+
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino 2007 in seiner Frankfurter Wohnung.

Wilhelm Genazino

Das Ich ist eine wackelige Erfindung

  • schließen

Seine Romanwelt war ein Kosmos der Gescheiterten, der Gestrandeten, der Verunglückten: Zum Tod von Wilhelm Genazino.

Der erste Satz. Wilhelm Genazino ist ein Autor des ersten Satzes gewesen. Welch eine Herausforderung – Genazino nahm sie bereits 1977 an, in seinem Roman „Abschaffel“: „Weil seine Lage unabänderlich war, musste Abschaffel arbeiten.“ Das Unabänderliche also, und dabei ist es geblieben, wie sich Jahre später herausstellte, als zwei weitere Romane mit demselben Protagonisten, einem kleinen Angestellten und Flaneur erschienen waren, der Auftakt zu Genazinos „Abschaffel“-Trilogie.

Das Unabänderliche immer wieder, denn die Romanwelt Wilhelm Genazinos war ein Kosmos der Gescheiterten, der Gestrandeten, der Verunglückten. Immerzu war die Lage eine Schieflage, ob es sich nun in der Welt des Autors um Angestellte oder Freiberufler handelte. Es kam der Tag, an dem wurde über einen seiner eher kläglichen Helden das Urteil vom „Workoholic des Nichtstuns“ gefällt, ein wunderliches, wunderbares, vernichtendes Wort.

Ein falscher erster Satz, und schon ist in der Geschichte, der Erzählung, im Roman, ein falscher Ton. Wahre Schriftsteller quält das. Genazino hat über diese Qualen nachgedacht – wie er überhaupt ein immens reflektierter Schriftsteller war, mit den Grundlagen der modernen Literaturtheorie vertraut – auch wenn seine Romane womöglich den Eindruck traditionellen Erzählens machen. Auch seine literarische Entscheidung für den Angestellten Abschaffel war bereits durch und durch soziologisch motiviert. Sah er doch in dem Angestellten ein besonders ergiebiges Mängelwesen des Kapitalismus.

Genazinos Romanfiguren sind prekär (mit sich selbst) Beschäftigte. Ununterbrochen überlegen sie, sie sind wahre Monster des Überlegens. Zu einem einigermaßen befriedigenden Leben sind sie permanent nur provisorisch in der Lage. Mag auch das Romanwerk Genazinos sehr handlungsarm sein – groß ist die innere Handlungsunruhe der Figuren.

Da war etwa das Zitat aus dem Wirtschaftswunderroman „Die Liebe zur Einfalt“: „Das Leben war etwas, das noch einzutreten hatte.“ Aus dem Pathos einer hilflos gespreizten Formulierung ergibt sich der unverwechselbare Genazino-Ton, das komische Sprechen seiner Figuren. Ein immer etwas übertriebenes Sprechen, das die Wirklichkeit verfehlt, aber heimlich Wünsche und Triebe bekennt.

Kein einziger Protagonist Genazinos ohne extreme Marotten, ohne Idiosynkrasien gegenüber seiner unmittelbaren Umgebung. Diese starken Abneigungen, diese Überempfindlichkeiten werden ungemein gepflegt, bis hin zum Peinlichen. Diese Pflege, die eine ausgeprägte Selbstpflege ist, dient dem Durchwursteln unter Lebensumständen, die eine einzige große Überforderung darstellen.

Das Leben, eine einzige Misere. Auch das eine Herausforderung – wie aber damit als Autor umgehen? Der Genazinoleser hatte immer wieder insofern Glück, weil ihm der Autor zu einem Lesevergnügen verhalf, sobald man sich auf die Egomanen in seinen Romanen einließ, häufig Aktivisten des inneren Monologs. Eine beschränkte Perspektive, gewiss, aber das war ja der ästhetische Reiz. War?

Ist! Die Verstiegenheiten in diesen Monologen sind horrend, die Folgen einer Innerlichkeitsinkontinenz beträchtlich: „Immer bewegen sich schwere Dinge in meinem Innern“, heißt es in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Weil das gesellschaftliche Ich eine „wacklige Erfindung (geworden) ist“, steht das Genazino-Ich dem nicht nach, erst recht nicht als Beteiligter in heiklen Liebesverhältnissen, in denen er sich seine Protagonisten immer wieder wund gelegt haben. Die Lage ist eine einzige unabänderliche Glücksferne.

1965 debütierend mit dem Roman „Laslinstraße“ hat Genazino seit 1977, seit „Abschaffel“, vom Leben als einer steigen Glücksferne geschrieben, so minutiös wie intensiv, so hartnäckig wie kompromisslos. Er mochte bereits 1996 als Stadtschreiber von Bergen geehrt worden sei, im selben Jahr, in dem er auch den Berliner Literaturpreis erhielt. Lange Jahre jedoch gehörte auch er zu den in ihrer Bedeutung nicht ausreichend gewürdigten Autoren – bis er dann in rascher Folge, auch das vielleicht bezeichnend für den Literaturbetrieb, zwischen 2003 und 2007 den Fontane-Preis, den Fallada-Preis, den Kleist-Preis bekam – 2004 den bedeutendsten deutschsprachigen Literaturpreis, den Georg-Büchner-Preis.

Wilhelm Genazino war ein passionierter Stadtgänger, ein Flaneur. Er hatte nichts dagegen, wenn man ihn im Gespräch einen Stadtstreuner nannte, denn er wusste, dass er die Straßen von den Rändern her, aus der Untersicht beobachtete, das Treiben skeptisch, den delirierenden Hochbetrieb sowieso. Genazino hat die feinsinnigsten Flanerien veröffentlicht, denn er verstand sich auf exquisite Feuilletons. Zudem sind die Angestellten seiner Romanwelt, die schrägen Typen von einer sagenhaften Aufmerksamkeit, den Dingen des Alltags gegenüber. Genazino ist der Autor der Aufmerksamkeitsmonster. Seine Antihelden mögen von einer ungemeinen Lethargie befallen sein. Einer enervierenden Unlust, einem sie zermürbenden Phlegma. Zugleich sind sie von einer leidenschaftlichen Neugierde befallen, einer Gier dem Nächsten gegenüber. Immerzu sind wir Leser dabei, wenn sich eine Genazino-Figur belauert. Die Einwände, die dabei zustande kommen, betreffen besonders stark den eigenen Körper. Nicht weniger dramatisch der Chor der Bekenntnisse, mit denen Seelenpein orchestriert wird.

Genazinos Werk handelt davon, wie die Panik die Protagonisten aufscheucht, wie die innere Unruhe ein Ich die Ausflucht im Umherlaufen suchen und zu einem Unruhegeist werden lässt. So vergeht in dem Roman „Wenn wir Tiere wären“ kein Tag, an dem die Unruhe nicht ausgeprägt wäre, an dem es gleichzeitig nicht auch zu einer tiefen Selbstversenkung in diese Unruhe käme: „Leider steckte ich gerade wieder in meinem eigenen inneren Oratorium, aus dem ich nur noch selten hervortrat.“

Wilhelm Genazino ist tot. Er starb am Mittwoch im Alter von 75 Jahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion