünf Jahre an dem Roman geschrieben, am Ende hatte er unendlich viele handgeschriebene Notizen, aus denen er mit seinem Verleger die finale Fassung destillierte.

Die besondere Herausforderung lag für ihn darin, in den Kopf von Surab zu kriechen – einen Menschen, der ihm selbst in seinem Wesen völlig fern ist. Sich vorzustellen, wie er denken und was er fühlen könnte. Schotikos Seite anzunehmen, war ihm nicht Herausforderung genug. „Ich kenne diese Seite schon. Aus dieser Perspektive heraus zu schreiben, würde nichts mehr zum Entdecken übrig lassen.“

Nach seinem Studium der Gender Studies hat sich Davit Gabunia lange in feministischen Organisationen engagiert und kennt sich in der georgischen LGBTQ-Szene aus. Diese Bewegung ist in Georgien noch recht neu. Aktivist zu sein, sei ein ständiger Kampf. Dieser Kampf war ihm irgendwann zuviel. Hinter den Werten und Ideologien stehe er immer noch, nur hat er die Bühne gewechselt. Im Theater und in der Literatur kann man schwere Themen verdaulicher präsentieren.


In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.





 

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