„Protestantismus im Kalten Krieg"

Eine versunkene Welt

Der evangelische Kirchenhistoriker Martin Greschat beschreibt mit nachsichtiger Sympathie die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen im protestantischen Milieu vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.

Von Dagmar Pöpping

Protestanten haben diese Republik mehr geprägt, als vielen von ihnen heute bewusst ist. So sieht es der evangelische Kirchenhistoriker Martin Greschat, der mit nachsichtiger Sympathie die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen im protestantischen Milieu vor dem Hintergrund des Kalten Krieges beschreibt. Damit führt er fort, was er in seinem Buch über die ersten Nachkriegsjahre „Die evangelische Christenheit und die deutsche Geschichte nach 1945“ begonnen hat.

Während die Katholiken durch die Lehrhoheit ihrer kirchlichen Führung immer wussten, wo es lang geht und nach 1945 bruchlos ihren Weltanschauungskrieg gegen den Kommunismus fortsetzten, brachten Protestanten zu den brennenden Entscheidungen der Zeit wie der Westbindung der Bundesrepublik und ihrer Wiederbewaffnung ein ebenso entschlossenes Ja wie Nein hervor. Hier stritten „bruderrätliche“ Kreise um Niemöller und Heinemann, die zur Zeit des Nationalsozialismus zum radikalen Teil der Bekennenden Kirche gehörten, mit konservativen Lutheranern und den gemäßigten Kreisen der Bekennenden Kirche, wie Hans Meiser und Otto Dibelius.

Niemöller und Heinemann forderten ein neutrales Deutschland, was in Anbetracht der Machtverhältnisse des Kalten Krieges schon bald nicht mehr realistisch war. Ihre Gegner hingegen traten für eine Westbindung der Bundesrepublik ein. Beide Seiten hatten aus der Zeit des Nationalsozialismus gelernt, dass evangelische Christen mitverantwortlich waren für die ethisch-moralische Neuausrichtung der Gesellschaft. Nicht zuletzt auch deshalb, weil gerade die Protestanten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die kulturellen Träger von Nationalismus und Obrigkeitsglauben in Deutschland gewesen waren und nun eine Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes empfanden. Doch während die bruderrätliche Fraktion jeder staatlichen Obrigkeit misstraute und dabei die kommunistischen Regime mit den westlichen Demokratien grundsätzlich gleichsetzte, betonten ihre Gegner, dass demokratisch legitimierte Obrigkeiten wie die Bundesrepublik durchaus die Anerkennung und Mitarbeit der Christen verdienten.

In der DDR half der Rückzug in den binnenkirchlichen Raum beim „Überwintern“

Greschat zeigt, dass während dieser Zeit harter politischer Gefechte, in denen kirchliche Führer eine prominente Rolle spielten, innerhalb der Kirche eine bibelzentrierte Frömmigkeit dominierte, beeinflusst von der Theologie Karl Barths und der Bekennenden Kirche. Sie passte gut in eine Zeit, in der viele nach einer Periode der politischen Extreme den Rückzug ins Private suchten. In der DDR half der Rückzug in den binnenkirchlichen Raum den schnell schrumpfenden Gemeinden in der Diktatur zu „überwintern“.

Mag man heute über die Realitäts- und Politikblindheit mancher evangelischer Theologen der 50er Jahre lächeln, so wird doch deutlich, dass Figuren wie Niemöller und Heinemann auf lange Sicht eine große Wirkung entfalteten. Nicht zuletzt sie waren es, die Anfang der 50er Jahre die Tür zur SPD aufstießen und damit eine Neuorientierung des Protestantismus einleiteten, die erst gegen Ende der 60er Jahre breite Teile des Kirchenvolkes erfasste.

Martin Greschat erzählt die Geschichte des Protestantismus im Kalten Krieg in verschiedenen Dimensionen, ausgehend von der Weltpolitik, über die Geschichte der beiden deutschen Staaten, gefolgt von der Geschichte der protestantischen Kirchen in beiden Teilen Deutschlands und schließlich endend mit der sehr lesenswerten Geschichte des Genfer Weltkirchenrates. Der Protestantismus wird als Diskursgeschichte seiner leitenden und prominenten Figuren vorgestellt, die sich in einer Flut von Denkschriften, Zeitungspolemiken und Offenen Briefen äußerte. Aus seiner Methode, ein Thema wie eine Fuge in wechselnden Perspektiven immer von Neuem zu entfalten, ergeben sich zuweilen Wiederholungen und allzu viele Verweise auf früher oder später Gesagtes. Hier hätte ein mutigeres Lektorat dem Buch gut getan. Zudem wäre ein Sachregister für den historisch Interessierten nützlich gewesen.

Greschat bewertet die Positionen der Streitenden nüchtern und angenehm zurückhaltend. Staunend steht der Leser vor einer versunkenen Welt voll von düsteren Prophetien und leidenschaftlich-christlichem Aufbegehren. Nicht zufällig vergleicht Greschat den Kalten Krieg mit den Religionskriegen im Europa der Frühen Neuzeit. Doch was für die Zeitgenossen vielfach nur wie eine Serie aufreibender Konflikte ausgesehen haben mag, kann aus heutiger Sicht als Ausdruck einer neuen demokratischen Streitkultur im deutschen Protestantismus gelten. Insofern ist das Buch auch ein Beitrag zur protestantischen Identitätsfindung in der Gegenwart.

Martin Greschat: Protestantismus im Kalten Krieg. Kirche, Politik und Gesellschaft im geteilten Deutschland 1945–1963. Schöningh 2010, 454 S., 48 Euro.

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