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Juli Zeh hat ihre Romanfiguren in die Realität überführt.
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Juli Zeh hat ihre Romanfiguren in die Realität überführt.

Juli Zeh

Eine Verwechslung mit Methode

  • Harald Jähner
    vonHarald Jähner
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Handwerk, für das man brennen muss: Noch mal zurück zu Juli Zeh und ihrem Roman „Unterleuten“, für dessen Personal sie vergleichsweise alberne Existenzen in der Wirklichkeit gezimmert hat.

Hat Juli Zeh einen Dorfkoller? Sie beendete einen Dorfroman und beendete ihn doch nicht; die erfundenen Dorfbewohner ließ sie weiterspuken, als gäbe es sie tatsächlich. Sie meldeten sich nicht aus dem Jenseits, aber aus dem Internet. Und das kam so: Mit großem Erfolg hatte die Schriftstellerin im März den Gesellschaftsroman ?Unterleuten? herausgebracht. Er spielt in einem gleichnamigen, fiktiven Dorf in der Prignitz und handelt – spannend und gewitzt erzählt – von allerlei Fehden zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen, zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Viel Hass rührt in „Unterleuten“ aus der Zeit der DDR-Bodenreform, auch die Wende hat nicht allen dasselbe Glück gebracht. Und dann sorgt auch noch das Geschäft mit der Windkraft für Missgunst.

Juli Zeh hat sich in den sozialen Kosmos von Unterleuten extrem hineingesteigert. In ihrer Phantasie habe sie fast zehn Jahre dort gelebt, erzählt sie auf ihrer Website und bisweilen habe sie das, was in ihrem Kopf ist, mit der Wirklichkeit verwechselt.

Diese Verwechslung hat allerdings Methode. Sie ist Absicht. Ihr Roman gehorcht einer Ästhetik, die darauf abzielt, die Figuren so lebensecht wie möglich anzulegen. Dieses Begehren ist in großer kultureller Münze das, was auch einen Modelleisenbahner antreibt. Aber das täuschend Echte allein reichte Juli Zeh nicht. Sie gab, so gut es eben ging, den Unterleutnern eigene Existenzen im Realen.

Manfred Gortz zum Beispiel. Der lebt zwar gar nicht im erfundenen Unterleuten, ist aber für das Dorf insofern von Bedeutung, als die Dorfbewohnerin Linda Franzen einen alles niederwalzenden Gestaltungswillen aus der Lektüre eines Ratgebers eben jenes Manfred Gortz bezieht. „Dein Erfolg“ heißt das schmale Bändchen, wird im Roman ausgiebig zitiert und ist bei Goldmann für 5,99 Euro im September 2015 erschienen. Der Autor Tobias Lehmkuhl von der „Süddeutschen Zeitung“ kam als erster darauf, dass es zwar das Buch gibt, aber seinen Autor Manfred Gortz nicht, dass also Juli Zeh den obskuren Ratgeber womöglich selber geschrieben habe.

„Stehen Sie nicht im Weg“

Juli Zeh freilich gab so schnell nicht auf. Sie stellte ein Youtube-Video ins Netz, in dem man einen korpulenten älteren Herrn sieht, der sich selbst als Triathlet und Buchautor namens Gortz vorstellt. Mit einem Charme, der Heiratsschwindlern Ehre machte, wenn auch etwas stockend, antwortet er auf Spekulationen, es gebe ihn nicht, vielsagend-nichtssagend: „Der Mensch ist eine Geschichte, die er sich selbst erzählt. Darin besteht unsere Freiheit. Sie ist beinahe grenzenlos.“ Auf einer Facebook-Seite, die Zeh ihrem Geschöpf eingerichtet hat, wendet sich Gortz in einem Eintrag direkt an den Kritiker. Dem „lieben Tobias Lehmkuhl“ rät er dort, das Glück nicht allein durch Schreiben, Recherchen und im Dreck Wühlen zu suchen: „Lassen Sie die Leute nur machen, stehen Sie nicht im Weg.“

Man muss zugeben, es ist toll, wie Juli Zeh mit leichter Anpassung an Facebook-Gepflogenheiten den Gortz-Ton trifft, den sie im Ratgeber angeschlagen hat. Wie sie überhaupt für alle ihre Figuren jeweils unterschiedlichste Tonlagen anspielen und mit der Erzählerperspektive verknüpfen kann – das ist ein mustergültiges Spiel auf der Klaviatur der sozialen Typenlehre. Inzwischen hat die Autorin, wenn man so will, „zugegeben“, dass sie „Dein Erfolg“ selbst geschrieben hat samt der Rezensionen auf Amazon.

In einer schriftlichen Erklärung wies sie auf weitere ihrer Romanfiguren hin, die die Fiktionsgrenze verlassen hätten. Den armen Frederik Wachs hat sie im Forum der „Reiter Revue“ einen Disput über Frauen vom Zaun brechen lassen, die ihr Pferd mehr lieben als ihren Mann. Die Unterleutner Dorfkneipe „Der Märkische Landmann“ ist im Netz mit der aktuellen Speisekarte vertreten. Und den Vogelschützer Gerhard Fließ gibt es auf einer Internet-Seite seines in Wirklichkeit ebenfalls nicht existierenden Vogelschutzbundes auf einem kleinen Bild zu sehen, das allerdings verdächtig dem Schriftsteller Rolf Schneider ähnelt. Und so weiter und so fort.

Wirklich lustig ist das nicht. Die Figuren ihres Romans bekommen durch die Gimmicks eine Drolligkeit, die sie nicht verdienen. Sie sind einem beim Lesen ja ziemlich nah gekommen, sind über die Zeit, die es braucht, über 600 Seiten zu lesen, teure Begleiter der eigenen Phantasie geworden. Was also will Juli Zeh mit dem vergleichsweise albernen Fortleben ihres Romanpersonals erreichen? Marketing? Publicity? Kann Sie einfach nicht loslassen? Muss man sich gar um sie Sorgen machen?

Ein amerikanisches Verfahren

Sie überdehnt hier ein Verfahren, das in der Tradition des amerikanischen Drehbuchschreibens seinen Anfang nahm. Dort bekommen auch kleine Nebenrollen jenseits des eigentlichen Drehbuchs sogenannte Rollenlegenden. Das sind erfundene Biographien, die den Figuren zugrunde gelegt werden, um sie so lebensecht wie möglich zu gestalten. Wann geboren, welche Eltern, Bildungsweg, politische Einstellung, erste Liebe, traumatische Erlebnisse, durchlittene Krankheiten und Beziehungen, ferner Aversionen und Vorlieben, Reiseziele, Lieblingsspeisen – alles, was den Menschen zum Charakter macht, wird dort inventarisiert, auch wenn es in der eigentlichen Geschichte nie auftauchen wird. Für Bestsellerautoren ist das eine Plausibilitätsübung, die in zahllosen Schreibkursen gelehrt wird. Lernziel: Die Konstruktion von Glaubwürdigkeit.

Die US-Vorbilder sind „Unterleuten“ deutlich anzumerken; dass jene willensstarke Linda, die das Buch „Dein Erfolg“ verschlingt, mit Nachnamen Franzen heißt, ist eine Reverenz an den berühmten Jonathan Franzen. Wie dessen große Erzählwerke ist „Unterleuten“ eine postmoderne Variante des realistischen Gesellschaftsromans, der von Zeh stilistisch noch einmal strikt durchrationalisiert worden ist. Fast jedes der gut portionieren Kapitel endet mit einem veritablen Cliffhanger.

Für die deutsche Literatur ist dieser episodenhaft pointierte Langstreckenstil, mit dem sich der Roman zurückholt, was die modernen Fernsehserien von ihm gelernt haben, ziemlich neu. Mag sein, dass das keine große Literatur ist, aber es ist ein Handwerk, für das man brennen muss. Um seinen Figuren so nahe zu kommen, dass sie der Realität zum Verwechseln ähnlich erscheinen, sind gewaltige psychische Energien aufzubringen. Kess gesagt: das kann man nicht so zurückgelehnt herunterschreiben wie einen Avantgarderoman. Kunst verzeiht viele Fehler, Unterhaltung keinen.

Gut möglich, dass Juli Zeh mit Gerhard Fließ und Linda Franzen, mit Manfred Gortz, Frederik Wachs und all den anderen noch etwas herumspielen musste, bevor sie sich abnabeln konnte. Dann wäre sie allerdings selbst den Illusionen ihrer Kunst erlegen. Dass Realismus auf Täuschung basiert, ist eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Leser und Autor, die im Zuge des Lesens immer wieder vergessen werden muss. Solche Imagination ist ein Triumph des Hirns, der mit bloßem Fake wenig gemein hat.

Von Harald Jähner

Verrat und Bosheit in Brandenburg: Matti Geschonneck hat Juli Zehs Bestseller „Unterleuten“ beeindruckend verfilmt.

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