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Frontispiz ?Der fliegende Mensch? von Nico9las Edmé Restif.

"Sehnsucht Utopie"

Eine Welt, die sein soll

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Der Kulturhistoriker Alberto Manguel illustriert mit "Sehnsucht Utopie" die Geschichte der perfekten Zukunft.

Rechte auf dem Vormarsch, hunderte Banker, die die europäischen Staaten um Steuergelder in Milliardenhöhe erleichtern und jahrelange Umweltverschmutzung – die schlechte Wirklichkeit scheint jeden Gedanken an gesellschaftliche Visionen in weite Ferne zu rücken. Umso wichtiger, dass der weltläufige Kulturhistoriker Alberto Manguel die Sehnsucht nach dem Nicht-Ort (u-topos) in seinem Buch „Sehnsucht Utopie“ wach hält. Manguel wirft einen Blick auf literarische Fiktionen der letzten 500 Jahre über perfekte, aber in der Geschichte nicht verwirklichte Zukunftsmodelle der Menschheit. Illustriert mit Zeichnungen, Kupferstichen und Gemälden, stellt der Band Manguels die wichtigsten Schriften vor, die sich mit einer Utopie-Vorstellung beschäftigen. Den Anfang macht das Werk „Utopia“ von Thomas Morus, veröffentlicht 1516. Es ist das erste Mal, dass sich die Literatur mit dem Utopie-Begriff auseinandersetzt und so betitelt. Es mögen zwar schon religiöse Schriften eine Art Utopie mit ihren Paradiesversprechungen entwickelt haben, aber sie waren und sind immer mit dem Stempel des Übersinnlichen versehen und nur durch den Tod zu erreichen. Die Utopie verblieb ein Wunschtraum, dessen Realisierung auf Erden nicht zu erreichen ist.

Morus’ Idee einer innerweltlichen Utopie ist für den Anfang des 16. Jahrhunderts von einer erstaunlichen Progressivität geprägt. Ziel seiner utopischen Welt ist es, das Konzept des Eigentums abzuschaffen und alle Güter, egal ob materiell oder geistig, gerecht unter den Bewohnern und Bewohnerinnen zu verteilen. 300 Jahre später, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wird aus dem Gedanken des kollektiven Eigentums in Frankreich „der libertäre Kommunismus“ (Manguel) entstehen. Morus’ Gedankenkonstrukt erstreckt sich auch nicht weiter als über die Größe einer Stadt hinaus. Der Zeit und dem vorherrschenden Weltbild geschuldet, ist die Vorstellung einer gesamt-utopischen Welt dann doch zu unrealistisch. Aus heutiger Sicht ist dieses Utopia alles andere als perfekt, es herrscht Sklaverei und die Frau steht hierarchisch unter dem Mann, aber das entspricht dann doch dem geistigen Horizont vor gut 500 Jahren.

Erstaunlich ist es umso mehr, dass 150 Jahre nach Thomas Morus die erste, ja es kann ruhig so genannt werden, feministische Utopie entworfen wird. Die englische Philosophin und Wissenschaftlerin Margaret Cavendish skizziert 1666 in ihrem Buch „The Blazing World“ (Die gleißende Welt) das von einer Frau beherrschte gleichnamige Kaiserreich. Selbst philosophisch veranlagt, möchte diese Kaiserin einen eigenen Text verfassen und soll sich „einer Seele als Schreiber bedienen“ (Manguel). Die Seelen der großen (männlichen) Denker wie Platon oder Epikur sind ihr aber zu selbstherrlich und so greift sie auf den Geist einer Herzogin zurück. Die Frau als geistiges Medium und starkes Wesen ist Mitte des 17. Jahrhunderts eigentlich noch lange nicht salonfähig – darüber setzte sich Cavendish so gekonnt wie selbstbewusst hinweg.

Auch futuristische Science-Fiction-Gedanken sind unter den zusammengetragenen Werken. 1657 sinniert der französische Vordenker Cyrano de Bergerac über eine Reise zum Mond und das dort liegende utopische Land. Die Zusammenfassung von Manguel dazu liest sich wie das Drehbuch des 1902 gezeigten Films von Georges Méliès, „Die Reise zum Mond“, nach dem Roman von Jules Verne.

Die Sammlung des argentinischen Kulturhistorikers zeigt auf einfache und gut verständliche Weise, wie sich im Laufe der Jahrhunderte Moral-, Sitten- und Ethikvorstellungen entwickelten und zunächst in der Hülle des Unmöglichen erdacht wurden. Manche dieser Gedankengänge wirken aus heutiger Sicht abstrus, wenn nicht sogar grotesk, doch sie alle halfen dabei, auch wenn sie in der Wirklichkeit auf der Strecke blieben, moderne Gesellschaftsideen zu formen. Bei seiner Zusammenfassung bleibt der Autor oft an einer zu simplen Darstellung hängen. Sie soll nur ein grober Überblick sein, doch hätte das eine oder andere grafische Element einer tieferen textlichen Auseinandersetzung weichen können.

So hätte eine ausgiebigere historische Auseinandersetzung oder eine Einordnung in heutige politische und sozioökonomische Strukturen das Werk gut ergänzt. Noch dazu endet die kleine literarische Reise schon 1973 bei Yoko Onos und John Lennons Vision „Nutopia“. Genau genommen fehlen somit 35 Jahre innerhalb der 500-jährigen Entwicklung – was ist mit zeitgenössischen Utopie-Gedanken, wo sind die Werke, die tapfer zwischen all den aktuellen dystopischen Visionen hervorstechen? Vielleicht wäre gerade jetzt der Verweis auf solche Texte Balsam für die besorgte Seele unserer Gesellschaft.

Alberto Manguel: Sehnsucht Utopia. Folio Verlag, Wien und Bozen 2018. 104 Seiten. 32 Euro.

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